Dinge des Lebens

Omas guter Ton

Sandra Götsch, 43 Jahre, Knigge-Trainerin aus Gatow

War es der zwölfte oder der 13. Geburtstag? Heute ist sich Sandra Götsch nicht mehr sicher. Dafür kann sie sich aber umso besser daran erinnern, wie sie sich freute, als sie das dicke Buch aus dem Geschenkpapier hervorgeholt hatte: "Endlich mein eigener Knigge!" Ein Knigge für eine Zwölfjährige? Klingt nicht gerade nach dem ultimativen Teenager-Wunsch, "aber meiner war es eben", erzählt die 43-Jährige heute lächelnd. Ihren Freunden hat sie davon allerdings nichts erzählt - als verschroben wollte sie nicht gelten.

Die Leidenschaft für gute Manieren hat die gebürtige Charlottenburgerin vor allem ihrer Oma zu verdanken. "Die Oma hat ihre Geburtstage immer in einem guten Restaurant gefeiert", erzählt Sandra Götsch. Als kleines Mädchen staunte sie über die vielen Gabeln, Löffel, Messer und Teller auf dem Tisch vor sich. Welche Gabel zuerst? Kartoffeln schneiden, zerquetschen oder ganz in den Mund? Ein verstohlener Blick nach links oder rechts half da nicht unbedingt weiter: An den Nachbartischen lief auch nicht alles Knigge-glatt. "Zum Glück kannte sich meine Oma gut aus", erinnert sich ihre Enkelin. Schließlich hatte Oma auch ein dickes Benimm-Regelwerk im Schrank. "Der gute Ton von heute. Gesellschaftlicher Ratgeber für alle Lebenslagen" heißt es und stammt aus den 50er-Jahren. Auf fast 500 Seiten werden darin Dress-Code, Manieren bei der Begrüßung und bei Tisch bis hin zu Details wie der Umgang mit Schalentieren oder Blähungen besprochen. Sandra Götsch streicht liebevoll über den schlichten Leineneinband mit den goldenen Lettern. Das rote Buch begleitet sie, seit sie denken kann - und ist ihr heute nicht nur privat, sondern auch beruflich ein unentbehrlicher Ratgeber.

Schon als Erstklässlerin blätterte Klein-Sandra gern im "Guten Ton". Vor allem an den Abbildungen blieb sie hängen. Ein Paar im Gespräch am Nierentisch, ein Gentleman hilft einer Dame im Petticoat in den 220er-Mercedes: Fasziniert betrachtete das Mädchen die Fotos und tauchte ab in eine Welt, an der sie teilhaben wollte. So besuchte Sandra Götsch schon mit zehn Jahren ihren ersten Tanzkurs. Spätestens da war klar, dass Twinset, Bluse und Mokassins besser zu ihr passen als zerrissene Jeans und Turnschuhe. "Zugegeben, ein bisschen altbacken sah ich wohl schon aus", sagt sie heute, wo sie immer noch gern Blusen, aber auch Jeans und Stiefel trägt. Mit 14 Jahren ging Sandra Götsch regelmäßig mit ihrem Vater auf Kreuzfahrten und konnte auch da ihre Benimm-Kenntnisse anwenden.

Der Knigge ist aus Sandra Götschs Leben nicht wegzudenken. Auf Reisen hat sie stets eine Pocket-Ausgabe dabei und auf dem Nachttisch liegt auch ein Exemplar. Wer sich gut benimmt, der kommt leichter durchs Leben - davon ist die 43-Jährige überzeugt. Inzwischen hat sie die guten Manieren sogar zu ihrem Beruf gemacht: Seit fast vier Jahren ist sie Knigge-Trainerin. Zuvor arbeitete Sandra Götsch als Bankkauffrau - "das war mein Traumberuf, seit ich 14 war". Als in der Bank Umstrukturierungen anstanden, absolvierte sie eine Ausbildung bei der Deutschen Knigge-Akademie in Essen und gibt nun für Kinder und Erwachsene Seminare zu Umgangsformen. "Die meisten Anfragen kommen zum Verhalten bei Tisch", sagt sie.

Aus eigener Erfahrung weiß die Mutter von drei Söhnen gut, wie mühsam es ist, Kindern Benimm-Regeln beizubringen. Sie schiebt sanft den Ellbogen ihres Achtjährigen vom Tisch, wenn der dort mal wieder gelandet ist. Mit den beiden älteren Jungen hat sie früher Wartezeiten mit einem Knigge-Quiz überbrückt. "Irgendwann wollten sie dann aber nicht mehr", gibt sie zu. Und das Knigge-Spiel für den Nintendo hat eigentlich auch nur die Mutter interessiert. Hängen geblieben ist wohl trotzdem genug. Im letzten Skiurlaub sorgte ihr Ältester sogar für gewisses Aufsehen: Im Restaurant half der 17-Jährige erst der Tochter einer befreundeten Familie aus dem Mantel und schob ihr dann auch noch den Stuhl an den Tisch.

Heute fragen die Söhne manchmal von sich aus, wenn sie einen Benimm-Tipp brauchen. Genauso wie Freunde. Werden die auch kontrolliert? "Nein, ich gehe doch nicht zu einem Brunch und korrigiere da jeden. Nur wenn ich gefragt werde, sage ich etwas." Eine Freundin war mal mit Sandra Götsch essen und hatte vorher festgelegt: "Du sagst mir alles, was ich falsch mache". Das war offenbar eine Menge. Jedenfalls wollte die Freundin danach nicht noch einmal mit ihr ins Restaurant gehen. "Natürlich hat sie das nur aus Spaß gesagt", erzählt die Knigge-Trainerin. Aber das Essen sei eben der Bereich, bei dem es bei den meisten Menschen hapere und der auch besonders schwierig sei. Man denke nur an Julia Roberts als "Pretty Woman".

Ein Fauxpas wie fliegende Schnecken sind Sandra Götsch selbst bislang nicht passiert. Wenn man von der Sache mit dem Löffel absieht. "Lange Zeit habe ich immer den Milchschaum vom Löffel abgeleckt, wenn ich in meinem Latte Macchiato gerührt habe", erzählt sie. Heute weiß sie, dass das falsch ist. Der Löffel kommt nach Knigge nur dann in den Mund, wenn etwas Essbares hinein soll. Zu Hause leckt sie Milch trotzdem noch ab, "ist doch einfach zu lecker", aber im Restaurant nicht mehr. "Gestört hat das aber nie jemanden", sagt Sandra Götsch. Kein Wunder: Wer kennt denn schon diese Regel?

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung hat oder der Sie schon sehr lange begleitet? Dann schreiben Sie uns doch einfach: familie@morgenpost.de