Interview

"Trauer ist ein universelles Gefühl und trifft jeden"

Psychologe Hansjörg Znoj über den Umgang mit dem Tod

Plötzlich ist er weg - der Großvater, ein Elternteil oder der geliebte Freund. Was bleibt, ist eine kaum fassbare Lücke. Doch nicht nur der Verlust eines Menschen trifft schwer. Auch wenn das Haustier stirbt, ist das für viele ein Schock. Sonja Gillert sprach mit dem Trauerexperten Hansjörg Znoj, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Bern, über Verlustgefühle, den Umgang damit und die Funktion von Trauer-Ritualen.

Berliner Morgenpost:

Ist es ein Unterschied, ob man einen nahestehenden Menschen oder das Haustier verliert?

Hansjörg Znoj:

Für mich ist das ein großer Unterschied, aber ich weiß auch, dass Haustiere für viele Menschen eine andere Bedeutung haben können. Der Mensch ist fähig, auch zu anderen Objekten Bindungen aufzubauen. Letzten Endes ist es ein Verlust. Und bei Trauer geht es nicht um das Tier oder den Menschen, sondern um die Auflösung der Beziehung.

Wie wichtig ist es, dass man sich Zeit zum Trauern nimmt?

Die Frage ist: Soll ich forciert trauern? Das muss man nicht. Es kann sein, dass man den Verlust erst gar nicht richtig abschätzen kann. Dann setzt die Trauer unter Umständen erst später ein. Das heißt nicht, dass man sie unterdrückt hat. Ich denke, Trauer ist biologisch angelegt, deswegen tritt sie so oder so ein. Es gibt natürlich Menschen, die versuchen, das zu überspielen. Doch die Verdrängung kostet viel Energie. Durch diesen Stress kommen oft in der Folge weitere Probleme auf.

Mit Todesfällen geht jeder anders um. Haben wir trotzdem gleiche Empfindungen?

Ich denke, dass das Trauergefühl universell ist. Alle Menschen sind von Geburt an darauf angewiesen, dass andere für sie da sind. Wenn eine solche tiefe Verbindung durch Verlust zerstört wird, es kann auch eine Scheidung sein, dann treten viele Emotionen auf. Es kann zu aggressiven Verhaltensweisen oder zu depressiven Erscheinungen kommen. Es können sogar körperliche Schmerzen sein. Der Verlust ist wie eine Amputation.

Was sollte man unmittelbar nach dem Verlust machen?

Wir sind es in unserer Kultur nicht mehr gewohnt, regelmäßig Verluste zu erleben. Die Generationen überschneiden sich, die Welt ist relativ sicher und mit endgültigen Verlusten lernen wir nur schlecht umzugehen. Aber es können bestimmte Rituale helfen, zum Beispiel die Organisation des Begräbnisses. Manches erscheint in der Situation von Außen zwar lächerlich. Doch ich glaube, es ist wichtig, dass man den Verlust nicht nur als überwältigendes Gefühl erlebt, sondern auch als Ereignis, das einen zwar hochemotional betrifft, das man aber fassen und dem man durch Rituale eine Gestalt geben kann.

Welchen Stellenwert hat das Grab bei der Trauerbewältigung?

Es kann eine sehr hohe Bedeutung für jemanden haben, der in dieser Friedhofskultur aufgewachsen ist. Begräbnisstätten haben für viele Kulturen eine wichtigen kultischen und damit auch kulturellen Stellenwert.

Welche Funktion haben solche Orte des Erinnerns für die Trauernden?

Es ist eine symbolische Erinnerung, eben auch daran, dass jemand wirklich nicht mehr da ist. Das ist sehr wertvoll. Denn in der gestörten Trauerverarbeitung wird der Tod nicht als Tod wahrgenommen, sondern da ist immer noch die Hoffnung, dass er rückgängig gemacht werden kann.