Dinge des Lebens

Unentbehrliche Stütze

Antje Peter, 39 Jahre, freie Übersetzerin aus Prenzlauer Berg

Es war ein Skandal. "Dieses Buch ist eine Bombe!", schrieb die italienische Zeitung Il Foglio, als das Enthüllungsbuch des Starjournalisten Gianluigi Nuzzi über die geheimen Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. erschien. "Enthüllungen, die den Vatikan ins Wanken bringen", kommentierte die New York Times. Weltweit sorgt die "Vatileaks"-Affäre für Schlagzeilen. Die Wahlberlinerin Antje Peter hat ihren Anteil an der Verbreitung der pikanten Informationen: Sie übersetzte die ersten drei Kapitel von "Seine Heiligkeit" vom Italienischen ins Deutsche. Geholfen hat ihr ihr sprachliches Wissen - und ein Gegenstand, der viele Assoziationen weckt. An Sprengstoff denkt der Betrachter allerdings wohl kaum.

Solide und schnörkellos

Friedlich sieht es aus bei Antje Peter. Die freie Übersetzerin für Italienisch und Französisch arbeitet in ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg. An den Fenstern hängen weiße Vorhänge, die Räume sind in mildes Licht getaucht, der Schreibtisch ist wohlgeordnet. Im Zentrum steht Antje Peters Computer, daneben liegen Handy und Kalender. An der Wand hat die 39-Jährige ihre Fachwörterbücher aufgereiht. Lächelnd nimmt sie auf ihrem Schreibtischstuhl Platz und zieht einen dunklen Gegenstand zu sich heran. Mit geübtem Griff klappt sie ihn auf und lässt ihn einrasten. Jetzt zeigt sich seine Bestimmung: Es ist eine Buchstütze, gefertigt aus Buchenholz, dunkel gebeizt. Solide sieht sie aus, schnörkellos, praktisch. "Ja, praktisch ist sie", sagt Antje Peter. "Jedes Buch, das ich übersetze, klemme ich auf diesem Ständer fest. So kann ich bei der Arbeit gerade sitzen und muss mich nicht über die Seiten beugen."

Übersetzungen brauchen Zeit. Viel Zeit. Fünf bis sechs Seiten schafft die blonde Frau im Durchschnitt pro Tag, nachmittags kümmert sie sich als alleinerziehende Mutter um ihre drei und sechs Jahre alten Kinder. Da ist es wichtig, frei von Rückenschmerzen zu bleiben. Doch ist der Buchständer nicht nur ein Hilfsmittel. Er ist mehr, er hat Symbolwert für Antje Peter. "Er steht in meinen Augen für Neubeginn", sagt sie. "Ich war in einer großartigen Aufbruchstimmung, als ich ihn kaufte, damals in Italien."

Das ist fast zehn Jahre her. Die geborene Thüringerin, die sich schon als Kind leidenschaftlich für Sprachen interessierte, hatte in Jena und Florenz Latein und Altgriechisch studiert. Im Anschluss ging sie für ein Übersetzerstudium nach Berlin, Schwerpunkt: Französisch und Italienisch. 2002 zog Antje Peter dann nach Italien und arbeitete im lombardischen Tagungszentrum Villa Vigoni im Tagungsmanagement. "Ich wohnte in Como und liebte den dortigen Wochenmarkt", erzählt sie. "Neben frischem Obst und Gemüse gibt es dort viele Stände, an denen man Handwerkskunst kaufen kann. Und jedes Mal, wenn ich über den Markt schlenderte, blieben meine Augen an dem Stand eines italienischen Familienbetriebs hängen, der sich auf Holzverarbeitung spezialisiert hat." Es habe Notenständer gegeben, Staffeleien, Bilderrahmen. Doch Antje Peter verlor ihr Herz an den hölzernen Buchständer. "Er hat nur zwölf Euro gekostet", erinnert sie sich. Und dass sich ihr damaliger Freund dennoch über die in seinen Augen unnötige Ausgabe aufgeregt habe. Wahrscheinlich aber sei es eher die bevorstehende Trennung gewesen, die für den Streit gesorgt habe, glaubt Antje Peter heute. Denn zum Zeitpunkt des Kaufs, im Jahr 2004, stand sie kurz vor ihrer Rückkehr nach Berlin. Hier startete sie ihr Leben als freie Übersetzerin. Der italienische Freund blieb zurück.

In Berlin, sagt Antje Peter, fühle sie sich frei. Auch wenn ihr Leben nicht immer einfach ist. "Übersetzungen werden nicht gut bezahlt. Ich verdiene unter 1000 Euro im Monat, das ist sehr wenig für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern." Dennoch sei das Übersetzen ein schöner Beruf. "Ich versenke mich gern in Geschichten, lerne bei jedem Buch dazu und kann die Sprache pflegen", sagt sie. Zudem möge sie die Herausforderung, einen guten Text zu erstellen - und sich immer weiter in eine Fremdsprache zu vertiefen.

Jedes Buch ein kleiner Aufbruch

So ist auch jedes neue Buch, das sie in Angriff nimmt, ein Aufbruch für Antje Peter. Ein Neubeginn im Kleinen. Entsprechend wird er zelebriert - mit der Buchstütze. "Jedes Werk steht zunächst zwei Tage unberührt darauf. So kann es seine Atmosphäre im Raum verströmen. Erst dann gehe ich an die Übersetzung."

Fünf Sachbücher hat Antje Peter komplett übersetzt, dazu an vielen Kunstkatalogen mitgewirkt. Daneben schreibt sie Gutachten, lektoriert und korrigiert. Stolz betrachtet sie das Regal mit den Werken, an denen sie mitgearbeitet hat, und zieht schließlich das Papstbuch heraus. ";Seine Heiligkeit'", verrät Antje Peter, gehöre zu ihren Favoriten: Es sei zwar ein Sachbuch, aber so spannend geschrieben wie ein Spionagethriller. Und auch die Arbeit daran sei spannend gewesen: "Es musste sehr schnell gehen mit der Übersetzung, daher haben auch fünf Übersetzer gleichzeitig daran gearbeitet."

Es könnte sein, dass der Buchständer es Antje Peter auch deswegen so angetan hat, weil er in seiner Einfachheit eine große Ruhe ausstrahlt. Das erdet, wenn Stress aufzukommen droht. "Doch manchmal", sagt Antje Peter entschlossen, "klappe ich den Ständer auch zu." Dann geht sie Tennis spielen oder in die Oper. Und freut sich danach umso mehr, wieder an den Platz vor ihrer hölzernen Inspirationsquelle zurückzukehren.

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