Austauschjahr

Einmal Deutschland, bitte

Für den Brasilianer Bruno Liva (18) ist sein Austauschjahr schon jetzt ein Volltreffer: Er liebt Berlin und fühlt sich in seiner Gastfamilie sehr wohl. Im besten Falle profitieren von dem jugendlichen Besuch aus der weiten Welt beide Seiten - und das ein Leben lang.

"Weißt du, wo meine Schuhe sind?" Drei Kinder haben die Hermanns, und diesen Satz in all seinen Variationen hat Susanne Hermann deshalb schon Tausende Male gehört. "Ich weiß nicht!" zu rufen und dabei schon aufzustehen, um mit der Suche zu beginnen, das ist nach so vielen Jahren wohl eine Art Elternreflex. Auch wenn dem Ruf kein energisches "Mama!" vorausging, sondern ein vorsichtig-freundliches: "Susanne?!"

So klingt es bei Bruno Liva. Seit acht Monaten lebt er bei den Hermanns in Zehlendorf. Er hat sein eigenes Zimmer, sein Name steht auf dem Klingelschild, Ostern war er mit im Skiurlaub. Für ein Jahr ist der 18-Jährige das vierte Kind der Familie. Danach kehrt er zu seiner eigenen Familie in Argentinien zurück. Sein Gastbruder Simon (19) ist dann wieder allein mit seinen Eltern, die beiden älteren Töchter (22 und 24) leben nicht mehr zu Hause.

Auch deshalb hat Familie Hermann Bruno aufgenommen: "Simon hat sich das sehr gewünscht, weil seine Schwestern schon ausgezogen sind", sagt Vater Matthias Schwabe-Hermann. Außerdem hatte der jüngste Sohn der Familie selbst ein Austauschjahr in Costa Rica verbracht. "Er fand das so eine tolle Erfahrung, dass er ebenfalls jemandem sein Land zeigen wollte", erzählt Susanne Hermann. Die Familie nahm Kontakt zur Organisation Youth for Understanding (YFU) auf.

"Das ist ja auch ein Risiko"

Kaum war der Plan geschmiedet, kamen bei den Hermanns viele Gedanken auf. "Das ist ja auch ein Risiko, das überlegt man sich", sagt Matthias Schwabe-Hermann. Schließlich kommt ein wildfremder Jugendlicher ins Haus - was ist eigentlich, wenn man sich nicht versteht? Die Betreuerin der Organisation habe sie beruhigt, erzählt Susanne Hermann. Beide Seiten könnten sie jederzeit anrufen, und im schlimmsten Fall sei es möglich, sich zu trennen. Die Hermanns fassten Mut. Wichtig war ihnen, dass der Gastschüler aus einem spanischsprachigen Land kommt, damit Simon seine aus Costa Rica mitgebrachten Spanischkenntnisse trainieren kann. Sie bekamen eine Liste mit Steckbriefen und entschieden sich für Bruno aus der nordostargentinischen Stadt Corrientes. Ein Glücksfall für die Familie, findet Matthias Schwabe-Hermann: "Mit Bruno haben wir viel Spaß." Aber auch der 18-Jährige, den der Zufall in die deutsche Hauptstadt schickte, ist sehr zufrieden.

Die Gründe junger Menschen, sich für ein Auslandsjahr zu entscheiden, sind vielfältig. Und genauso vielfältig sind die positiven Effekte. Eine Fremdsprache zu erlernen, ist da fast eine Nebenwirkung. Dies legt zumindest eine aktuelle Studie nahe, die sich mit der Langzeitwirkung von internationalen Jugendbegegnungen befasst. Danach betonen 63 Prozent der befragten Jugendlichen, dass bei ihrem Auslandsaufenthalt ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstständigkeit zugenommen haben. 62 Prozent geben an, dass es ihnen nun leichter fällt, die Perspektiven anderer nachzuvollziehen und Andersartigkeit zu akzeptieren. Mehr als jeder Zweite freut sich über seine verbesserten Sprachkenntnisse sowie über den Zuwachs an Gelassenheit. "Auslandsaufenthalte schaffen flexible, offene, zugängliche Lebewesen, und nahezu alle erinnern sich auch Jahre danach noch wohlwollend an die intensive Zeit", unterstreicht Jürgen Henze, Professor am Institut für Erziehungswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin. "Allerdings entstehen die positiven Erfahrungen nicht automatisch. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen vorbereitet sind und der Austausch gut organisiert und begleitet wird."

Einer der Menschen, die sich um solche Standards kümmern, ist Dr. Uta Julia Schüler. Sie repräsentiert den Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustausch-Organisationen (AJA). 80 Gastschüler sind derzeit mit AJA-Mitgliedsorganisationen in Berlin. Nach Deutschland kommen jährlich rund 3000 ausländische Jugendliche. Sie alle bewerben sich für das Land, nicht für eine Stadt oder eine bestimmte Region. "Es ist schwerer, Schüler in eine Stadt zu vermitteln als aufs Land", sagt Uta Schüler. Die Gründe? "Vielleicht ist das bürgerschaftliche Engagement auf dem Land ausgeprägter", vermutet sie. Vielleicht aber gebe es dort auch einfach mehr Familien, die die Voraussetzungen mitbrächten: genug Platz in der Wohnung zum Beispiel - auch wenn, darauf weist sie ausdrücklich hin, eigenes Kind und Gastkind das Zimmer teilen könnten.

Auch in diesem Punkt hat der Brasilianer Bruno Glück gehabt. Nicht nur, dass er am begehrten Ziel Berlin landete - seine Gastfamilie hat ihm sogar das Gästezimmer freigeräumt. Viel mehr habe sie aber auch nicht vorbereiten müssen, erzählt Susanne Hermann. Schnell war klar, dass Bruno die gleiche Schule wie Simon besuchen sollte. Schulen in Deutschland nehmen Gastschüler auf, wenn diese in ihrem Heimatland eine staatliche Schule besuchen oder, wie Bruno, die Schule abgeschlossen haben. In Argentinien könnte Bruno jetzt schon studieren, was er nach seiner Rückkehr auch vorhat. Ohne Schulbesuch in Deutschland wäre aber aus dem Schüleraustausch nichts geworden. Also sitzt er nun wieder im Klassenraum. Zu diesem Thema hat Bruno nicht viel zu sagen: "Schule ist Schule", findet er. Überraschend war für ihn nur, wie reserviert seine Mitschüler im Berliner Gymnasium reagierten. "In Corrientes habe ich viele Freunde in der Schule", sagt er. "Hier ist das nicht so leicht." Anfangs lag das sicher auch an der Sprache. Bruno kam nahezu ohne Deutschkenntnisse an, beim Sprachkurs lernte er die ersten Sätze. Trotzdem sprach er mit Familie Hermann in den ersten Wochen Englisch. Inzwischen kann Bruno fließend Deutsch. Und nicht nur das: Schwäbisch versteht er besser als seine Gastgeschwister, haben sie bei einem Familienfest festgestellt.

Viele Anlaufstellen

Dennoch hat Bruno vor allem unter anderen Gastschülern Anschluss gefunden. Ein Einführungsmonat in Hannover hat die YFUler zusammengeschweißt, sie besuchen sich gegenseitig. So kam Bruno nach Würzburg und Leipzig, an diesem Wochenende fährt er zum Oktoberfest nach München. "Bier" ist schließlich das, was ihm zuerst einfällt, wenn er nach Dingen gefragt wird, die er an Deutschland besonders mag. Was ihm noch gefällt? "Fast alles", sagt er. Nur dass viele Deutsche ihn so böse angucken, wenn er seine Finger knacken lässt, wundere ihn, erzählt er und imitiert die Reaktion einer Frau in der Bahn. Zum Glück gehen seine Gasteltern gelassener damit um.

Manchmal sind es genau solche Kleinigkeiten, die das Verhältnis zwischen Gasteltern und Austauschschüler belasten, sagt Uta Schüler, "Dinge wie Essgewohnheiten zum Beispiel". Jede Familie, die einen Gastschüler aufnehme, müsse sich klarmachen, worauf sie sich einlasse. "Man hat einen Jugendlichen im Haus, der sitzt immer mit am Tisch, der kommt mit in den Urlaub, der ist bei Familienfesten dabei." Andererseits, das liegt ihr am Herzen, sei der Austauschschüler eine große Bereicherung: "Man holt sich die Welt ins Haus." Viele Eltern, die einen Jugendlichen aufnehmen, seien selbst als Schüler im Ausland gewesen.

Bei Familie Hermann war die Welt schon immer zu Hause. Die Eltern, heute beide 54 Jahre alt, lernten sich vor vier Jahrzehnten auf einer internationalen Schule in Wales kennen, die beiden großen Töchter waren ebenfalls auf britischen Schulen, Simon in Lateinamerika. Trotzdem haben sie mit Bruno viel Neues über Argentinien erfahren - und auch über den Rest der Welt. Bruno hat viel Besuch, meist von anderen Austauschschülern. Manchmal staunen die Hermanns, wie viele Freunde gleichzeitig in sein Zimmer passen, "das ist ein Stapelzimmer", sagt Susanne Hermann amüsiert. Den Trubel nehmen sie gelassen. Während Simons Austauschjahr haben sie das Haus schon viel stiller kennengelernt, jetzt haben sie selten Ruhe. "Neulich hatte Simon fünf Freunde da und Bruno auch, da waren hier plötzlich zwölf Jugendliche", erzählt Matthias Schwabe-Hermann. Er klingt dabei sehr zufrieden.

Wenn Bruno am Jahresende wieder zurückgeht, will er in Buenos Aires Kulturwirtschaft studieren. Und schon bald wieder nach Deutschland zurückkehren, denn Teil des Studiengangs ist ein Austauschjahr in Passau. Viele Austauschschüler kämen später zurück, um in Deutschland zu studieren, sagt Uta Schüler.

Beliebt ist Deutschland vor allem bei Schülern aus China, den USA, Mexiko und Brasilien, aber auch aus mittel- und osteuropäischen Ländern. "In Brasilien entsteht eine Mittelschicht, die großes Interesse an der Ausbildung ihrer Kinder hat. Und dazu gehört auch ein Auslandsaufenthalt", sagt Uta Schüler. Doch freuen sich die Austauschorganisationen auch gerade über Jugendliche, für die ein Austausch keine Selbstverständlichkeit darstellt. Für viele dieser Schüler sind allerdings die Kosten eine hohe Hürde: Zwar bekommt die Gastfamilie kein Geld, der Schulbesuch in Deutschland ist kostenlos - aber mit Programmgebühren, Flug und Verwaltungskosten kommen mehrere tausend Euro zusammen. Stipendien sollen helfen, den Kreis der Bewerber zu erweitern. Mindestens drei Monate dauern die Austauschprogramme. Richtig gut lerne man Sprache und Leben im Land aber erst kennen, wenn man ein Jahr bleibe, so Uta Schüler.

Heimweh nach dem Zuhause

Nicht nur für den Gast und seine Gastfamilie, auch für die Daheimgebliebenen ist der Austausch eine Herausforderung. Brunos Eltern zumindest hatten gemischte Gefühle, als ihr Sohn ihnen von seinen Plänen erzählte. "Mein Vater mag die Idee, meine Mutter auch, aber sie ist ein bisschen traurig", erzählt Bruno. Im Sommer haben sie ihn besucht. Und dann gibt es ja auch noch Skype, um mit den Eltern, der Schwester und Freunden zu reden. Die Austausch-Organisationen teilen die Begeisterung für die kostenlosen Videotelefonate nicht unbedingt. Uta Schüler hat festgestellt, dass Heimweh heute stärker ein Thema ist als vor zehn Jahren, als die Schüler noch nicht mit ihren Familien telefonieren konnten, weil das viel zu teuer war. "Man bekommt leichter Heimweh, wenn man oft telefoniert, als wenn man gar nicht miteinander redet."

Mit Heimweh hat Bruno nicht zu kämpfen. Nur manchmal spürt Bruno einen kleinen Anflug von Sehnsucht nach der Heimat, wenn seine Gasteltern wieder eines ihrer vegetarischen Gerichte mit Bulgur oder Tofu zubereiten. "Schmeckt super", versichert er. Aber: "Für einen Argentinier gibt es hier wirklich sehr wenig Fleisch."