Sprechstunde

Wie stelle ich fest, ob das Testament echt ist?

Vor vier Jahren ist mein Vater gestorben. Beim Amtsgericht tauchte ein Testament auf, das meine Eltern vor ihrer Scheidung gemeinsam gemacht hatten. Danach sollte meine Mutter erben. Ich habe mich mit ihr geeinigt. Mein Vater hat auch ein Haus hinterlassen, in dem noch seine letzte Freundin wohnte. Nach langem Streit haben wir das Haus verkauft, die Freundin musste ausziehen. Jetzt präsentiert sie ein Testament meines Vaters, in dem sie als Alleinerbin eingesetzt worden ist. Angeblich hat sie es jetzt erst gefunden. Wie kann ich feststellen, ob das Testament echt ist oder nachträglich gefälscht wurde?

(Bodo D., per Email)

Wenn das Testament, das die Freundin präsentiert, echt ist und außerdem wirksam, kommt die Freundin jedenfalls nicht zu spät. Sie kann sich auf ihre Stellung als Erbin berufen. Ihre Ansprüche können nicht verjährt sein. Wer zum Erbe berufen ist, tritt mit dem Moment des Todes die Rechtsnachfolge des Verstorbenen an. Er wird automatisch Eigentümer von allem, was dem Verstorbenen gehört hat. Auf das Eigentum kann er sich jederzeit, auch lange nach dem Tode, noch berufen.

Das Nachlassgericht hat sicher für Sie oder für Ihre Mutter einen Erbschein ausgestellt. Solange Sie im Besitz des Erbscheines sind, gelten Sie als Erbe Ihres Vaters. Dessen Freundin muss also etwas gegen den Erbschein unternehmen, wenn sie ihre Rechte durchsetzen möchte. Sie müssen damit rechnen, dass sie beim Nachlassgericht den Antrag stellen wird, den Erbschein einzuziehen und statt dessen einen neuen Erbschein zu erstellen, der sie als Erbin bestätigt. Wenn sie mit dem Antrag Erfolg hat, dann verlieren Sie rückwirkend alle Rechte am Nachlass Ihres Vaters. Sie müssen dann alles herausgeben, was Sie noch aus dem Nachlass besitzen. Dazu gehört jedenfalls auch der Kaufpreis, den Sie beim Verkauf seines Hauses bekommen haben.

Es ist schwer vorauszusagen, wie das gerichtliche Verfahren ausgehen wird. Wenn das Testament echt ist, dann ist es auch wirksam. Das gemeinschaftliche Testament, das Ihr Vater mit seiner früheren Frau gemacht hat, dürfte seine Wirksamkeit längst verloren haben. Es ist mit der Scheidung Ihrer Eltern automatisch außer Kraft getreten. Deshalb kommt es in dem Erbscheinsverfahren nur darauf an, ob das Testament der Freundin echt ist.

Es handelt sich dabei sicher um ein handschriftliches Testament. Ein solches privatschriftliches Testament ist zwar möglich. Ob es echt ist oder gefälscht, sieht man ihm aber nicht immer gleich an. Es muss sicher misstrauisch machen, wenn die Freundin das Testament erst vier Jahre nach dem Tod vorlegt. Andererseits ist es nicht ungewöhnlich, wenn ein Mann seine Freundin zur Erbin einsetzt, mit der er zusammengelebt hat. Wenn Sie im gerichtlichen Verfahren die Echtheit des Testamentes anzweifeln, dann muss das Gericht die Frage sorgfältig prüfen. Es wird voraussichtlich ein Gutachten eines Schriftsachverständigen einholen. Wenn das Testament ein längerer Text ist und es gute Schriftproben von ihrem Vater gibt, dann wird der Gutachter voraussichtlich zu einem klaren Ergebnis kommen.

Außer dem Schriftgutachten kann das Gericht aber auch Zeugen hören. Möglicherweise gibt es Personen, die das Testament vor dem Tod des Vaters gesehen haben oder mit denen er darüber gesprochen hat. Damit könnte dann auch der Beweis geführt werden, dass das Testament echt ist. In dieser heiklen Situation gibt es aber für Sie einen beruhigenden Aspekt: Die Beweislast liegt bei der Freundin Ihres Vaters. Wenn sie Erfolg haben will, muss am Ende des gerichtlichen Verfahrens also eindeutig feststehen, dass das Testament echt ist.

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht