Dinge des Lebens

Ein Schrank für alle Fälle

Christa Wels, 73 Jahre, Rentnerin aus Steglitz

Für diesen Sandkuchen war Christa Wels kein Weg zu weit. Einmal im Monat lief sie, damals noch ein Schulmädchen, zu Fuß von der Schöneberger Barbarossastraße in die Isoldestraße nach Friedenau zu ihrer Oma. Dort angekommen, setzten sich die beiden an den großen Holztisch. Dann gab es "den besten Sandkuchen der Welt", sagt sie. Es wurde erzählt, gespielt, gelacht. "Dort fand das Leben statt." Und schon damals wanderte Christa Wels' Blick immer wieder zu dem wuchtigen Bücherschrank aus dunkler Eiche mit gedrechselten Säulen an den Seiten, der im Wohnzimmer an der Wand stand. "Dieser Schrank hat mich beeindruckt", sagt die Rentnerin heute, "er war groß, voll mit alten Büchern und Geschichten."

Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die Großeltern von Christa Wels nach Berlin. Der Großvater war königlicher Kriminalkommissar, später dann zeitweise der Adjutant von Hindenburg. In ihrer Friedenauer Wohnung richtete sich das junge Paar ein. "Das dunkle Holz, die Glastüren, die Verzierungen, das war eben die Mode", sagt Christa Wels. Fünf Kinder bekamen sie, eines davon war der Vater von Christa Wels. Der Bücherschrank stand immer auf demselben Platz im Esszimmer. Zwei Weltkriege hat er dort überstanden. "Ein Wunder eigentlich", sagt Christa Wels.

Als die Großmutter Witwe wurde, pflegte die Tante, die mit ihrer Mutter zusammen wohnte, die alte Frau - und beerbte sie. Christa Wels war weiterhin regelmäßig zu Gast in der Friedenauer Altbauwohnung. Sie redete mit der Tante - und bewunderte den Bücherschrank. "Irgendwann, da war ich schon eine junge Frau, habe ich mich dann getraut", erinnert sich Christa Wels. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und vertraute ihrer Tante an, dass sie ganz besonders an diesem Bücherschrank hänge. Warum, kann sie gar nicht ganz genau sagen. "Wahrscheinlich weil er immer da an seinem Platz stand", sagt sie, "er erinnert mich an meine Kindheit, an meine Großmutter, an die Tante, an eine vergangene Zeit. Und wie viel Mühe man sich mit der Schnitzerei gegeben hat. Einfach wundervoll."

Die Tante war ein wenig überrascht von der "Liebeserklärung", versprach aber, an ihre Nichte zu denken, wenn es an der Zeit sei. Von dem Tag an überkam Christa Wels jedes Mal der Besitzerstolz, wenn sie die Wohnung in Friedenau betrat. Und die Tante hielt Wort. "Sie starb vor zwölf Jahren", sagt Christa Wels, "und sie hat mich tatsächlich als Erbin des Bücherschranks in ihr Testament geschrieben." Glücklich holte sie das Erbstück ab - musste aber feststellen, dass es gar nicht durch das Treppenhaus zu ihrer Charlottenburger Wohnung passte. Denn auseinanderbauen kann man den 2,50 Meter hohen und 1,20 Meter breiten Schrank nicht einfach. "Wir haben ihn dann durch das Fenster gehievt", sagt sie. Auch beim nächsten Umzug nach Potsdam gab es wieder Transportschwierigkeiten mit dem alten Schrank. "Aber da waren wir ja schon geübt. Und durchs Fenster ging es dann wieder."

Der dritte Umzug nach Steglitz verlief vergleichsweise problemlos, der Schrank passte durch alle Türen. Nun steht er im Wohnzimmer. Am Glasfenster klebt ein Zirkusbild, das die Enkeltochter gemalt hat, auf den Regalböden stehen Bücher und Krimskrams - "und hinter der Klappe ist mein Büro", sagt Christa Wels, "das ist wirklich praktisch." Und dann noch das "Geheimfach" unter der Sitzbank. "Da geht viel rein. Sogar mein ganzes Geschenkpapier", sagt Christa Wels. Ein Schrank für alle Fälle. Düster, so wie im dunkel eingerichteten Wohnzimmer der Großeltern mit dem Druck von Arnold Böcklins Toteninsel an der Wand, wirkt der Schrank jetzt überhaupt nicht mehr. Vielmehr erzählt er zwischen all den hellen, modernen Möbeln und den freundlichen Farben Geschichten aus einer vergangenen Zeit. "Diesen Schrank", sagt Christa Wels, "würde ich wirklich gern an meine Enkel weitergeben."

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