Mensch-Tier-Begegnungsstätte

Heiler für die Seele

Tiere sind für den Menschen Freunde, Begleiter, Trostspender - und manchmal auch Therapeuten. Geschichten über heilende Hunde, einfühlsame Lamas und andere außergewöhnliche Vielbeiner

Mitten in Wilmersdorf schnaubt ein Esel. "Hat er geniest?" - "Das hat sich so angehört." - "Der kriegt bestimmt `nen Schnuppen, das arme Tier." Neun alte Damen schauen neugierig durch den Zaun des Tiergeheges im Vorgarten ihres Seniorenheims an der Lentzeallee. Eine Ziege schaut genauso neugierig zurück. Die Damen, die meisten von ihnen im Rollstuhl, sitzen um einen Tisch herum. Auf ihm liegen Salatblätter und Kräuter, dazwischen hoppeln Kaninchen. "Nehmen Sie sich mal ein Sträußchen und machen Sie sich bekannt. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, das gilt für Kaninchen wie für Menschen", sagt Claudia Hauer.

Claudia Hauer ist die Leiterin der Mensch-Tier-Begegnungsstätte in dem Wilmersdorfer Altenheim. Sie muss die Seniorinnen nicht lange aufmuntern. Nur zu gern nähern sich diese den Kleintieren an, füttern sie und werden im Gegenzug neugierig beschnuppert (Foto). Beim Kontakt mit den Langohren entspannen sich manch angestrengte Gesichtszüge. Bei vielen kommt ein Lächeln auf und Gespräche entstehen. Erna Meyer erinnert die Situation an frühere Zeiten, in denen sie Katzen und Hamster zuhause hielt. "Tiere sind aufrichtig, nicht so falsch wie die Leute", sagt die 84-Jährige. Neben ihr sitzt Inge Müller. Ihr helfen die Tiere über die Eintönigkeit des Alltags hinweg. "Es ist sonst sehr schwer, mit anderen Senioren in Kontakt zu treten. Jeder hat seine Eigenheiten", sagt die 89-Jährige. "Durch die Tiere ist das einfacher."

Vierbeiner als enge Vertraute, als Brücke zur Außenwelt: Effekte, die jeder Tierbesitzer aus seinem Alltag kennt, werden immer häufiger auch medizinisch genutzt. In Berlin und Brandenburg gibt es ein breit gefächertes Angebot an tiergestützten Aktivitäten und Therapien. Der Kontakt zu Tieren verleiht Menschen Wohlgefühl und mehr Selbstbewusstsein, erleichtert darüber den Beziehungsaufbau zu Mitmenschen und wirkt nicht selten wie ein natürliches Beruhigungsmittel. In traurigen Situationen sind Tiere Freunde und Trostspender zugleich. Beim Streicheln verstärkt sich, das haben wissenschaftliche Studien erwiesen, diese Wirkung um ein Vielfaches. Daher werden Tiere gern als Co-Therapeuten für Menschen in Notlagen und mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen eingesetzt. Da sind etwa die Lamas bei Königs-Wusterhausen, die Kontakt zu Autisten aufnehmen und Kinder mit ADHS beruhigen. Da ist das Pony Hermann, das Kinder mit Down-Syndrom begleitet. Da ist Hündin Kira, die "rechte Hand" der Sozialarbeiter in einem Jugendclub in Hohenschönhausen. Und da sind die Kaninchen im Seniorenheim in Wilmersdorf.

Brücke zwischen Jung und Alt

Während Erna Meyer und Inge Müller die weichen Fellknäuel hingebungsvoll kraulen, kommen zufällig die Kinder einer Kitagruppe vorbei. Sie setzen sich neben die alten Damen, füttern und streicheln vorsichtig die Tiere. Eine Seniorin im Rollstuhl zeigt den Zweijährigen, wo sie die Blätter beim Füttern am besten festhalten. Tiertrainerin Claudia Hauer strahlt. "Die Tiere schlagen eine Brücke nicht nur zwischen den Bewohnern, sondern auch zwischen Jung und Alt", freut sie sich. "Das ist ein gutes Beispiel für tiergestützte Therapie. Die Frau im Rollstuhl hätte sonst keine Möglichkeit mehr, sich an Tieren oder Kindern zu erfreuen."

Als die Kaninchen satt sind, wird der Tisch beiseite geschoben. Zwei Esel und Ziege Meggie kommen näher. Die neun Frauen sitzen in einer Reihe, die Hände bis oben hin gefüllt mit Möhrenscheiben. Geduldig fressen Esel und Ziege alle Hände leer und lassen sich anfassen. Die Augen der alten Damen glänzen.

Die tiergestützte Therapie versteht sich nicht als Alternative zur Psychotherapie oder Ergotherapie. "Sie ist eine Ergänzung, wenn klassische Therapiemethoden nicht den gewünschten Erfolg bringen", erläutert der Verhaltensbiologe Dennis C. Turner. "Ein Vorteil ist, dass Tiere keine Vorurteile gegenüber behinderten oder psychisch kranken Menschen haben. Tiere akzeptieren jeden."