Mamas & Papas

Von Tobsucht und Auftritten mit der Haarbürste

Manche Eltern tun sich schwer damit, bei ihren Kindern mal Krach zu schlagen. Sie plagt ein übergroßes Harmoniebedürfnis. Aber Familie ist kein Wellnesshotel.

Wer seinem Kind nicht früh klarmacht, dass es keineswegs in Ordnung ist, mit der hölzernen Eisenbahnschiene seinem Spielkameraden eins überzuziehen, hat irgendwann ein Problem. Neulich sah ich, wie ein Streit zwischen zwei Sechsjährigen eskalierte. Es ging um ein Fahrrad. Der eine schob mit seinem Fahrrad friedlich vorbei, der andere wollte es haben. Kurzes Gezerre, dann nahm der eine Knirps Anlauf und sprang mit gestrecktem Kung-Fu-Bein den kleinen Fahrradbesitzer an. Der lag sofort im Staub. Die Mutter des Angreifers? Seufzte - und schaute weg.

Oder der Fall eines Fünftklässlers, der jetzt Nachhilfe braucht, weil er nicht richtig schreiben und lesen kann. Bildungsfernes Elternhaus? Mitnichten. Was war also passiert? Die Konflikte, die es eben kostet, den Sohn in den ersten Schuljahren bei den Hausaufgaben anzutreiben, sich ein bisschen dahinter zu klemmen, hatten die Eltern vermieden. Weil es ihnen zu anstrengend war? Nein, das nicht. Sie taten sich regelrecht schwer damit, ihrem Kind mal autoritär gegenüber zu treten. Diese Eltern sind schlicht und einfach konfliktscheu.

Aber diese Strategie der Konfliktvermeidung geht nie und nimmer auf. Denn es kommt der Tag, da zetteln nicht mehr wir Eltern einen Streit an, um ein Erziehungsziel zu erreichen. Sondern unsere Kinder fangen an, sich mit uns zu krachen, um ihre Ziele durchzusetzen. Das nennt man dann Pubertät.

Bei uns kündigen sich deren ersten Vorboten an. Unsere Tochter steht kurz vor ihrem zehnten Geburtstag. Sie hat sich im letzten Jahr sehr verändert. Sie schwärmt für Cro und Peter Fox. Sie achtet jetzt auf ihre Kleidung, zieht sich modisch an und ist trotzdem kaum noch zu entdecken, weil sie sich gerade den Pony rauswachsen lässt. Dauernd tanzt sie durch die Wohnung und singt, die Haarbürste als Mikro in der Hand, Lieder nach. Im Moment hat sie noch ein eher kindlich-rundes Gesicht, aber eines nicht mehr allzu fernen Morgens werde ich aufwachen, und ein junges Mädchen mit langen Beinen und schmalem Gesicht wird vor mir stehen. Alles ändert sich.

Sie fängt jetzt Streit mit mir an. Ein ganz normaler Abend in der Woche - die Kinder sollten Schlafanzüge anziehen und Zähne putzen. Meine Abendanweisungen kamen im freundlich-bestimmten Mütterton. Ich ließ die Kinder kurz alleine, ging in die Küche, um aufzuräumen. Als ich zurückkehrte, war nichts geschehen. Der Sohn ordnete seine Fußballkarten, die Tochter malte irgendwas. Meine Stimme wurde etwas schärfer. "Warum habt ihr noch keine Zähne geputzt?" Und plötzlich - wie aus dem Nichts - explodierte meine Tochter. "Ich habe es vergessen!", brüllte sie. "Hast du noch nie etwas vergessen?" Ich wagte anzumerken, dass jeden Abend Zähne geputzt werden - was solle man da groß vergessen? Sie stapfte wütend ins Bad, griff die Zahnbürste und spottete: "Oh ja - du weißt ja immer alles." Mein Sohn und ich schauten uns irritiert an. Alles an der Tochter war heftig: ihre Gestik, ihre Lautstärke, ihre Tonart. Nur der Anlass gab es nicht her.

Da sprang ihr kleiner Bruder auf und rief emotional, mit beiden Armen rudernd: "Ich gehe jetzt auch Zähne putzen!" Wir mussten alle lachen. Gut dass er da war. Und wusste, was jetzt zu tun war - geübt ist geübt. Wir wissen uns zu streiten. Und zu versöhnen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher