Sprechstunde

Muss ich die Kindererziehung mit meinem Ex teilen?

Mein Mann und ich haben uns getrennt. Unsere Töchter (acht und zehn Jahre alt) leben bei mir, sie sehen den Vater aber sehr oft. Nun verlangt der Vater, dass wir uns die Erziehung genau teilen. Die Kinder sollen eine Woche bei mir und eine Woche bei ihm sein. Von der Wohnungssituation her würde das funktionieren. Ich weiß aber nicht, ob das für die Töchter gut ist. Was meinen Sie?

(Claudia M., Köpenick)

Wenn sich Eltern getrennt haben, ist es oft das schwierigste Problem zu bestimmen, wie die Kinder betreut werden. In der Regel leben die Kinder nur bei einem Elternteil, zumeist der Mutter. Auch der Vater muss aber am Leben und an der Erziehung seiner Kinder teilhaben. Dass der Vater möglichst viel Umgang mit den Kindern hat, ist im Interesse aller. Kinder brauchen für eine gesunde Entwicklung beide Elternteile. Der Vater hat ein wichtiges eigenes Interesse, das Aufwachsen seiner Kinder mitzuerleben, und auch für die Mutter ist die Entlastung wichtig. Trotzdem gibt es um das Umgangsrecht oft Streit. Der Streit zwischen den Eltern wird auf die Kinder ausgedehnt, oder die Mutter meint, der Vater würde bei der Erziehung alles falsch machen. Das ist bei Ihnen glücklicherweise nicht das Problem, wenn der Vater schon jetzt intensiven Kontakt zu den Töchtern hat. Das heißt aber nicht automatisch, dass es gut wäre, den Umgang so sehr auszuweiten, dass Vater und Mutter einen gleich großen Beitrag zur Erziehung leisten.

Was Ihr Mann erwartet, wird als Wechselmodell bezeichnet. Ob es günstig ist oder Kindern eher schadet, ist nicht eindeutig erwiesen. Die Frage lässt sich vermutlich auch nicht allgemein beantworten: Die Antwort hängt von den Besonderheiten der Familie ab. Wie gut das Modell ist, ist auch eher eine pädagogische oder psychologische Frage, die aus juristischer Sicht gar nicht beantwortet werden kann. Aus juristischer Sicht ist aber die Frage zu beantworten, ob Ihr Mann von Ihnen die Zustimmung zum Wechselmodell verlangen kann. Diese Frage ist im Gesetz nicht geregelt. Sie wird von den Gerichten auch nicht einheitlich beantwortet. Vor noch gar nicht langer Zeit waren die Gerichte der Auffassung, dass ein Wechselmodell nicht einmal bei Einverständnis beider Eltern möglich sei. Die elterliche Sorge musste bei getrennten Eltern zwingend einem Elternteil übertragen werden.

Das Gesetz ist in diesem Punkt geändert worden. Die gemeinsame elterliche Sorge auch nach der Trennung ist heute die Regel. Trotzdem sind die meisten Gerichte noch der Auffassung, dass der Lebensmittelpunkt der Kinder bei einem Elternteil sein muss. Ein Wechselmodell ist deshalb nur möglich, wenn sich beide Eltern darauf verständigen. Deshalb würde Ihr Mann in einem streitigen gerichtlichen Verfahren seinen Wunsch nach dem Wechselmodell wohl nicht durchsetzen können.

Ihre verantwortliche Entscheidung als Mutter, ob Sie dem Wechselmodell zustimmen wollen, kann Ihnen Ihr anwaltlicher Berater nicht abnehmen. Er kann aber einen weiteren Hinweis geben: Wenn der Vater ein Wechselmodell vorschlägt, hat er manchmal nicht so sehr das Wohl seiner Kinder im Auge, sondern seine finanziellen Interessen. Von diesem Modell hängt nämlich ab, ob der Vater an die Mutter Kindesunterhalt zahlen muss oder nicht. Wenn die Kinder ihren Lebensmittelpunkt bei der Mutter haben, muss der Vater monatlich einen einkommensabhängigen Unterhalt für jedes Kind an die Mutter zahlen. Ob die Kinder den Vater häufig oder selten besuchen, hat auf die Höhe des Unterhalts keinen Einfluss. Wird jedoch ein Wechselmodell praktiziert, muss kein Elternteil mehr an den anderen Unterhalt für die Kinder zahlen. Jeder Elternteil ist dann voll für den Bedarf der Kinder zuständig, während sie bei ihm leben.

Wenn Sie auch eine Frage haben, schreiben Sie an familie@morgenpost.de

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht