Geschichte

Trümmer auf der Seele

Warum fühle ich mich so allein? Woher kommen meine Schuldgefühle, meine Versagensangst? Die Nachkommen der Kriegskinder teilen frappierend viele Erfahrungen. Eine Spurensuche.

Eine große gelbe Decke liegt auf dem Fußboden, mitten im Raum. Unter der Wölbung bewegt sich etwas. Erst nach oben, dann nach rechts, nach links. Da, eine Hand. Vorsichtig tastet sie sich an die Luft, versucht, die Decke zur Seite zu schlagen. Zwei Frauen schleichen um das Lebewesen herum, das dort im Verborgenen kauert. Die eine versucht, der Hand bei ihrem Befreiungsversuch zu helfen, die andere verhindert es. Immer wieder zieht sie die Decke zurück - über die Hand, die hervorlugt, den Fuß, der sich auszustrecken versucht.

Gebannt betrachten die Männer und Frauen, die im Kreis um die drei Darsteller herumsitzen, die Szene. In ihren Gesichtern zeigen sich Neugier, Anspannung - und Mitgefühl. Als deutlich wird, dass der verhüllte Mensch seiner Situation hoffnungslos ausgeliefert ist, befreien sie ihn durch Applaus. Die Augen zusammengekniffen, fast als sei es zu hell für ihn dort im Raum, krabbelt Jonas unter der Decke hervor. Marina hilft ihm auf, Paula knäult die Decke zusammen. Die drei stellen sich nebeneinander, nehmen das Klatschen mit einem leisen Lächeln auf und setzen sich auf ihre Plätze zurück.

Es ist Freitagnachmittag. Freundlich blickt die Sonne durch die Fenster der großzügigen Altbauwohnung in Charlottenburg, im Hof sind Kinderstimmen zu hören. Türen schlagen auf und zu. Doch die acht Frauen und zwei Männer, die sich zusammen gefunden haben, scheinen den Harmlosigkeiten des Alltags weit entrückt. Es herrscht Krieg in Charlottenburg, hier und jetzt, in den Köpfen und in den Körpern. Das Gefangensein, das Jonas unter der Decke gespürt hat, das Ausbremsen, das Paula dargestellt hat, das Scheitern beim Versuch der Befreiung, das Marina erlebt hat: Es ist all den Menschen im Raum gut bekannt, es begleitet sie auf Schritt und Tritt. Die Frauen und Männer sind Kinder von Kindern, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. Sie fühlen sich geprägt von dem Verhalten und den Glaubenssätzen, die ihre Mütter und Väter ihnen mitgegeben haben - resultierend aus deren Erfahrungen von unzähligen Bombennächten, Flucht und Vertreibung, Hunger und Kälte, Erzählungen von Qual und Todesangst an der Front oder im Konzentrationslager. Bei dem Seminar "Oh meine Ahnen" im Psychodramaforum Berlin wollen sie den ererbten Mustern auf den Grund gehen, ihre Erfahrungen teilen, Perspektiven entwickeln.

Das Schweigen brechen

Die Nachkommen der Kriegskinder: Immer mehr von ihnen brechen ihr Schweigen, immer stärker geraten sie in den Fokus von Schriftstellern, Psychologen, Historikern und anderen Wissenschaftlern. Betroffene besuchen Kongresse, Vorträge, Seminare, tauschen sich im Internet auf Seiten wie "forumkriegsenkel.de" aus. Mehr als 1000 Mails mit Lebensgeschichten habe sie in den vergangenen Jahren erhalten, die sie "jedes Mal zu Tränen gerührt" hätten, berichtet die Berlinerin und Forum-Mitbegründerin Anne Barth.

Auch in Buchform gibt es immer mehr Erfahrungsberichte, etwa in Sabine Bodes Buch "Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation." Gerade widmete die Kulturwissenschaftlerin Barbara Stambolis den weiblichen Nachkommen der Kriegsgeneration ein eigenes Buch. Titel: "Töchter ohne Väter. Frauen der Kriegsgeneration und ihre lebenslange Sehnsucht." Darin ist ein Kapitel ebenfalls den Kriegsenkeln gewidmet. "Ich glaube, dass so wie meine Vaterlosigkeit mein Leben und meine Ehe geprägt und belastet hat, sie dadurch auch einen Schatten auf das Leben meiner Kinder geworfen hat", vermutet dort Helga M.-P. (67), die von der Autorin interviewt wurde.

Ihre Tochter Jasmin sitzt mit im Seminarraum in Charlottenburg. "Freude, Leidenschaft, Lebenshunger: Bei meinen Eltern sind diese Gefühle abgespalten", berichtet die 32-Jährige. "Feiern und Spaß zu haben, wurde in meiner Familie nie hochgehalten. Da waren eher Leid und Tod das bestimmende Thema. Das hat mich beängstigt und ich hatte lange Zeit die Sorge, dass das deprimierende Lebensgefühl von meiner Oma und Mutter unabänderlich auf mich weitergegeben worden ist." Die Erlaubnis, sich frei zu machen von Traurigkeit und sich nicht mehr selbst zu beschränken, empfindet sie als ihre größte persönliche Herausforderung.

Auf die Idee, dass das Lebensgefühl ihrer Eltern und Großeltern etwas mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun haben könnte, kam Jasmin erst vor ein paar Jahren. Damals fing ihre Mutter an, sich auf Spurensuche nach ihrem Vater zu begeben, den sie durch die Kriegswirren nie kennengelernt hatte. Er war nach dem Krieg nach Russland abtransportiert worden und zwei Jahre später halb verhungert an einer Lungenentzündung in Gefangenschaft gestorben. Jasmin begann, sich mit dem Thema zu beschäftigen. "Ich wollte die Lebensgeschichten meiner Ahnen nachempfinden und begreifen, woraus sich die Kriegsgeneration nicht befreien konnte."

Plötzlich begann die junge Kreuzbergerin das Verhalten ihrer Eltern und Großeltern zu verstehen. "Diese Generationen haben etwas verpasst, das hat mich selbst auch traurig gemacht", erklärt sie. "Diese Erkenntnis hat mir einen neuen Zugang zu meinen Eltern ermöglicht und auch zu dem, was ich jahrelang als Mangel empfunden habe." Heute sagt sie, dass das "Damoklesschwert" über ihr verschwunden sei. Auch ihre Mutter sei durch ihre intensive Spurensuche und Trauerarbeit "eine komplett andere Frau" geworden, "offen, lustig, voller Humor". "Der Kontakt zu meinen Eltern ist super und ich bin dankbar dafür, dass wir uns so gut austauschen können", berichtet Jasmin. Ihrer Mutter Helga geht es ähnlich. "Dass sich Jasmin auch mit dem Thema beschäftigt, finde ich wunderbar", sagt die 67-Jährige. "Das schafft eine tiefe Verbindung zwischen uns."

Schatten der Vergangenheit

Die typischen "Schatten" der Kriegsenkel, von denen Jasmin berichtet, werden von Forschern und den Betroffenen übereinstimmend beschrieben. Die Nachkommen der Kriegsgeneration fühlen sich häufig in ihrem Lebensgefühl verunsichert, leiden unter Ängsten, Hemmungen und Blockaden. Genuss, eine offene Kommunikation, das zwanglose Zeigen von Gefühlen und Individualität ist ihnen fremd oder erzeugt Schamgefühle. Stattdessen bestimmen diffuse Gefühle von Heimatlosigkeit und Zerrissenheit, von Schuld und Unvollkommenheit ihr Leben. Viele Kriegsenkel sind "immer auf der Hut", versuchen nicht aufzufallen oder opfern sich übermäßig auf, um sich existenzberechtigt zu fühlen - so, als befänden sie sich im Kriegszustand, immer noch, ganz wie damals ihre Eltern.

"Diese Zweifel an der eigenen Intuition, das Gefühl, nicht richtig zu sein, taucht immer wieder auf", hat auch Gabriele Stiegler beobachtet. Die Diplom-Psychologin ist Leiterin des Ahnen-Seminars. Auch sie selbst, Jahrgang 1951, hat in Trümmern gespielt und ist aufgewachsen mit Sätzen wie "Stell' dich nicht so an!", "Mach' uns keine Schande!", "Darüber spricht man nicht" oder: "Wir wären froh gewesen, wenn...".

"'Stell' Dich nicht so an', das heißt so viel wie 'Verleugne dein Gefühl'", stellt Gabriele Stiegler fest. "Das löst Unsicherheit aus, macht gehemmt und sprachlos. Und das kann sich niederschlagen in psychosomatischen Beschwerden bis hin zu Krebsleiden." Viele Teilnehmer der Seminare kämen, um sich selbst besser zu verstehen oder auch, um ihr schwieriges Verhältnis mit den Eltern zu klären. Gabriele Stiegler arbeitet mit der Methode des Psychodramas. Das heißt, dass die Teilnehmer ihre Gedanken und Gefühle szenisch auf die Bühne bringen. "Das erlebte zweite Mal ist die Befreiung vom ersten Mal", sagte der Erfinder der Methode, der rumänische Arzt Jacob Levy Moreno. "Das Wiedererleben einer Situation kann sehr heilsam sein", erläutert Gabriele Stiegler, "genauso wie die Möglichkeit, im Spiel die Perspektive zu wechseln, etwa indem man in die Rolle von Mutter oder Vater schlüpft." Auch die Zuschauer profitieren: Sie teilen das Erlebte. Das schafft das von vielen Kriegsenkeln herbeigesehnte Gefühl, nicht mehr allein zu sein, sondern verstanden zu werden und sich in einer Gruppe aufgehoben zu fühlen.

Genau so ein Forum möchte auch Ines Koenen gründen. Die 50-Jährige eröffnet Mitte Oktober in Pankow ein Erzählcafé für Kriegsenkel. Der Name: "Krieg und Frieden". In regelmäßigen Abständen soll das Erzählcafé eine Plattform schaffen, auf der sich die Nachkommen der Kriegsgeneration über ihre Geschichten austauschen und dadurch ein Stück weit davon befreien können. "Der Krieg ist vorbei, aber wir müssen noch die seelischen Trümmer aufräumen", sagt Ines Koenen.

Die Pankowerin stieß durch einen Zeitungsbericht auf das Thema Kriegsenkel. "Er traf mich wie ein Blitz", erinnert sie sich. "Ich dachte: Reden die hier über mich? Ihr kennt mich doch gar nicht!" Der Artikel erzählte vom typischen Gefühl der Kriegsenkel, verloren und allein gelassen zu sein. "Es war wie eine Erlösung, davon zu hören, dass es anderen genauso geht wie mir", sagt Ines Koenen. "Ich empfinde mich oft wie eine Beobachterin des Lebens, wie eine Außenseiterin, obwohl das objektiv gar nicht stimmt." Denn tatsächlich steht Ines Koenen in ihrem Beruf als Kommunikationstrainerin, Coach und Mediatorin mitten im Leben. Sie hat einen Partner und viele Freunde, übt leidenschaftlich ihre Hobbys Singen und Schauspielerei aus.

Ines Koenen führt ihre schiefe Wahrnehmung auf Kindheitserlebnisse zurück. Sie beschreibt ihre Mutter als traumatisiert vom frühen Verlust ihres Vaters. Er war während des Kriegs im kommunistischen Widerstand, im Strafgefängnis Plötzensee verliert sich seine Spur. Bis heute ist sein Schicksal ungeklärt. "Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit meiner kindlichen Lebendigkeit störe. Mein emotionaler Bezugspunkt war meine Oma und ihr neuer Mann. Zumindest bei ihnen fand ich Geborgenheit und Akzeptanz."

Ines Koenen hadert nicht mit der Vergangenheit. Sie empfindet ihren Ahnen gegenüber auch viel Dank. "Meine Familie hat mir Kraft gegeben, ich kann mich an ihr orientieren." Sie will Klarheit bekommen, warum sie ist, wie sie ist, und geht dies zielstrebig an. Damit erscheint sie weniger versehrt als andere Kriegsenkel. Susanne zum Beispiel.

In einen dicken Schal eingepackt sitzt die 39-Jährige in dem Charlottenburger Seminarraum. Sie gesteht, dass sie 25 Jahre lang von martialischen Kriegsträumen verfolgt wurde. "Zweimal pro Woche bin ich schreiend aufgewacht", sagt sie. Sie lebt auch im Alltag wie im Kriegszustand, packt auf jeder Reise viel mehr Kleidung und Nahrung als notwendig ein. "Ich denke immer: Ich muss vorbereitet sein. Es ist, als wäre der Krieg mir selbst passiert. Ist er ja aber gar nicht", sagt sie mit einem schiefen Lächeln. Und auch Seminarteilnehmerin Friederike ertappt sich fast täglich bei irrational wirkenden Aktionen. Die 45-Jährige ist eine begabte Flötistin, spielt als Solistin im Orchester. Doch ihre Flöte stammt noch aus Kindertagen. Sie erlaubt sich einfach nicht, eine neue zu kaufen. Ihre Eltern, erzählt sie, seien aus ihrer Heimat an der Kurischen Nehrung vertrieben worden und hätten mit sehr wenig auskommen müssen. Als sie über den Krieg gelesen und sich mit den Biografien ihrer Eltern auseinandergesetzt habe, sei es ihr wie Schuppen von den Augen gefallen, warum sie sich selbst so übertrieben sparsam verhalte und sich nichts gönne. Selbst in Zeiten des Wohlstands, selbst ohne - wie in Kindertagen - dazu angehalten zu werden.

Dass solche "unpassenden" Verhaltensweisen automatisiert sind, liegt möglicherweise nicht nur an äußeren Einflüssen wie Erziehung und Prägung. Dies ist zumindest das Ergebnis des jungen Forschungsfelds der Epigenetik. Umwelteinflüsse, so scheint es, können die Erbanlagen verändern. Auch Kriegstraumata werden demnach in den Genen gespeichert und weitervererbt. So kann es kommen, dass Kriegsenkel unter den Ängsten, den Verlusten und den Mangelerfahrungen ihrer Eltern leiden, ohne den Krieg selbst erlebt zu haben.

Eine der beeindruckendsten epigenetischen Studien untersucht die Hungersnot im Kriegswinter 1944 in den Niederlanden. Wer in den Monaten nach dem Hungerwinter zur Welt kam, also den Mangel als Embryo im Mutterleib erlebte, weist heute ein besonders hohes Krankheitsrisiko für Diabetes auf. Forscher erklären das damit, dass die Gene dieser Menschen auf das Stoffwechselprogramm "Hunger" programmiert sind - so, wie es der Körper der Mutter in der Schwangerschaft vorgab. Tatsächlich stand aber bald wieder reichlich Essen zur Verfügung und das Genprogramm wurde für die Menschen schädlich. Es sammelte sich mehr Zucker im Körper an, als die auf Hunger geeichten Zellen verarbeiten konnten. Die Menschen wurden zuckerkrank. Auch psychische Störungen lassen sich aus genetisch gespeicherten Umwelterfahrungen ableiten, so die Vermutung der Epigenetiker.

Sich versöhnen

Zwar können Erziehung und Prägung nicht ungeschehen gemacht werden. Wohl aber lassen sich die Auswirkungen mildern. Das haben zumindest die Kriegsenkel auf dem Seminar in Charlottenburg erfahren. "Es tut gut, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen", findet Friederike. "Dann erkenne ich meine Muster, kann sie überdenken und bin auf diese Weise nicht mehr so in ihnen gefangen." "Wo kannst du dich abgrenzen vom Schicksal der Eltern? Was machst du als nächstes?" Solche Fragen und Ziele hätten die Teilnehmer herausgearbeitet, sagt Leiterin Gabriele Stiegler.

Friederike will nicht nur für sich selbst an sich arbeiten, sondern auch für ihre beiden Sohne, sozusagen Kriegs-Urenkel. "Ich glaube, ich gebe meine Strenge mir selbst gegenüber an meine Kinder weiter", meint Friederike. "Neulich ging es meinem Sohn nicht so gut und ich habe ihm trotz seiner Bitte keine Sportbefreiung geschrieben." Im Nachhinein empfindet sie ihr Verhalten als übertriebene Härte. "Und das", sagt sie mit einem Lächeln, "muss doch nun wirklich nicht sein".

Namen der Seminarteilnehmer geändert