Geschmack

"Musik dient auch als Abgrenzung"

Wie Kinder Vorlieben entwickeln und man sie unterstützen kann

- Warum es nichts ausmacht, wenn die Kinder nervige Musik hören: Darüber sprach Nicole Dolif mit Christian Höppner, Cellist und Generalsekretär des Deutschen Musikrats.

Berliner Morgenpost:

Erst niedliches Gedudel mit Häschen und Käferchen, später dann monotones Gesinge von Pop-Sternchen - warum hören Kinder und Jugendliche eigentlich so schlechte Musik?

Christian Höppner:

Jugendliche hören auch Musik, um sich von ihren Eltern abzugrenzen. Das muss man sich immer klar machen. Und manchmal ist es dann auch besser, sich zu verkneifen, dass man das, was die Kinder gern hören, für Mist hält. Ganz allgemein gilt: Kinder, denen die frühzeitige Erfahrung mit verschiedenen Musikrichtungen fehlt, mögen einfache und laute Musik. Die ist leichter zugänglich - und sie findet sich auch in den Medien.

Wie kann man denn Kindern ein etwas breiteres Spektrum nahe bringen?

Möglichst früh anfangen. Mit musikalischer Früherziehung, aber auch einfach mit selbst singen und dem Hören von unterschiedlichen Stilrichtungen. So bekommen Kinder mit, dass es verschiedene Arten von Musik gibt und entwickeln eine Offenheit, eine Neugier, die ihnen den Zugang zu fast allem eröffnet. Sich vor einer bestimmten Musikrichtung zu verschließen, ist nie gut. So erkenne ich zum Beispiel auch die Leistung der Musik-Castingshow X-Factor an - auch wenn ich in der Musik nicht zu Hause bin.

Also lieber in die Oper? Oder zum Rockkonzert?

Am besten ist eigentlich: zu beidem. Je mehr verschiedene Musik die Kinder kennen, desto neugieriger sind sie auf andere Sachen. Schließlich kommt niemand schon mit einer Vorliebe für Bach oder Bushido auf die Welt.

Hören denn Kinder, die selbst ein Instrument spielen, bessere Musik?

Das kann man so nicht sagen. Sie hören natürlich auch das, was die Freunde gut finden. Das ist Thema auf dem Schulhof und bei Feiern. Aber sie können besser einordnen und auch bewerten, was sie gut oder schlecht finden. Und wenn sie selbst Musik machen, teilen sie mit anderen Kindern das Gefühl, gemeinsam zu musizieren. Hier ist es ganz egal, ob sie im Chor singen, in einer Band spielen oder in einem Orchester.

Mussten Sie auch manchmal die Tür zu machen, wenn Ihre Kinder Musik gehört haben?

Ja, oft sogar. Aber ich habe mich immer sehr zurückgehalten und sie ihre Sachen hören lassen. Und auch spielen. Mein Sohn, der mittlerweile studiert, hat zum Beispiel als Jugendlicher sein Cello in die Ecke gestellt und sich ganz seinem Schlagzeug gewidmet. Das war für ihn genau richtig. Er spielt immer noch in einer Rockband.

Und gefällt Ihnen das?

Das ist unterschiedlich. Ich gehe ja manchmal zu seinen Auftritten in Clubs. Und manche der Stücke packen mich eben sofort, andere nicht so. Aber genau so soll das ja sein. Man soll selbst bewerten, was einem gefällt.

Es fällt vielen Eltern trotzdem nicht leicht, die Musikvorlieben ihrer Teenagerkinder zu ertragen. Haben Sie einen Tipp?

Gelassen bleiben. Das ist immer nur eine Phase. Wenn Musik für die Kinder zum Alltag in der Familie gehört, werden sie irgendwann einen eigenen Musikgeschmack entwickeln. Ganz allein. Eltern, die das irgendwie steuern wollen, tun ihren Kindern keinen Gefallen.