Mamas & Papas

Rocken - bis die Bandscheibe heult

Wir sind eine moderne Familie. Musikalisches Entertainment gehört zu unserem Bildungskanon. Vor zehn Jahren haben wir den Großen zu einem Konzert von "Rosenstolz" mitgenommen.

Er war fasziniert, wie merkwürdig sich ältere Menschen aufführen, wenn es dunkel wird, alkoholische Getränke zum Einsatz kommen und auf der Bühne vom süßen Schmerz des Lebens und der Liebe geträllert wird. Vergangenes Jahr waren wir bei "Deichkind", nicht mehr ganz so gemeinsam, eher arbeitsteilig: Wir haben die Tickets bezahlt, der Junge hat sich von uns fern gehalten. Er war nicht wirklich verschwunden, aber auch nicht richtig da, sondern bewegte sich in exakt jenem Abstand, der jedweden Verdacht erstickte, wir könnten miteinander zu tun haben. Es ist wirklich eine harte Prüfung, wenn die Heranwachsenden ihre treusorgenden Erzeuger plötzlich für peinlich halten. Das ist voll ungerecht. In der alten Jeansjacke bin ich der perfekte quasi-noch-fast-jugendliche Konzertgänger. Paah, wir haben schon den Rave gerockt, da war der Nachwuchs noch nicht mal in der Planungsphase. The Cure, Eloy, Simple Minds, Grobschnitt, David Bowie, Ultravox, alles live gesehen, die Chefin sogar Bob Marley, behauptet sie jedenfalls.

Was Oma und Opa ihre Kriegsgeschichten, das sind uns die Open-Air-Erlebnisse. Heidewitzka, was haben wir's krachen lassen damals, glaube ich jedenfalls. Teile der Erinnerung fehlen halt, wenn man alles gibt im knöcheltiefen Schlamm von Roskilde und Schüttorf. Und heute? Sollen wir jetzt zu André Rieu abgeschoben werden? Nichts da. Mittendrin im Leben, bis die Bandscheibe heult. Als ich dem Großen dann neulich stolz berichtete, dass ich Tickets fürs Fly Bermuda Festival in den Tempelhofer Hallen ergattert hätte, da traf mich nicht etwa Empathie, sondern ein drohender Blick: "Papa, da gehe ich mit meinen Leuten hin." Frechdachs. "Ich mit meinen auch", entgegnete ich und zog den Bauch ein. "Fritz Kalkbrenner legt auf", ergänzte ich fachmännisch und summte "Here today gone tomorrow". Der Große gähnte herzhaft und stülpte sich die Kopfhörer wieder über.

Am Tag der Tage hatte sich der Junge bereits nachmittags verkrümelt, als wolle er der pikanten Frage entgehen, ob man gemeinsam anreisen wolle. Ich wühlte durch meine T-Shirts: Irgendwas ersichtlich Teures, um Demut vor dem Kapital zu erzwingen? Den psychedelischen Smiley? Falke-Unterwäsche enganliegend klassisch erotisch? Oder Hemd, kariert? Die Infofilme auf Youtube waren wenig ermutigend. Die Jüngsten im Publikum könnten meine Enkel sein. Egal. Mit Mütze und Schal würde man mich ja wohl reinlassen. Oder gab es Alterskontrollen?

Frühstarten war uncool, weiß ja jeder. Also überbrückte ich die Zeit bis Mitternacht mit einigen Mischgetränken, also jenen Resten aus unserer Hausbar, die nicht eingetrocknet waren. Das Schädelbrummen nahm zu, als ich endlich das Tempelhofer Inferno betrat. Die Chefin hatte mich verabschiedet, als zöge ich in den Dreißigjährigen Krieg. Ich sah nichts, dafür schlugen mir die Bässe in den Magen und der Nebel auf die Lunge. Zwei Mixgetränke später ging es dann langsam besser. Mein Cha-Cha-Quickstep fand durchaus Beachtung, der Versuch einer Polonaise scheiterte leider an Mitmachermangel. Nach zwei Stunden musste ich an die frische Luft. Der Tinnitus würde eine Woche lang halten. Den Großen habe ich leider nicht gesehen. Schade. Er wäre stolz auf mich gewesen.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann