Dinge des Lebens

Der Ring mit dem Gesicht

Ingeburg Porkonowski, 80 Jahre, Rentnerin aus Tempelhof

Ingeburg Porkonowski liebt die schönen Dinge. In der Wohnung der 80-Jährigen in Tempelhof fühlt man sich wie in einem kleinen Schloss. Die weißen Möbel im Rokoko-Stil, an den Fenstern kunstvoll geraffte Spitzengardinen, die Kaffeelöffel vergoldet. Genauso gepflegt wie das Ambiente ist die Gastgeberin, der man ihr Alter nicht ansieht. Das liegt wohl auch an der lebendigen, ungekünstelten Art der alten Dame, die so ganz anders ist als ihre Einrichtung: schnörkellos, unverblümt, offenherzig. Geradeheraus, mit einem schelmischen Zug um den Mundwinkel, erzählt sie ihre Geschichte.

Sie beginnt auf dem Land, an einem grünen Flecken in Sachsen-Anhalt. Hier wurde Ingeburg Porkonowski geboren, als Ältestes von drei Geschwistern. Die Eltern arbeiteten auf dem Feld. Doch der Vater, ein gelernter Schmied, wollte weiterkommen. So zogen Mutter, Vater und die drei Kinder im Jahr 1937 nach Berlin. "Der Vater fand eine Anstellung bei Bolle", erzählt Ingeburg Porkonowski, "und dann hatte er auch noch die Hausmeisterstelle in unserem Wohnhaus in Moabit inne." Ein schönes Haus sei das gewesen, sogar schon mit Innentoilette, erinnert sich die Seniorin.

Ein Präsent aus Italien

Doch die gute Zeit währte nicht lange: 1939 begann der Krieg, der Vater wurde eingezogen. Fortan arbeitete die Mutter in einer Knopffabrik, um sich und den Nachwuchs über Wasser zu halten. Ingeburg passte auf die Geschwister auf. Den Vater kam höchstens mal für einen Tag nach Berlin. "Für uns war er wie ein Fremder", erzählt Ingeburg Porkonowski, "wir sagten: 'Ach, du bist Vati? Na gut.' Dann ging unser normales Leben weiter." Doch was die kleine Ingeburg beeindruckte, waren die Geschenke, die Vati mitbrachte. Mal Lebensmittel, mal Holz. Eines Tages zog er ein Päckchen für seine Frau aus der Hosentasche, ein Mitbringsel aus Italien, wo der Vater bei der Marine diente.

Ingeburg Porkonowksi schaut auf ihre linke Hand, behutsam streift sie einen Ring von ihrem Finger und hält ihn ins Licht. Es ist ein besonderer Ring, ein Ring, wie ihn niemand anderes auf der Welt hat. Von Weitem sieht er aus wie ein Siegelring. Der Reif und die zwei mal 1,5 cm große Fassung sind aus Gold, in die Fassung eingelegt ist ein Material, das wirkt wie Elfenbein. Darauf, von einem schimmernden Rand umrahmt, zwei Schwarz-Weiß-Fotos en miniature. Sie zeigen ihre Mutter im Alter von etwa 30 Jahren und ihren Vater in Marineuniform. Das kleine Kunstwerk befindet sich hinter einer glänzenden Schicht. Vielleicht ist es Kunstharz, Ingeburg Porkonowski weiß es nicht genau. Auch der Juwelier konnte es nicht feststellen, bei dem sie vor einigen Jahren den Ring reparieren ließ. Damals waren Reif und Fassung aus Horn gesprungen, die ursprünglich dem Ring seine Form gegeben hatten. Ingeburg Porkonowski ließ das Material durch Gold ersetzen.

Die alte Dame kann nur schwer in Worte fassen, was ihr der Ring bedeutet. Für das, was er symbolisiert - die Liebesbeziehung ihrer Eltern -, wählt sie kritische Worte. "Meine Mutter hat sich meinem Vater zu sehr untergeordnet", findet sie. Und ihr Vater, meint sie, habe ihre Mutter nicht gebührend behandelt. Auch ihre eigenen Gefühle ihren Eltern gegenüber schildert sie nicht gerade überschwänglich. Der Vater war 1948 zu der Familie zurückgekehrt, doch ihr Verhältnis zu ihm sei bis zu seinem Tod 1974 "sehr schwierig" gewesen. Und ihre Mutter, die 1996 verstarb? "Sie habe ich geliebt", sagt Ingeburg Porkonowski, "aber bewundert? Weniger. Ich hätte nicht so leben wollen wie sie." Doch jetzt, wo ihre Nächsten - Mutter, Vater, Schwester und Anfang des Jahres auch ihr Bruder - verstorben sind, werden Erinnerungen an die Familie umso kostbarer.

Vielleicht ist der Ring für Ingeburg Porkonowski aber auch vor allem eine Reminiszenz an die Jahre, die sie im Nachhinein als besonders interessant und schön in ihrem Leben bezeichnet - trotz des Hungers und der Bedrohungen, die der Krieg mit sich brachte. 1942 hatte die Mutter ihre Kinder aus Berlin verschickt. Sie wurden auf Verwandte auf dem Land verteilt. Das bedeutete für die damals Zehnjährige, erwachsen zu werden: Ingeburg musste als Älteste vernünftig sein, Verantwortung übernehmen, ihrer Mutter als Stütze dienen.

Die Not machte sie stark

Ingeburg Porkonowski haben diese Herausforderungen stark gemacht. Sie haben sie zu dem werden lassen, was sie heute ist: eine emanzipierte Frau, die das Leben als Abenteuer nimmt und vor Unkonventionellem nicht zurückschreckt. Die trotz zahlreicher Prüfungen - ungewollte Kinderlosigkeit, den Verlust des Pflegekindes, eine Scheidung, schwere Krankheiten im Familienkreis - optimistisch geblieben ist. Und die dankbar ist für das, was ihr die Jahrzehnte beschert haben: ein abwechslungsreiches Berufsleben als Verkäuferin und Sekretärin, erfüllende Hobbys wie Yoga, Lesen und Basteln. Und nicht zuletzt einen treuen Lebensgefährten, mit dem sie seit mehr als 50 Jahren verbunden ist, ohne jedoch mit ihm zusammen zu leben. Unabhängigkeit geht Ingeburg Porkonowski eben über alles.

Schade findet die alte Dame nur, dass sie niemanden hat, dem sie ihren kostbaren Ring vererben kann. Ingeburg Porkonowski trägt das Schmuckstück, das ihre Mutter nur zu Feierlichkeiten anlegte, jeden Tag - und freut sich, wenn sie auf das auffallende Design angesprochen wird. In einer Schublade soll der Ring niemals landen. Denn dann könnten ihre Eltern in Vergessenheit geraten, befürchtet Ingeburg Porkonowski. Ihre Eltern, ihre Familie - und ihre Geschichte.

Haben auch Sie ein Lieblingsstück, einen Gegenstand, der eine besondere Bedeutung hat oder der Sie schon lange begleitet? Dann schreiben Sie uns doch einfach: familie@morgenpost.de