Dinge des Lebens

Der Tisch der 1000 Geschichten

Bernhard Kraemer, 46 Jahre, Heilpraktiker aus Kreuzberg

Ella Luise hat gern den Überblick. Erst ein halbes Jahr ist die Kleine alt, und trotzdem - oder gerade deswegen - will sie alles wissen, was um sie herum passiert. Und so gehört der Wickeltisch zu ihren Lieblingsplätzen. Vor kurzem hat Ella Luise entdeckt, dass man auf dem Tisch nicht nur auf dem Rücken liegen und strampeln kann, während die Eltern lustige Lieder singen. Nein, man kann sich auch herumkugeln und bäuchlings das Umfeld erkunden. Mit den Augen, aber auch mit den kleinen Händen und den Ohren. Ella Luise liebt es, wenn man mit ihr spricht. Würde der Tisch mit ihr reden können, so wie ihre Eltern es tun, würde sie aus dem Staunen wohl nicht mehr herauskommen. Denn diese 1,10 Meter mal 70 Zentimeter, auf denen sie sich täglich mehrfach rekelt, stecken voller Geschichten.

Ausflug in die Kindheit

Bernhard Kraemer lächelt. Liebevoll streicht der Vater von Ella Luise über die abgeschabte hölzerne Tischplatte, die mit dunkelgrünem Linoleum beschichtet ist. Fährt fast zärtlich mit den Fingerkuppen über die Kratzer und Macken, bückt sich dann und klopft anerkennend an ein Tischbein. "Das ist eine tolle Tischlerarbeit, die geht nicht kaputt", sagt der 46-Jährige. Die Platte des Tisches hat längst ihren Glanz verloren, doch das Gestell hat Bernhard Kraemer gerade weiß lackiert. Es war im Winter, als er das betagte Stück vom Dachboden des Mehrfamilienhauses in Kreuzberg herunterholte und den Staub entfernte. Und es fühlte sich an wie ein Ausflug in die eigene Kindheit.

Bernhard Kraemer hat den Tisch von seiner Oma geerbt. "Ich schätze, er gehörte zu ihrer Hochzeitsausstattung", sagt er. Es muss in den 1930er Jahren gewesen sein, als das Möbelstück in dem hessischen Dorf landete, in dem seine Großeltern mütterlicherseits wohnten. Es fand seinen Platz in der Küche und diente fortan als Esstisch, manchmal auch bereits als Wickeltisch - dann, wenn Bernhards Mutter mit ihrem Säugling zu Besuch war. "Das mit dem Wickeln hat mir meine Mutter erzählt", sagt Kraemer. "An die Essen bei Oma erinnere ich mich selbst noch gut, vor allem an ihre Kartoffelpuffer mit Apfelmus." Jede Ferien habe er die Oma besucht. "Sie war die Beste, warmherzig und verschmitzt." Und dann habe es ja auch noch die Cousine gegeben, die mit ihm Domino oder Mikado an dem Tisch gespielt habe. Einmal hätten sie aus Wachsresten und Schnüren dort auch Kerzen gebastelt. "Wir haben alle Farben zusammen gekippt und uns gewundert, dass immer nur Braun herauskam und die Dinger nicht brennen wollten", erzählt er lachend.

Als die Oma 1993 starb, nahm Kraemer, mittlerweile Student, den Tisch mit in seine WG-Küche in Göttingen. Statt Apfelmus und Domino erlebte das Möbel dort Alkohol und Doppelkopf. Ein Jahr später zog Kraemer zur Promotion nach Berlin, mit ihm der Tisch. "Hier in dieser Wohnung in Kreuzberg haben noch mehr Menschen an ihm gesessen", sagt er. "Ich habe mal ausgerechnet, dass ich seit 1994 mit 50 verschiedenen Menschen hier gewohnt habe, von anderen Studenten bis hin zu fünf polnischen Fliesenlegern."

Der Kreis schließt sich

Irgendwann zog seine Freundin bei ihm ein und Kraemer hatte einen neuen Tisch. Der alte von Oma begleitete ihn zur nächsten wichtigen Station seines Lebens: Er diente ein Jahr lang als Empfangstisch in der Naturheilpraxis, die er 2007 mit einem Kollegen und seiner heutigen Frau Claudia gründete. "Als Claudia schwanger wurde, wussten wir gleich, dass dieser Tisch nun zum Wickeltisch werden würde", sagt Kraemer. Für ihn schließt sich damit ein Kreis. "Ich habe meine Oma sehr geliebt und eine tiefe Verbindung zu ihr -so wie zu meiner Tochter." Sogar den Namen der Oma hätten sie dem Kind geben wollen. Aber "Hertha", das habe ihnen dann doch nicht recht gefallen.

Wenn Bernhard Kraemer heute seine Tochter wickelt, denkt er an seine Wurzeln. Der Tisch: Er ist sein Symbol für Familie. Daher will er ihn auch nicht weggeben. "Wenn Ella Luise nicht mehr gewickelt werden muss, benutze ich ihn als Bürotisch", überlegt er. "Er hat vorne ja auch diese große, praktische Schublade."

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