Mamas & Papas

Verschwörung gegen die Bescheidenheit

Wir sind eine modebewusste Familie.

Jeder Textilienprospekt, der aus der Zeitung fällt, wird beim Abendbrot durchkommentiert. Die Wortbeiträge ähneln sich seit einem Jahrzehnt. Ich weise die Chefin liebevoll darauf hin, dass sie genügend Schuhe besitzt, ja, auch Stiefel. Der Große ist schweigsam geworden. "Ich bräuchte mal wieder 'ne neue Hose", lautete sein Standardbeitrag. Dann hat der weise Vater das monatliche Kleidergeld eingeführt, eine Art Zusatzrente zum Taschengeld. Freudig hatte der Junge zugestimmt in Erwartung fantastischer Summen; vier Wochen später hatte unser Geringverdiener gemerkt, dass ein elterlicher Geldautomat ohne Limit komfortabler ist. Aber der ist ja nun stillgelegt. Vom Gesparten werden wir uns eine Yacht auf dem Wannsee leisten oder einen Vortragsabend mit Steinbrück.

Der Kleine wiederum hat die Anspruchslosigkeit in Modefragen von seinem Vater geerbt. Er trägt alles, was so aussieht wie in Filmen. Leider hat der klassische Knabenhalbschuh im Film keine Karriere gemacht. Gesiegt haben Modelle, die aussehen, als habe man einen Arbeitsstiefel mit den Sprint-Schlappen von Usain Bolt gekreuzt. Ein Kartell von Schuh-Designern hat alle Kreativität darauf verwendet, maximalen Preis und minimale Haltbarkeit zu kombinieren.

Zum Glück gibt es den Hausherrn mit seiner legendären Bescheidenheit, die bis in die letzte Faser reicht. "Du könntest dir mal neue Unterwäsche gönnen", sagt die Chefin bisweilen, je nach Laune belustigt bis mahnend. Unsinn. Meine Unterwäsche ist prima in Schuss, und zwar seit Jahren. Lieber fast frisch gewaschen als fast neu. Außerdem gilt: Je weniger man die Ursprungsfarbe erkennt, desto weniger ärgert man sich über Farbunfälle in der Waschmaschine, meine ganz persönliche Slip-Life-Balance.

Ästhetisches Ungemach drohte, als meine Lieblings-Jeans unterhalb der rechten Hintertasche nach nur sieben Jahren plötzlich Materialermüdung zeigte. Eigentlich ist so ein Riss ja ganz fetzig, habe ich erst neulich wieder in einem Youtube-Video bei meinem Großen gesehen, vor allem, wenn ein Hauch von Dessous herauslugt. Ich stolzierte mit meiner Zufalls-Fashion im Flur auf und ab, bis endlich jemand was merkte. Endlich war es soweit. Unser Herr Modeexperte mit der größten Hosensammlung seit Harald Glööckler hatte meinen neuen Style entdeckt. Er würde mich anwinseln, weil er diese Hose würde leihen wollen, um im Klub ein großes Raunen abzuholen.

"Äh, Papa", druckste mein Großer, "du hast hinten ein Loch in der Hose. Und da guckt ein Putzlappen raus." Wie bitte? Ich hatte Jahre aufopferungsvoller Verschleißarbeit investiert, um cool auszusehen. Und jetzt diese Klatsche. Aber: Nichts anmerken lassen. "Das ist aus dem KaDeWe", log ich. "Niemals", entgegnete der freche Kerl, "das ist deine gammelige Jeans. Und weil deine Unterwäsche komplett zerfallen ist, wickelst du dir jetzt schon Putzlappen um." Die Gattin wieherte kommentarlos. Unverschämtheit. Schon wieder eine Verschwörung gegen meine Bescheidenheit.

"Wir gehen zusammen einkaufen, Schatz", sagte gönnerhaft die Chefin. Nein, gehen wir nicht. Wenig ist peinlicher als ein Ehemann, der sich unter den Blicken von Fachverkäuferin und Gattin vor Spiegeln dreht und alle Fantasie aufbieten muss, eine alberne grüne Hose zu verhindern. Zum Glück habe ich ja noch die Cordhose. Und die ist auch noch so gut wie neu.

Kommende Woche schreibt an dieser Stelle wieder Susanne Leinemann