Dinge des Lebens

Ein wegweisender Bierkrug

Marcus Wanke, 46 Jahre, Gastwirt aus Prenzlauer Berg

Die Tage werden kürzer, die Blätter färben sich bunt. Der Herbst kündigt sich an - nicht zuletzt auf den vielen Plakaten, auf denen Gastwirte zum Oktoberfest laden. Marcus Wanke kennt sich damit aus: Bevor er nach Berlin kam, hat er jahrelang in München gelebt. Das Oktoberfest mag er dennoch nicht so gern. Bier dafür umso mehr - und alles, was damit zusammenhängt. Davon erzählt diese Geschichte.

Entspannt sitzt Marcus Wanke am Tisch des Bierrestaurants in Prenzlauer Berg. Seine blauen Augen leuchten, auf dem Gesicht liegt ein offenes, sympathisches Lächeln. "Ich habe eigentlich nie ein festes Lebensziel gehabt", sagt der 46-Jährige. "Ich lasse mich gern von dem inspirieren, was mir auf meinem Weg begegnet."

Wink des Schicksals

Das, was vor ihm auf dem Tisch steht, lag im wahrsten Sinn des Wortes auf seinem Weg. Es ist ein Bierkrug der Brauerei Moninger aus Karlsruhe. Marcus Wanke war 16 Jahre alt, als er in dem Traditionsunternehmen einen Ferienjob annahm. "Jedes Mal, wenn ich aus meinem kleinen Heimatort in die Stadt radelte, kam ich an der Brauerei vorbei. Eines Tages habe ich einfach mal abgebremst und nach einem Job gefragt." Die Arbeit war nichts Außergewöhnliches und auch nicht besonders gut bezahlt: Für fünf Mark in der Stunde sortierte Marcus Wanke die Werbemittel im Magazin. Doch der Chef des Lagers war sehr zufrieden mit dem Schüler und schenkte ihm als Anerkennung eben jenen Bierkrug. "Stolz bin ich damit nach Hause gefahren und habe ihn meinem Vater gezeigt", erinnert sich der gebürtige Badener. "Der hat auch gleich ein Fläschchen Bier aufgemacht und es daraus getrunken. Ich glaube, er war auch stolz auf mich."

Marcus Wanke nimmt das tönerne Gefäß in die Hand und klappt den Deckel aus Zinn auf. "Handarbeit" ist in schnörkeligen Buchstaben in das Scharnier graviert. Das Dekor des Ein-Liter-Krugs zeigt ein altes Werbeplakat der Brauerei. Ob das Abbild darauf den Firmengründer präsentiert, weiß Marcus Wanke nicht. "Auf jeden Fall ist es wohl ein Sammlerstück", sagt er, dreht den Krug um und zeigt auf dessen Boden die Seriennummer "122".

Als Deko-Objekt aufs Regal stellte der Jugendliche den Krug allerdings nie. Wenn sein Vater ihn nicht zum Biertrinken benutzte, aß der begeisterte Fußball- und Tennisspieler sein Müsli daraus. "Eine Schüssel war mir zu klein, ich brauchte nach dem Sport immer sehr viel Milch", sagt er schmunzelnd und wundert sich heute selbst über seine eigenwillige Behältnis-Wahl.

Die wahre Funktion des Bierkrugs kristallisierte sich allerdings erst über die Jahre heraus. Um es kurz zu machen: Heute ist Marcus Wanke selbst Bierbrauer. Dass es einmal dazu kommen würde, war alles andere als absehbar. "Ich glaube, dass der Bierkrug mitverantwortlich dafür ist", sagt Marcus Wanke. "Er stach mir immer genau dann ins Auge, wenn ich mich im Leerlauf befand und nach einer Aufgabe suchte. Er hat mir geholfen, mich auf das zu besinnen, was ich will und was ich kann."

So war es auch nach dem Abitur. Kurzfristig wurde Marcus Wanke bei der Bundeswehr ausgemustert. "Da stand ich da, ohne jeden Plan. Und bin wieder zu Moninger gefahren." Diesmal schleppte er Bierkisten - und erfuhr beiläufig vom Studiengang Brauwesen und Getränketechnologie. Eine spannende Sache, fand der naturwissenschaftlich interessierte junge Mann. Also schrieb sich Marcus Wanke in Freising bei München für das Studium ein und absolvierte zuvor noch eine zweijährige Lehre als Brauer und Mälzer. Gründlichkeit kann nicht schaden. Mit 28 Jahren war Marcus Wanke Brauer und Diplom-Ingenieur.

"Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich einmal Brauereianlagen projektieren würde", sagt Marcus Wanke. "Doch durch eine Empfehlung wurde ich Redakteur für eine Fachzeitschrift für die Getränkeindustrie, später PR-Fachmann für Getränke." Ein Job führte ihn vor vier Jahren nach Berlin. Allerdings wurde die Stelle kurze Zeit später gestrichen.

"Da hatte ich eine Eingebung"

Und wieder einmal stand Marcus Wanke ohne eine berufliche Aufgabe da, mittlerweile mit Frau und Baby. "Da guckte mich eines Morgens der Bierkrug aus dem Schrank an und ich hatte eine Eingebung", sagt er. "Ich dachte blitzartig: Ich braue mein eigenes Bier und mache eine Kneipe auf." Binnen weniger Monate waren Räume gefunden, eine Bierrezeptur entwickelt, ein Gastro-Konzept erstellt. "Bayerische Tapas" sollte es geben, dazu "Bier von mir". Zwei Tage vor der Kneipen-Eröffnung fuhr ein LKW mit den ersten Fässern "Wanke Bräu" vor, das von einer kleinen Hausbrauerei im Spreewald für ihn gebraut wird. Mittlerweile werden alle zwei Wochen 400 Liter geliefert, in Fässern und Flaschen. Der Laden brummt, Marcus Wanke denkt über Expansion nach.

Dankbar wiegt der Gastwirt den alten Bierkrug aus Karlsruhe in seiner Hand. Und bekommt von einer Sekunde auf die andere ein Denkergesicht. "So ein Gefäß ist eigentlich eine tolle Sache", sinniert er und erläutert fachmännisch: "Das Material Ton kühlt das Bier, der Deckel schützt gegen Wespen und er hält zudem den Sauerstoff vom Bier ab, so dass es nicht so schnell schal wird." Eigentlich, denkt Marcus Wanke laut, müsste er für sein Restaurant auch Bierkrüge entwerfen. Es scheint, als habe der 30 Jahre alte tönerne Begleiter seinen Besitzer mal wieder auf eine Idee gebracht. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht.