Mamas & Papas

Lesen lernen mit dem Sportteil

Zweitklässler üben Schreiben. Jeden Montag lässt die Lehrerin unseres Sohnes ihre Schüler einen kurzen selbst formulierten Text verfassen - das wichtigste Ereignis des Wochenendes soll in wenigen Sätzen wiedergegeben werden.

Das wichtigste Ereignis des Wochenendes war für unseren Sohn zuletzt der Besuch eines amerikanischen Diners, in dem man den Sender "Sky" empfängt. Es war Sonntagabend, und sein heiß geliebter Verein Bayern München spielte dahoam in der Allianz-Arena. Zum Verdruss unseres Sohnes verloren seine Helden, die etwas müde wirkten, an diesem Tag, 2 : 1 gegen Bayer Leverkusen. Das mit der Müdigkeit sage ich. Mein Sohn sah das Geschehen komplett anders. Hier sein Montagstext in der Schule: "Ich war im Restaurant. Ich habe Bayern gegen Bayer gesehen. Der Schiri war voll beknackt. Er hat drei Elfer nicht gegeben. Unverschämt. Und er war ein Glatzkopf. Man hat seinen Gestank von München nach Berlin gerochen."

Da merkt man doch gleich, wo unser Sohn (7 1/2) lesen und schreiben gelernt hat. Sicher, die Grundausbildung fand in der Schule statt. Aber das tägliche Training seiner Lesefähigkeit verdankt er dem Sportteil der "Bild"-Zeitung. Wir haben es natürlich auch mit Büchern versucht. Aber die lehnt er ab. Zwar lässt er sich sehr gern vorlesen; zuletzt haben wir alle Timm Thaler (der Junge, der dem Teufel sein Lachen verkaufte) verschlungen. Dann lehnt er sich gemütlich zurück und hört zu. Aber selber ein Buch zur Hand nehmen? Interessiert ihn nicht. Kommt er von der Schule heim, ruft er als erstes: "Wo ist der Sportteil?" Mit dem zieht er sich dann lange zurück. Und so weiß er genau, dass "Schalke" mit "k", die "Ecke" dagegen mit "ck" geschrieben wird. Als Tier kennt er zumindest die "Schwalbe". Und nie würde er auf die Idee kommen, "Kräuter Fürth" zu schreiben. Na, das ist doch schon was.

Die erste Lehrerin unserer Tochter (jetzt fast 10) hatte uns damals gewarnt. Es war der erste Elternabend nach der Einschulung, wir dachten erwartungsfroh: Jetzt geht es flott los mit der Lese- und Schreiberei. Weihnachten kriegen Oma und Opa bestimmt schon die erste Grußkarte. Doch die erfahrene Lehrerin bremste die Euphorie. Gerade Eltern, die Jungs hätten, müssten sich darauf einstellen, dass Lesen bei denen nicht an erster Stelle stehe. Für sie als Grundschullehrerin und Mutter zweier Söhne sei die Erfahrung hart gewesen. Sie sei fast verzweifelt - bis eines Tages ein Witzebuch den Weg ins Haus fand. Ganz schlichte, um nicht zu sagen, dämliche Witze: Fritzchen, die Blondine und die Sache mit dem Kamel in der Wüste. Aber - mit diesem Buch lernten ihre Jungs lesen.

Unsere Tochter war da anders. Sie lag im Bett und quälte sich durch die Seiten, da war sie sechs. Irgendwann, als es flüssiger lief, verschlang sie Enid Blyton und "Die drei ???", James Krüss und Astrid Lindgren. Morgens, wenn ich an Schultagen zum Wecken aufstehe, liegt sie oft schon lesend im Bett. Bei einem aufregenden Buch kriegt sie rote Wangen und ist glücklich. In der zweiten Klasse verfasste sie auch Texte, wie unser Sohn. Einer lautete: "Es war einmal ein Mädchen. Das war noch wach. Es war abends, und es überlegte sich, was es mal wird. So überlegte sie und überlegte, es wurde immer später, bis sie plötzlich aufsprang und sagte: 'Ich werde Schriftstellerin.'"

Zwei Kinder, zwei Texte. Beide lesen jetzt richtig gut. Nur einen Unterschied gibt es - die Rechtschreibung ist beim Sohn besser. Danke, "Bild"!

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher