Musik

Schräge Töne aus dem Kinderzimmer

Musik bildet. Das Herz, das Gehör, die Identität. Eltern unterstützen dies nur zu gern - und stoßen bei der Endlosschleife von "Vogelhochzeit", Lady Gaga oder Bushido dann doch an ihre Grenzen. Ein Vater erzählt.

Derzeit ist die Situation folgendermaßen: Aus dem einen Kinderzimmer erklingt meist englischsprachiger Hip Hop, manchmal hört man auch rüde Reime auf deutsch. Aus dem anderen Kinderzimmer erklingt deutschsprachiger Hip Hop, manchmal auch Rock. Beides zu laut. Beides von den Eltern unerwünscht. Unser Radio wird übertönt, selbst bei geschlossenen Türen. Etliche Worte, die uns ungefragt anspringen wie nasse Hunde, lauten "Bitch" oder "Schlampe". Ansonsten künden Männer davon, welch tolle Eigenschaften sie haben. Ich seufze dann.

Um eines gleich zu sagen: Die Zeiten, als noch "Häschen in der Grube" und "Anne Kaffeekanne" in heavy rotation durch die Wohnung schollen, waren kein bisschen besser. Jedenfalls nach meinem Empfinden. Kindermusik kann ja soo grausam sein. Die vier apokalyptischen Reiter tragen für mich klar buchstabierbare Namen. Nix mit Bushido oder Haftbefehl, es sind: Rolf Zuckowski. Fredrik Vahle. Peter Maffay. Nena. Noch heute bricht mir der Schweiß aus, wenn ich an deren Lieder denke. Mitfühlenden und gefühlvollen Menschen sei jetzt gesagt, dass ich eine Erklärung habe, warum das okay ist.

Aber der Reihe nach. Meine erste Erinnerung, dass etwas mit Kindermusik schief lief, betrifft ein Lied, das ich eigentlich selbst mochte, nämlich den Marsch der Elefanten im "Dschungelbuch". Linus war wohl eineinhalb Jahre alt, er liebte den Marsch. Die Elefanten um Colonel Hathi sangen "Über Berg und Tal, schmettert den Choral, das ist Militärkultur", der Junge stampfte im Kreis durch sein Zimmer. Ich stampfte mit. Wieder und wieder. Das Stampfen und dazu Tröten war wichtig. Ich fand mich super. Auch fortschrittlich und einfühlsam. Linus merkte sich das Mitmachen.

Wir Eltern lieben Musik. Wir fördern das Musikhören. Wir sind völlig zu Recht überzeugt: Musik ist etwas Gutes, auch für Kinder. Wir haben selbst Musik zur Identitäts- und Herzensbildung gehört, oft gegen die Vorlieben unserer Eltern, die mit Pop und Rock nichts anfangen können. Und natürlich wollen wir dies bei unseren Kindern besser machen. Was ich nicht wusste: Dieser Weg würde kein leichter sein.

Bald vertraute das Kind nicht mehr den Elternvorschlägen. Aus dem Kinderladen schleppte Linus Fredrik Vahle ein, Jahrgang 1942, einen promovierten Soziolinguisten, der eine Habilitationsschrift über Kindersprache und Kinderreime vorgelegt hat, aber zum Unglück vieler auch erfolgreich Musik macht. Das Kinderzimmer-Stampfen funktionierte nun am besten zu "Da kommt die Kuh, poromm-pomm-pomm", mit Elefantentritten ging es erneut im Kreis herum. Auch "Plitsch-Platsch-Pinguin" brachte ganz, ganz viel gute Laune.

Die Vahlessche Kassette "Anne Kaffeekanne" ertönte also dauernd und überall. Wer mich auf die Palme bringen will, stimmt diesen Vahle-Song an: "Und dann geh' ich auf den Markt und kauf' ein Hähnchen, und das soll mich jeden Morgen wecken, und der Hahn macht kikerikiki, jeden Morgen schon ganz früh". Linus hatte überhaupt kein Problem, diese Musik zu spielen, wenn er erwachte, jeden Morgen schon ganz früh. Gar nicht gut.

Das Problem der ewigen Wiederkehr

Die Lieder selbst sind vielleicht überhaupt nicht das Problem, sondern deren ewige Wiederkehr. Einmal für gut befunden, spielen die lieben Kleinen das Zeugs weiter und weiter, das Unaufhörliche wird zum Ausweglosen und nervt bald kolossal. Diese jauchzende Fröhlichkeit. Das Jubilieren und Juchzen in herzerweichender Dauerbeschallung. Der unschuldige Ruf "Noch mal!" ist ein fürchterlicher Imperativ. So wird jeder Song zum Heuler. Vielleicht haben wir den Wunsch zur Endlosschleife den Kindern selbst eingepflanzt, als wir jeden Abend die Spieluhr mit "Guten Abend, gute Nacht" aufzogen? Ich bin da ratlos.

Musik wird so jedenfalls bald zum Herrschaftsinstrument, zur Terrormaßnahme. Mit elterlicher Gutmütigkeit ist es bei "Benjamin, du kleiner Elefant" schnell vorbei. Wer nie bei Autofahrten bereit war, CDs oder Kassetten aus dem Fenster zu werfen, jetzt, sofort, unwiederbringlich, wenn nicht augenblicklich Schluss sei mit der Musik, hat bestimmt keine Kinder oder ein derart dickes Fell, dass man auf der Straße mit dem Yeti verwechselt wird.

Wir lernten, die Kindermusik zu fürchten, sagten es aber natürlich niemandem. Unser Sohn Nils schleppte ein paar Jahre später "Rolfs Hasengeschichte" heran. Woher nur, fragte ich mich. Waren es irregeleitete Verwandte, diabolische Freunde? So kam unser Haushalt zu Rolf Zuckowski, dem Lord Voldemort der Kindermusik. "Rolfs Hasengeschichte" erzählt in Liedern vom kleinen Hasen, der krank ist, aber rechtzeitig zu Ostern wieder gesundet. Höhepunkt ist der schnellrhythmisierte Auferstehungskracher "Ich bin stark". Wir mussten zahllosen Aufführungen beiwohnen, Nils lag darnieder, reckte sich zu "Ich bin stark" hoch und vollführte veitstanzähnliche Bewegungen.

Ich versteckte bald die Kassette. Ich diskutierte. Ich bettelte. Vergeblich, das Kind verlangte nach "Rolfs Hasengeschichte" und natürlich weiteren Elaboraten des Künstlers. Der Leser frage an dieser Stelle lieber nicht nach der "Weihnachtsbäckerei" oder "Rolfs Vogelhochzeit", dem folgenreichsten Album seit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band". Wir hatten sie. Wir hörten sie. Die Erinnerung daran schüttelt mich.

Das wahre Grauen sind Kindermusik-Dauerschleifen. Die sinistre Meisterin heißt Nena, und unsere beide Kinder waren ihre ergebenen Schüler. Als es für die Sängerin gerade nicht so gut lief, legte sie 1990 "Komm, lieber Mai" und 1995 "Unser Apfelhaus" vor, später "Nena macht Rabatz". Kinderliedklassiker gehen ineinander über wie bei einem DJ-Mix. Einmal losgelegt, dudelt die Musik eine Stunde lang, es gibt kein Entrinnen. Da wird die eigentlich völkerverständigende Aufforderung "Brüderchen, komm tanz mit mir" zur Drohung, ja Folter.

Identitätsbildung? Aber ja!

Die Kulturkritik beklagt seit Jahr und Tag die Infantilisierung der Gesellschaft. Bitteschön, die Kinder mit ihrer hirnerweichenden Musik tragen ihren Teil bei. Warum nicht Nein sagen? Weil unser Verständnis als Eltern dem Absoluten zustrebt. Weil wir die Kinder lieben, weil wir unbedingte Toleranz praktizieren. Weil wir uns nicht trauen.

Es gibt andererseits gar keinen Ausweg. Kindermusik muss so sein, sie soll ja Kindern gefallen und nicht Erwachsenen. Identitätsbildung? Aber ja. Tatsächlich lernen Kinder etwas, sie mögen die einfachen Rhythmen, wenigstens Fredrick Vahle reimt nicht unbedingt falsch, vieles ist witzig. Das macht natürlich Peter Maffays Tabaluga-Songs nicht ungeschehen. (Mitarbeit übrigens: Rolf Zuckowski. Ich hoffe, der Schneemann Arktos könnte den Drachen Tabaluga endlich dauerfrosten, damit Ruhe herrscht.)

Es gibt in Bachs Matthäuspassion die fantastische Arie "Geduld!" Ich will hier gar nicht klassischer Musik das Wort reden: Es ist das Motto, das hilft. Mit Geduld geht alles vorüber. Irgendwann war die letzte Kinderkassette verstaubt, die CDs wurden in den Keller gebracht. Der Wandel kam mit den Ärzten und den Prinzen. Ich darf sagen, "Küssen verboten" ist auf Dauer kein bisschen besser als etwa "Und ganz doll mich", doch wir empfanden es als ungeheure Erleichterung. Bald entdeckte Linus die Beatles und verlangte "das U-Boot-Lied". Begeistert hörten wir also "Yellow Submarine". Auch "Westerland" und "Ja, so muss ein Cowboy sein, dreckig, feige und gemein". Linus gab die frohe Kunde bald an seinen kleinen Bruder weiter. Wir waren entzückt. Endlich entfesselt, befreit. Adé, ihr vier apokalyptischen Reiter.

Mit etwa 13 kam Linus zu mir und sagte triumphierend: "Papa, hast du schon mal was von (kleine Pause) Bob Marley gehört?" Er war enttäuscht, als ich bejahte. Er hatte mich pieksen wollen. Es gibt aber wenig unter der Sonne, mit dem man uns musikalisch provozieren kann. Unsere Kinder suchen nach Reizpunkten, die ähnlich gut funktionieren wie Rockmusik damals bei unseren Eltern. Eine schwere Aufgabe. Wir haben "Schnappi, das kleine Krokodil" überstanden, da können uns Hip Hopper wie MachOne und Schwesta Ewa nicht gefährlich werden.

Womöglich wäre es deshalb gut, hier untoleranter zu sein, auch feine Songs in Bausch und Bogen zu verdammen und so Unterschiede zu schaffen. Sich lautstark gegen Lautstärke zu verwahren, unterstützt das Selbstbewusstsein der Pubertierenden. Das wird zwar keineswegs zum gewünschten Ergebnis führen, nämlich leiserer Musik, aber man tut seinen Kindern einen großen Gefallen, ganz ähnlich wie damals beim Elefantentanz. Sie haben von klein auf gelernt, wie man musikalischen Terror durchsetzt. Wer weiß, wozu es gut ist.