Literatur

Geschichten für alle

Märchen werden von Alt und Jung geliebt. Warum? Sie zeigen, was gut und was böse ist und wie man Schwierigkeiten überwindet. Sie lassen uns staunen und erinnern. Und sind heute so aktuell wie damals .

Es waren einmal zwei Brüder, die hießen Jacob Ludwig Carl und Wilhelm Carl. Sie wurden berühmt, weil sie Märchen sammelten, die schon über Jahrhunderte weitererzählt worden waren. Die Sammlung veröffentlichten sie in einem Buch, das am 20. Dezember 1812 in Berlin erschien. Mittlerweile zählen die "Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm zum Unesco-Weltdokumentenerbe. "Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich", "Der Wolf und die sieben Geißlein" oder "Hänsel und Gretel" kennt man in aller Welt. Bis heute werden Grimms Märchen von Generation zu Generation weitererzählt, Eltern lesen sie ihren Kindern vor, Großeltern ihren Enkeln. In der Stadt, auf dem Land, unabhängig vom Einkommen und der sozialen Schicht. Grimms Märchen sind universell. "Sie sind eine der wenigen kulturellen Gemeinsamkeiten unserer Gesellschaft, ähnlich wie früher die Bibel", sagt Gundel Mattenklott, Professorin (a.D.) an der UdK und Expertin für Kinder- und Jugendliteratur, Mythen und Märchen.

"Grimms Märchen wurden lange Zeit gern als deutsches Kulturgut gesehen", so Gundel Mattenklott. "Die Forschung zeigt aber, dass die Grimms neben deutschen Märchen viele Geschichten aus dem Französischen und Italienischen in ihre Sammlung übernommen haben." In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sei die Sammlung zu einem "Buch der Deutschen" stilisiert, die Märchen als Verkörperung der Seele des deutschen Volkes verstanden worden - "obwohl die Märchenstoffe und -motive in vielen anderen Kulturen auftauchen und nicht begrenzt auf ein Land oder eine Kultur sind." Erst mit den Grimms seien Märchen übrigens zum Gegenstand der Forschung geworden.

Zum 200-jährigen Jubiläum starten in diesen Tagen wieder die Berliner Märchentage. Seit dem 8. und noch bis zum 25. November gibt es unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit 1200 Veranstaltungen an 350 Orten in und um Berlin, die sich mit den Brüdern Grimm und deren Märchen beschäftigen. Die Ausstellung "Rotkäppchen kommt aus Berlin" zeigt in der Staatsbibliothek die Grimmsche Publikationsgeschichte. Jeweils mehr als 150.000 Besucher kamen in den vergangenen Jahren zu den Märchentagen. Veranstalter ist das im Nikolaiviertel sitzende "Märchenland - Deutsches Zentrum für Märchenkultur", das die beiden Berlinerinnen Silke Fischer (51) und Monika Panse (44) im Jahr 2004 gegründet haben. Ihr Anliegen ist es, sagen sie, "das Kulturgut Märchen in das Bewusstsein unserer Gesellschaft einzuprägen". Letztendlich aber liegt der Arbeit der Frauen auch eine ganz persönliche Liebe zugrunde: die zu Märchen und Sagen.

Eine ganz persönliche Liebe

"Meine Großmutter hat mir, als ich Kind war, viel vorgelesen", erinnert sich Silke Fischer. "Ich war damals viel krank und oft bei ihr." Sie sitzt mit ihrer Freundin und Kollegin Monika Panse in deren Wohnzimmer in Lichterfelde-West. Auf dem Sofa sind von Hand bemalte Kissen mit Märchenmotiven drapiert, die Panses Mutter gestaltet hat. Auch Monika Panse ist mit Märchen aufgewachsen. In ihrer Heimat Warschau habe sie als Kind auf dem Teppich gelegen und "Aschenputtel", "Der gestiefelte Kater" und all die anderen Geschichten immer und immer wieder auf Schallplatte angehört. "Stundenlang konnte ich das!"

Beide Frauen haben sich bis heute ihre liebsten Geschichten bewahrt. "Ich kann mich mit dem gestiefelten Kater am meisten identifizieren", sagt Monika Panse. Er ist auch das aktuelle Maskottchen ihres Märchenlandes. "Jorinde und Joringel ist mein romantisches Lieblingsmärchen", sagt Silke Fischer. "Und den schönsten Anfang hat ,Der Froschkönig': 'In alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte einmal ein König, der hatte wunderschöne Töchter... Das ist doch wunderschön." Das tollste Ende: "Hans im Glück!" Dort heißt es: ",So glücklich wie ich', rief er aus, ,gibt es keinen Menschen unter der Sonne.' Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war." Silke Fischer erklärt: "Das bedeutet, er geht gern nach Hause, die Mutter meckert nicht - da kann man sich selbst eine Scheibe abschneiden." Die Frauen lachen.

Sie haben eine Art Manifest verfasst. Darin heißt es: "Märchen schaffen Gemeinschaft: Für Kinder bedeuten Märchen die erste Berührung mit Literatur. Erwachsene erinnern sich zeitlebens an sie. Märchen gehören zu den tiefsten und nachhaltigsten Eindrücken, die ein Mensch je erfährt." Fischer und Panse sind überzeugt: Märchen vermitteln Werte, Kinder lernen mit ihrer Hilfe, Gut und Böse einzuschätzen, hinter die Fassade eines Menschen zu gucken, sich nicht blenden zu lassen. "Und sie lernen, dass jedes Handeln Folgen hat", sagt Fischer. "Märchen fördern nicht nur Fantasie und Kreativität, sondern auch Gerechtigkeitsempfinden und Verantwortungsbewusstsein." Und Panse ergänzt: "Märchen erzählen von der Überwindung von Widerständen, die Helden sind mutig und zielstrebig, sie sind gute Vorbilder."

Märchen machen Mut

Expertin Mattenklott sieht in den Märchen weniger moralische Geschichten, hält es aber aus anderen Gründen für wichtig, dass Kinder sie kennenlernen: "Zaubermärchen, der am meisten verbreitete Märchentyp, erzählen Entwicklungsgeschichten. Es geht darum, erwachsen zu werden, Schwierigkeiten in Beziehungen zu überwinden. Die Helden sind Jugendliche, die gegen alle Widerstände stark bleiben und am Ende das große Los ziehen, den Prinzen oder die Prinzessin heiraten. Das sind attraktive Figuren für Kinder, sie geben Mut. Auch deshalb sind sie bis heute aktuell." Zurzeit beobachtet die Märchenforschung einen regelrechten Märchen-Hype. "Parallel dazu erlebt die fantastische Kinderliteratur seit Jahren einen Boom - und sie knüpft direkt ans Märchen an."

Silke Fischer sammelt Märchenbücher seit ihrer Kindheit, "ich habe bestimmt 500 Bände", sagt sie. "Märchen waren immer mein Thema, schon im Studium." Ihr Abschlussthema hieß "Europäische Märchen und brasilianische Kinderliteratur". Auch Monika Panse beschäftigte sich an der Universität mit Erzählungen und schloss mit einer Arbeit zu den "Hässlichkeitsdarstellungen in der höfischen Epik des deutschen Mittelalters" ab. Was sie selbst glücklich machte, gaben Fischer und Panse auch an ihre eigenen Kinder weiter. Insgesamt haben sie fünf Kinder, Monika Panse vier, Silke Fischer eines.

"Mir wurde viel vorgelesen und ich habe oft die alten Schallplatten meiner Mutter gehört", erzählt Fischers Sohn Moritz (18). "Der Wolf und die sieben Geißlein fand ich ein bisschen gruselig, das weiß ich noch." In dem Märchen warnt die Geißmutter ihre Geißlein vor dem bösen Wolf, der sich verstellt, um den Nachwuchs mit Haut und Haar fressen zu können. "Es wird oft behauptet, Märchen seien veraltet", sagt seine Mutter. "Doch tatsächlich sind die Geschichten übertragbar auf heute. Mobbing zum Beispiel: Die Geschichte vom Hasen und dem Igel zeigt, dass der Schwächere, der geärgert wird, trotzdem gewinnen kann. Oder Missbrauch: Das Märchen vom Wolf und den Geißlein ist ein gutes Sinnbild dafür." Mit Märchen könne man Kindern Problemlagen erklären. Und: "Kinder sind das künftige Publikum für kulturelle Veranstaltungen", sagt Monika Panse. "Sie müssen früh ins Boot geholt werden."

Bei Familie Panse wurden die Märchenbücher von Kind zu Kind weitergegeben. Nachdem der älteste Sohn Christof (21) schon die alten Geschichten liebte, las Panse auch ihrer jüngeren Tochter und den jüngsten Söhnen aus den alten Ausgaben vor. Auch das Vorlesen an sich, findet sie, ist wichtig: "Man schenkt Zeit, ist sich nah, schafft Rituale." Fischer stimmt ihr zu: "Ich kann nicht verstehen, wie sich Eltern diese kostbaren zehn Minuten abends beim Ins-Bett-bringen entgehen lassen können."

Panses Jüngster, der fünfjährige Jan, hat nun ein eigenes Lieblingsmärchen: "Der Kaiser und die Nachtigall" von Hans Christian Andersen. Da kennt er sogar ein paar Stellen auswendig: "In China, weißt du ja wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um sich hat, sind Chinesen..." Seine Brüder lachen. Dann erzählt der Kleine sein zweites Lieblingsmärchen "Frau Holle" von den Brüdern Grimm: "Eine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule viel lieber..." Ende des Monats, da freut er sich schon drauf, wird "Frau Holle" im Wintergarten Varieté aufgeführt, in Kooperation mit den Märchentagen. Auch der 18-jährige Moritz hat daran Interesse. Er findet: "Für Märchen ist man nie zu alt." Die "Lange Nacht der Märchenerzähler" hat sich Moritz ebenfalls als Termin vorgemerkt.

Eine Sehnsucht, die bleibt

Die Sehnsucht nach Märchen scheint ungebrochen gerade in der Vorweihnachtszeit. "Erwachsene lieben Märchen, weil sie an die eigene Kindheit erinnern", sagt Märchenexpertin Mattenklott. "Selbst wenn das nicht nur positive Erinnerungen sind, sondern Märchen auch mit Angst oder Grusel zu tun haben - Erinnerungen sind für Erwachsene immer etwas sehr Kostbares. Und deshalb erscheinen auch Märchen für uns so kostbar und wir wollen sie an unsere Kinder weitergeben."

Weil das nicht alle Eltern zu Hause können, entwickeln Fischer und Panse gemeinsam mit Lehrern und Erziehern Konzepte für den Unterricht. Ihr "Märchenland" kooperiert mit dem Bundesrat und dem Abgeordnetenhaus sowie mit der Senatskanzlei und der Stiftung Brandenburger Tor. Im September stellte Berlins Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja, das Projekt "Es war einmal... Märchen und Demenz" vor, dessen Ziel es ist, durch das Erzählen von Märchen einen Zugang zu Demenzpatienten zu bekommen. "Märchen sprechen als kulturelles Bindeglied das Langzeitgedächtnis aller Generationen an", sagt Fischer. Das Wecken von Kindheitserinnerungen, so die Hoffnung, vermittelt Geborgenheit und Sicherheit und trainiert das Gedächtnis. In zwei Berliner Pflegeeinrichtungen wird das nun versucht. Für ihre vielen Projekte sind Fischer und Panse stets auf der Suche nach Sponsoren und Spendern. "Den Goldesel im Keller haben wir leider nicht", sagt Silke Fischer und lacht. Denn den gibt's leider wirklich nur im Märchen.