Interview mit Peter Walschburger

"Ein guter Freund erweckt im Menschen Heimatgefühle"

Der Wunsch nach Freunden begleitet uns das ganze Leben. Die ersten Freundschaften werden im Sandkasten geknüpft, viele zerbrechen mit der Zeit, manche halten ein Leben lang.

Mit Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der FU Berlin, sprach Katharina Fiedler darüber, wie wichtig Freundschaften sind, worin sie sich unterscheiden und wie soziale Netzwerke das Miteinander verändern.

Berliner Morgenpost:

Wie entstehen überhaupt Freundschaften?

Peter Walschburger:

Der Mensch ist von Natur aus sozial. Die Eltern sind die ersten Freunde im Leben. In den ersten Lebenswochen erfahren wir eine prägende emotionale Bindung zu ihnen. Sie schafft Sicherheit, lässt uns angstfrei und unternehmungslustig werden. Dies fördert in der Pubertät - nur scheinbar paradox - die Abnabelung und die Öffnung für Freundschaften zu fremden Menschen.

Was passiert da genau?

Eine Freundschaft beginnt meist völlig unscheinbar. Zwei Menschen treffen sich etwa am Arbeitsplatz und finden sich mit der Zeit sympathisch. Plötzlich steht der Eigennutz nicht mehr im Vordergrund, sondern die freundschaftliche Beziehung. Damit Freundschaft entstehen kann, braucht es die Fähigkeit zum Mitgefühl. Förderlich sind auch gemeinsame Interessen und ähnliche Wertvorstellungen.

Und was ist mit den so genannten ungleichen Freunden?

Auch unterschiedliche Fähigkeiten können sich ergänzen. Eine gewisse Fremdheit ist aufregend, schafft Anreize. Das Bemerkenswerte an Freundschaften ist, dass der intellektuelle Kontakt keine entscheidende Rolle spielen muss, wenn nur die sozialen Gefühle stimmen. So können auch Menschen unterschiedlicher geistiger Beweglichkeit - etwa Behinderte und nicht Behinderte - sehr gute Freunde werden.

Schadet es Menschen, wenn sie keine Freundschaften knüpfen können oder wollen?

Vorübergehendes Alleinsein fördert die Selbstfindung. Aber ungewollte Einsamkeit bringt dem sozialen Wesen Mensch Stress und Gefahr für Leib und Seele. Ein guter Freund erweckt im Menschen Heimatgefühle, so wie ein Lebenspartner. Man kann sich bei ihm gehen lassen, sein Intimstes preisgeben. Eine Freundschaft fördert die Entfaltung unserer Potenziale und sorgt dafür, dass wir den Herausforderungen des Lebens gut begegnen können.

Warum finden Kinder meist schneller Freunde als Erwachsene?

Das kindliche Gehirn reift noch bis zur Adoleszenz. Kinder sind auch deshalb besonders offen für neue Einflüsse aus ihrer Umgebung.

Wie lassen sich Freundschaften zwischen Mensch und Tier erklären?

Für Haustiere ist der Mensch ein wichtiger, häufig sogar der primäre Bezugspartner. Insofern eignen sie sich auch sehr gut als Modell-Partner für eine Freundschaft. Beim Hund etwa besteht eine ausgeprägte Tendenz, sich in einer sozialen Hierarchie einzuordnen. Der Hund freut sich über Befehle und lernt gern. Er spielt seine Rolle meist bedingungsloser, als ein Freund das täte, der ja über die Art der Beziehung nachdenken und sich Alternativen vorstellen kann. Der Hund aber kann nicht aus seiner Grundmotivation ausbrechen. So können besonders feste Bindungen zwischen Mensch und Hund entstehen.

Wie denken Sie über generationsübergreifende Freundschaften?

Ich wünsche mir viele solche Freundschaften. Jüngere und Ältere sind aufeinander angewiesen. Junge Menschen sprechen eine andere Sprache als ältere Menschen, benutzen andere Medien. Lebenserfahrung kann man aber nicht über die Medien erwerben. Man erwirbt sie im persönlichen Umgang miteinander, etwa wenn ein älterer Vorgesetzter zum "Mentor", zum konkreten Vorbild eines Jüngeren wird oder ein Jüngerer dem Älteren eine optimistische Sicht, ein gehobenes Lebensgefühl, einen neuen Lebensraum erschließt.

Viele Freundschaften finden heute über soziale Netzwerke statt. Begünstigt oder schadet das dem Miteinander?

Soziale Netzwerke befriedigen den Bedarf gerade jüngerer Menschen nach möglichst vielen Kontakten. Aber es gibt eine Reihe unerwünschter Nebenwirkungen. So sinken mit der zunehmenden Anonymität und Zugänglichkeit globaler Netzkontakte etwa die Schamgrenzen. Gleichzeitig fühlt man sich weniger verantwortlich für seine Botschaften und Kontakte im Netz und ist weniger sorgfältig bei der Auswahl der Freunde. An die Stelle der echten Freundschaften treten häufig Kontaktillusionen. Viele Menschen merken so gar nicht mehr, was ihnen an echter Zuneigung und Vertrauen in einer Freundschaft entgeht.