Mamas & Papas

Radio Teddy und andere Grausamkeiten

Wir sind eine medienkompetente Familie. Man kann den Kindern gar nicht früh genug den Umgang mit Fernbedienung und CD-Player beibringen, will man sonntags mal ausschlafen.

Unser Leitmedium ist das Radio. Um die Gebühren rauszuholen, wählen wir aus dem öffentlich-rechtlichen Angebot. Radio Eins ist durchaus kinderkompatibel. Hier ein bisschen Coldplay, dort ein wenig CSU, Kinotipps so aufbereitet, dass man gar nicht mehr los muss, sondern jede Stehparty mit Elstermannschen Weisheiten besteht. Und natürlich Mali jetzt. Zu brutal für einen Siebenjährigen, vor allem CSU? Ach was. Die Märchenplatten früher waren viel grausamer, da wurden Wölfe aufgeschnitten und mit Steinen gefüllt. Das sollten wir heute mal machen. Bautz, würde sich Greenpeace vor unserem Balkon abseilen. Füchse Aufschneiden wäre nicht ganz so schlimm, die turnen ja in Schöneberg schon zwischen den Mülltonnen umher. Oder der Dobermann von nebenan; für jeden Haufen vor unserer Tür einen Kiesel rein und nach einem Vierteljahr wäre er randvoll. Dann nur noch einen Hundekuchen in die Spree geworfen und hoffen, dass das Tier hinterher springt. Doof genug ist er.

Seit Hans die CDs selbstständig ins Abspielgerät legt, sind ungewohnte Momente der Ruhe eingekehrt. Nach zehn Minuten gespenstischer Stille aus dem Kinderzimmer gucken wir sicherheitshalber, ob der Bewohner noch lebt. Aber wie. Versonnen sitzt er da und spricht die Texte von Harry Potter leise mit. Auswendig lernen, ganz ohne Sinn und Zweck, das ist wahrer Zen.

Leider ist die Medienautonomie nun in die nächste Phase getreten. Es mag auch daran gelegen haben, dass ich den Potter verbannt und dafür griechische Sagen, Business-Mandarin für Hochbegabte und ein bisschen Julian Bream verordnet habe. Ein klassisch gebildeter, bilingualer junger Mann mit Konzert-Qualitäten an der Laute, das ist unser Zuchtziel. Doch entzieht sich der Knabe meinen Plänen. Statt CD hört er nun Radio, nicht irgendeins, sondern "Radio Teddy", einer jener Sender, die man mal zufällig für Zehntelsekunden hört, weil man nicht schnell genug auf den Suchlauf gehämmert hat. Plötzlich schallt der Kinderfunk überall, die Frequenz ist in der Küche, im Kinderzimmer, im Auto, im Bad eingestellt. Korrigieren hilft nichts, am nächsten Tag ist alles wieder durchteddysiert. Wie in der DDR. Nur ein Programm. Und nicht mal gutes. Wahrscheinlich schleicht Hans nachts in der Wohnung umher, um alle Apparate auf Kurs zu bringen.

Radio Teddy sorge für gute Laune, quietschen die Moderatoren. Nur leider nie dann, wenn ich zuhören muss. Jeden Morgen zum Beispiel trägt ein sehr trauriger Kinderliedermacher vor, dass die Welt jetzt sterben muss wegen der Umweltverschmutzung. Ich atme automatisch flacher, um meinen CO2-Ausstoß zu reduzieren, und sehne mich nach Rolf Zuckowski.

Seit Hans kapiert hat, dass man beim Sender auch anrufen kann, um irgendein Steh-im-Weg zu gewinnen, sorge ich mich um unsere Telefonrechnung. Pakete nehmen wir auch nicht mehr an. Und morgen früh knicke ich unsere Autoantenne ab.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann