Wenn Tiere therapieren

Wie Mischlingshündin Kira in Hohenschönhausen Schulprobleme löst

Im Kinder- und Jugendclub Holzwurmhaus tollt Mischlingshündin Kira (11) durch den Garten.

Freudig begrüßt der Vierbeiner die Kinder, sucht Streicheleinheiten und Leckerlis. Anett, Gina und Stephanie aus der Nachbarschaft kommen gern vorbei, um mit dem Hund zu kuscheln. Beim gemeinsamen Spiel lachen die drei Schülerinnen viel und beim Ausruhen im Jugendclub vertrauen sie Kira ihre Probleme an. "Hunde können gut zuhören, ich kann mit ihnen über Schulprobleme und Gefühle reden", sagt die 11-jährige Stephanie. "Und sie erzählen auch nix weiter", ergänzt Gina und lacht.

Hunde und Therapeuten arbeiten eigentlich bei Besuchsdiensten in Seniorenheimen und Kliniken zusammen. Dort helfen sie Menschen mit Demenz oder mit bewegungseinschränkenden Krankheiten, die Motorik zu verbessern und sie zu Mobilität zu animieren. Zwar hat Kira die gleiche Ausbildung wie die Hunde von den Besuchsdiensten absolviert, doch hatte sie bis jetzt noch nie mit Senioren und kranken Menschen zu tun. Ihr Spezialgebiet sind junge Berliner. Im Hohenschönhausener Kinder- und Jugendclub Holzwurmhaus hat Sozialarbeiter Karsten Landgraff vor elf Jahren mit der hundgestützten offenen Jugendarbeit begonnen.

Auf den Hund gekommen ist Landgraff eher unfreiwillig. Seine Ehefrau überredete ihn zu einem Tier. Doch als er beobachtete, wie offen und vorurteilsfrei Hunde soziale Kontakte mit Menschen eingehen, beschäftigte er sich professionell mit den Tieren. Er wurde neben seiner Arbeit im Jugendclub Hundetrainer, eröffnete eine mobile Hundeschule und meldete seine beiden Hunde für ein spezielles Training der tiergestützten Therapie an. Dabei wird getestet, wie Hunde reagieren, wenn man sie mit einem Stock attackiert, sie überall streichelt oder ihnen das Futter wegnimmt. Alles typische Situationen, die im Umgang mit Kindern oder Senioren passieren können. "Der Hund muss ein Meideverhalten zeigen", sagt Landgraff, "sonst ist das Tier nicht geeignet. Der Hund kann zeigen, dass er etwas nicht mag und darf aus der Situation rausgehen, aber niemals angreifen."

Schnell hat Karsten Landgraff gemerkt, dass er mit den Hunden im Jugendclub etwas erreichen kann. "Kira lebt mit uns sieben Stunden zusammen, daher braucht sie viele Auszeiten. Die Kinder lernen das zu respektieren." Laute Kinder würden ruhiger, gingen auf die Bedürfnisse des Tieres ein. "Dadurch übernehmen die Kinder Verantwortung, verstehen Regeln zu akzeptieren. Und nebenbei lernen sie den richtigen Umgang mit dem Hund", berichtet Landgraff. Zudem hat er die Erfahrung gemacht, dass Hunde auch Mauern einreißen können. Er erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die sich zum Alkoholtrinken regelmäßig an einem Bahnhof traf. Er wollte ihnen mit dem Jugendclub eine Alternative anbieten, doch sich als Sozialarbeiter vorzustellen, hätte wahrscheinlich wenig Erfolg gehabt. So ging er abends mit dem Hund zu der Gruppe. Das Tier legte den Jugendlichen einen Stock vor die Füße und forderte sie zum Spielen auf. Manche gingen darauf ein, anderen hatten anfangs Angst. Landgraff fragte nach schlechten Erfahrungen mit Hunden, ließ die Jugendlichen mit dem Vierbeiner spielen. So ergab sich ein Kontakt. Nach einer halben Stunde "outete" sich Landgraff als Sozialarbeiter und lud die Jugendlichen in den Club ein. Einige folgten der Einladung. "Durch den Hund finden die Jugendlichen schneller Vertrauen zu uns", resümiert Karsten Landgraf. Heute besuchen 30 Kinder und Jugendliche regelmäßig den Club mit Hund.