Mamas & Papas

Von faulen und fairen Kompromissen

Diese Woche klingelte es mittags heftig an unserer Haustür. Ah, dachte ich, das muss wohl die Tochter sein. Seit sie die fünfte Klasse besucht, geht sie nicht mehr in den Hort.

Der Hort - halb Segen, halb "Problembär". Vier Jahre lang ging unsere Tochter hin, am Ende allerdings nicht mehr so häufig. Warum? Die Hausaufgabenmenge nahm von Schuljahr zu Schuljahr zu, der Lärmpegel im Hort aber nicht ab. Immer öfter klagte sie, sich bei der großen Unruhe dort schlecht konzentrieren zu können. Ihren im Hort gemachten Hausaufgaben merkte man das an. Ich erinnere mich an dadaistische Zahlenkolonnen ohne Sinn und Logik, einfach hingeschrieben, damit die Seiten voll sind. Brauchte sie mal Hilfe, war oft niemand Hilfreiches da. Das Hortpersonal ist knapp. Ob sie an der schulischen Leistung merke, welche Kinder in den Hort gingen und welche nicht, fragten wir die Lehrerin. "Klar", sagte die. Die Kinder, die daheim lernten, seien einfach besser. Wen wundert es?

Gut, entschieden wir diesen Sommer - ab jetzt kein Hort mehr. Ich arbeite von daheim aus, da lässt sich das gut einrichten. Nachmittags sitze ich an meinem Schreibtisch und meine Tochter an ihrem. Klappt prima. Nur haben wir jetzt einen neuen "Problembären": den kleinen Bruder.

"Und warum muss ich noch in den Hort?", protestiert er seitdem. Auch dafür gibt es gute Gründe. Er ist in der zweiten Klasse, die Hausaufgaben halten sich in Grenzen. Nachmittags spielt er am liebsten mit seinen Freunden - und die sind alle im Hort. Dort gibt es einen großen Garten mit Fußballkäfig und riesiger Sandkiste (die bald leer ist, so viel hole ich täglich aus Schuhen und Hosentaschen) und für Regentage einen Tischkicker. Er kann sich im Hort austoben. Sitzt er zuhause, hält er höchstens zwanzig Minuten still. Danach klebt er an meinem Schreibtisch. "Was soll ich machen? Mir ist langweilig. Darf ich fernsehen?" - "Nein!" - "Spielst du mit mir?" - "Jetzt nicht, ich muss arbeiten." - "Siehst du, ich darf nichts!" Meistens führt sein Gejammer zu irgendeinem faulen Kompromiss von der Art: eine halbe Stunde Schreibruhe für Mama gegen eine Stunde Puzzeln mit dem Sohn - der schöne Arbeitsnachmittag ist passé. Den Sohn zuhause lassen? Ich kann es mir beruflich nicht leisten.

Zurück zu besagtem Tag. Es klingelt also heftig. Und als ich öffne, steht zu meiner Überraschung nicht die Tochter da - sondern der Sohn. "Was machst du denn hier? Du bist doch im Hort!" - "Nein", teilt er mit, er habe sich für diesen Tag eigenmächtig abgemeldet. Weil es unfair sei, dass seine Schwester immer nach Schulschluss gehen dürfe, und er müsse in den Hort. Ganz mutterseelenallein sei er dann nach Hause gelaufen. Ist ja schön, wenn die Kinder selbstständig werden - aber das war übers Ziel hinausgeschossen. Fand er wohl auch. Denn er sprach atemlos davon, wie "krass" das Erlebnis gewesen sei. "Wie eine Mutprobe."

"Wo ist überhaupt deine Schwester", fragte ich nun noch besorgter. Um das Chaos komplett zu machen: Die verantwortungsvolle Schwester suchte panisch den kleinen Bruder auf dem Schulhof, weil sie gemerkt hatte, dass er nicht bei seiner Horttruppe war. Wir radelten ihr also schnell entgegen, um sie zu beruhigen. Danach hielten wir Familienrat. Was tun? Wir haben einen Kompromiss gefunden: Einmal die Woche geht der Sohn nach der Schule mit seiner Schwester heim. Dann hat er hortfrei. Das ist fair. Zumindest ein bisschen.

In der kommenden Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher