Gedenken

Ein Ort für die Ewigkeit

Friedhöfe nur für Tiere: Das halten viele Menschen für übertrieben. Anders geht es denen, die ihren vierbeinigen Liebling verloren haben. Ortsbesuche in Falkenberg, Teltow und Potsdam.

Nur das Rauschen des Windes und ein leises Schluchzen sind zu hören. Diana Hirsch (42) kann es nicht fassen. Unter dem weißen Laken, aufgebahrt auf einer Schubkarre zwischen vielen kleinen Gräbern auf dem Tierfriedhof in Falkenberg, liegt Kuddel - ihr geliebter Hund. Der Border Collie-Mischling ist nur knapp elf Jahre alt geworden. Ganz plötzlich ging es ihm eines Abends schlecht, am nächsten Morgen war er tot. Innere Blutungen, so die Vermutung der Tierärztin.

Kuddels liebste Spielkameradin, Hündin Cora, sitzt neben der Schubkarre und jault. Olaf Bönicke und Claudia Pabel, die sich mit Diana Hirsch um Kuddel gekümmert haben, stehen Tränen in den Augen. Olaf Bönicke streicht Kuddel noch einmal über das weiche Fell. Dann hebt die Friedhofsgärtnerin das weiße Laken mit dem Hund an und lässt ihn an zwei Gurten in das kleine Grab hinab. Nach und nach wird Kuddel von feuchter Erde bedeckt. Diana Hirsch legt eine weiße Rose auf die Grabstelle. Olaf Bönicke platziert Kuddels Lieblingsball daneben, den roten mit den weißen Punkten.

Der Border Collie liegt nun neben vielen anderen geliebten Katzen, Hunden, Hasen, Meerschweinchen und anderen Haustieren auf dem Friedhof des Tierheims vom Tierschutzverein für Berlin e.V. In ganz Deutschland gibt es rund 120 Tierfriedhöfe. Der Bedarf ist groß: In deutschen Haushalten leben laut der aktuellen Statistik des Industrieverbandes Heimtierbedarf aus dem Jahr 2011 insgesamt 22 Millionen Heimtiere.

Andrea Schulze von der Tierfriedhofsverwaltung des Berliner Tierheims ist für viele trauernde Tierbesitzer die erste Ansprechpartnerin. "Es geht vielen vor allem darum, dass ihr Haustier bestattet ist und nicht beim Tierarzt bleibt und zur Tierkörperverwertung gebracht wird", sagt sie. Gerade in der Großstadt haben viele Menschen keinen Garten, in dem sie ihr Tier beerdigen können. Das ist, je nach Todesursache, auch nicht immer erlaubt. Schon seit 1951 betreibt das Tierheim einen Tierfriedhof. 120 bis 200 Euro kostet hier die Beerdigung und die Pacht eines Grabes für drei Jahre.

Auch Diana Hirsch, die als Grundschullehrerin arbeitet, wollte Kuddel nicht beim Tierarzt zurücklassen. "Es ist gut, einen Ort zu haben, an den man gehen und in Erinnerungen schwelgen kann", sagt sie. Für ihre Grundschüler war es selbstverständlich, dass sie ihr Haustier beerdigt hat. Mit selbstgemalten Bildern haben sie versucht, ihre Lehrerin zu trösten. Auch Freunde und Kollegen haben verständnisvoll reagiert. Doch Diana Hirsch weiß: Nicht jeder kann verstehen, dass jemand um sein Tier trauert und es beerdigen lässt. "Es ist für viele Menschen problematisch, ihren Arbeitgeber anzurufen und zu sagen: ,Ich kann erst später kommen, weil mein Hund gestorben ist'", sagt sie.

24-Stunden-Abholservice

Ganz im Süden von Berlin hat Ralf Hendrichs, Geschäftsführer vom Bestattungszentrum Tierhimmel in Teltow, dafür eine Lösung gefunden - mit einem 24-Stunden-Abholservice an 365 Tagen im Jahr und Webcams. Tag und Nacht ist das Friedhofsgelände, auf dem mehr als 4000 Tiere beerdigt sind, im Internet zu sehen. Es ist sogar möglich, die Gräber heran zu zoomen. Und auch die Bestattung selbst kann man, für 50 Euro extra, im Internet verfolgen. Was ungewöhnlich klingt, sieht Friedhofsgründer Hendrichs ganz pragmatisch: "So können zum Beispiel ältere Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht so oft zum Tierfriedhof kommen können, das Grab ihres Tieres sehen." Im Jahr 2003, nach rund fünf Jahren Wartezeit auf eine Genehmigung, hat Ralf Hendrichs mit seiner Frau den Tierfriedhof gegründet. Sogar ein Tierkrematorium gibt es seit Juni auf dem Gelände.

Wie viel die Haustiere ihren Besitzern bedeutet haben, lässt sich am Grabschmuck leicht erkennen. Nicht nur Erwachsene, auch Kinder können auf dem Gelände in Teltow ihren Gefühlen freien Lauf lassen. So stecken in einer Ecke des Friedhofs bunt bemalte Schilder, kleine selbstgebastelte Holzkreuze und Fotos von Kaninchen und Meerschweinchen in der Erde. Hier beerdigen Kinder ihre Wellensittiche, Kaninchen, Hamster und andere Kleintiere. Oft würden Kinder, wenn es um das Thema "Tod" ginge, von den Erwachsenen möglichst rausgehalten, sagt Tierbestatter Hendrichs. "Aber der Tod gehört schließlich zum Leben dazu", betont er.

Jutta Schünemann sieht das genauso. Als Flocke und Schnuppi, die Kaninchen ihrer Töchter, starben, hat sie die beiden in ihrem Wunsch unterstützt, die Tiere im Garten der Familie in Potsdam zu beerdigen. Gemeinsam betteten sie die leblosen Körper in mit Heu ausgepolsterte Kartons. Finja (9) und Lotta (7) legten Cornflakes, Möhren und Salat dazu, "weil Flocke und Schnuppi das gern fraßen", sagen sie. Dann sprachen die drei ein Gebet.

Kinder lernen loszulassen

"Es ist eine Erfahrung fürs Leben, wenn Kinder sich von ihrem Tier in einem Ritual verabschieden und noch einmal 'Danke' sagen", findet Jutta Schünemann. "Das ist auch eine gute Übung für später, wenn es einmal darum geht, einen Menschen loslassen zu müssen." Finja hat die Gräber liebevoll mit Steinen, Herzen, Muscheln und Teelichtern geschmückt. Auch wenn die Kaninchen schon seit Monaten tot sind und die Nachfolger Keks und Sprotte munter in ihrem Gartengehege umherspringen, schätzt Finja es sehr, dass sie einen Ort der Trauer für Flocke und Schnuppi hat. "Es ist zwar dort ein wenig traurig, weil man an den Gräbern merkt, dass die beiden tot sind", sagt sie. "Aber es ist auch gut, weil man an diesem Platz noch mal mit ihnen zusammen sein kann."

Das Gefühl von Trauer sei biologisch angelegt und könnte und sollte nicht vermieden werden, sagt Trauerexperte Hansjörg Znoj, Professor für Klinische Psychologie an der Universität Bern. "Bei Trauer geht es nicht um das Tier oder den Menschen, sondern um die Auflösung der Beziehung." Das erklärt, warum viele Menschen auch beim Abschied von einem Tier so betrübt sein können.

Angelika (61) und Uwe Kasch (73) haben dies erlebt. Sie bepflanzen auf dem Tierfriedhof in Teltow gerade ein Grab. Hier haben sie ihre Perserkatze Jenny vor acht Jahren beerdigt. 17 Jahre lang hatte sie bei Familie Kasch gelebt. "Sie ist wie ein Familienmitglied", sagt Angelika Kasch. Deswegen haben sie sich damals für eine Erdbestattung entschieden.

Während auf dem Friedhof des Tierheims Berlins die meisten Besitzer ihr Tier schlicht in einem Leinentuch beerdigen, kann man in Teltow zwischen Erd- und Feuerbestattung wählen, sich wünschen, dass die Asche auf einer Wiese verstreut oder in einem Boot aus Papier im Mittelmeer ausgesetzt wird. Für mehrere 1000 Euro ist es sogar möglich, sich aus der Asche einen Diamanten züchten zu lassen. Hendrichs weiß, dass viele so etwas für übertrieben halten. Doch er hat sogar noch weitergehende Pläne.

Ein Grab für Mensch und Tier

Hendrichs will auf seinem Friedhof einen Bereich schaffen, in dem Menschen sich legal mit ihren Haustieren einäschern lassen können. "Das ist auf dem Humanfriedhof nicht erlaubt", sagt er, "aber viele machen es bisher heimlich." Der Wunsch nach gemeinsamer Bestattung hat Tradition. So ließ der Alte Fritz auf der Terrasse des Schlosses Sanssouci Gräber für seine 17 italienischen Windspiele anlegen. In seinem Testament bestimmte er, dass er neben seinen Hunden beerdigt werden soll.

Angelika und Uwe Kasch haben ihren eigenen Weg gefunden. Sie kommen seit dem Begräbnis von Perserkatze Jenny jeden Sonntag zum Tierfriedhof, um sich an die gemeinsame Zeit zurück zu erinnern. Doch so sehr die beiden von dem Tier schwärmen - für eine neue Katze seien sie zu alt, findet Uwe Kasch. Andrea Schulze von der Friedhofsverwaltung des Tierheims Berlin hat von trauernden Tierbesitzern aber auch schon oft das Gegenteil gehört. Der Weg vom Friedhof zurück zum Parkplatz führt in Falkenberg direkt an den Katzengehegen des Tierheims vorbei. Für einige ist es ein Trost, die Vierbeiner hinter den Glasscheiben herumtollen zu sehen, und kurze Zeit später kommen sie vorbei, um sich einen neuen Gefährten auszusuchen.

Auch Diana Hirsch hat nach der Beerdigung von Kuddel noch einen Abstecher ins Hundehaus des Tierheims gemacht. "Das hat mir gefehlt und mich auf andere Gedanken gebracht", sagt sie. Wer weiß, vielleicht zieht schon bald wieder ein Vierbeiner bei ihr ein.