Interview

"Der Mensch ist zugleich treu und untreu"

Über Stolpersteine für eine Partnerschaft und Möglichkeiten, sie zu retten, sprach Beatrix Fricke mit dem Psychologen Prof. Dr. Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin.

Berliner Morgenpost:

Mittlerweile wird in Deutschland mehr als jede dritte Ehe geschieden. Was macht Paaren das Zusammenbleiben so schwer?

Prof. Peter Walschburger:

Das ist zu einem Gutteil ein neuzeitliches Problem. Die Menschen haben heute eine lange Lebensdauer. Früher wurden Männer und Frauen mit Glück 40 Jahre alt. Davon waren sie vielleicht die Hälfte der Zeit verheiratet. Heute dauert allein eine Ehe gut und gerne 40 Jahre - falls sie denn hält. Es besteht die Gefahr, dass sich die Partner in dieser Zeitspanne stark auseinanderentwickeln.

Warum wachsen sie nicht eher zusammen?

Je älter der Mensch wird, desto mehr findet er zu seiner eigenen Persönlichkeit. Wenn die Gesellschaft und man selbst so frei sind, dass autonome Entfaltung möglich ist, nimmt die Individualität zu - und plötzlich passt es womöglich nicht mehr. Natürlich gibt es aber auch die Chance des Zusammenwachsens. Anfangs gibt es in jeder Beziehung ja diese leidenschaftliche, stark sexuell bestimmte Phase. Diese befördert eine tiefe erotische Anziehung und emotionale Bindung - hervorragende Ausgangsbedingungen für eine lange Partnerschaft. Doch braucht es zusätzliche Beziehungsarbeit, wenn eine Beziehung über lange Zeit gut gehen soll.

Gibt es denn Zeitpunkte, die in jeder Partnerschaft besonders kritisch sind?

Die erste Enttäuschung gibt es meist nach wenigen Wochen - dann nämlich, wenn das Stadium der absoluten Verliebtheit vorbei ist. Dann fällt die rosarote Brille weg und der Partner erscheint im Normalmaß, mit Schwächen und Fehlern. Der Scheidungsgipfel liegt dann bei ungefähr fünf Jahren. Ich denke, das ist kein Zufall.

Warum gerade dann?

Nach etwa fünf Jahren ist der anfangs noch hormonell unterstützte Bindungsschutz nicht mehr wirksam. Wenn sich zu diesem Zeitpunkt noch kein tiefes Vertrauensverhältnis eingestellt hat, sieht es schlecht aus für die Beziehung. Dieses Vertrauen gilt es in der Partnerschaft dann auch ständig weiterzuentwickeln. Gleichzeitig sollten die Partner aber auch ein paar Geheimnisse und ihre Intimsphäre für sich bewahren, um ein Stück weit neu und aufregend zu bleiben. Denn dies erhöht und erhält ihre sexuelle Attraktivität.

Auch die Familiengründung stellt Paare auf eine harte Probe.

Das stimmt. Wenn etwa einer ein Kind will und der andere nicht, ist das sehr schwierig. Aber auch, wenn sich beide für Kinder entscheiden, kann es kritisch werden. Die Emanzipation und die modernen Lebensformen haben entscheidende Veränderungen gebracht - bei Frauen wie bei Männern. Doch sind wir noch längst nicht so fortschrittlich, wie wir denken. So sind es die Frauen, die im Bereich Familie und Nachwuchs mehr investieren und dies meist auch wollen. Das war schon lange vor den letzten 5000 Jahren der Kulturgeschichte des Menschen so.

Wie schaffen es Partner, lange zusammen zu bleiben?

Grundsätzlich muss man feststellen: Eine sehr lange Bindungsdauer war von der Natur nie vorgesehen. Evolutionsbiologisch hat die Paarung ja den Zweck, Nachkommen zu erzeugen. Bei der Spezies Mensch, die die Sexualität heute frei nach dem Lustprinzip ausleben kann, erscheint uns das alles lange her. Doch hat der Mensch nach wie vor eine Doppelnatur: Er ist Kultursubjekt und eben auch ein Kind der Natur, ein Objekt der Biologie. Das zeigt sich immer wieder. So ist der Mensch als Partner zugleich treu und untreu - weil er einerseits eine vertrauensvolle Bindung unterhalten kann, andererseits aber auch eine hohe sexuelle Empfänglichkeit und eine Neigung beibehält, sich leidenschaftlich zu verlieben.

Wann sollten Paare sich Hilfe holen?

Wenn die Partner selbst nicht mehr weiterkommen, kann es hilfreich sein, wenn man einen Therapeuten hinzuzuzieht. Das stimuliert die Einsichten in die Probleme der Partnerschaft - und in ihr Wachstumspotenzial. Leider kommen Paare häufig zu spät in eine Beratung. Das liegt am reflexiven Bewusstsein des Menschen, das uns vorgaukelt, dass etwas nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Doch wer alles unter den Teppich kehrt und sich etwas vormacht, wird vielleicht irgendwann aufwachen und feststellen: Mensch, ich hasse ja nur noch. Es ist viel besser, sich auszutauschen und eine Streitkultur mit rechtzeitigen Versöhnungsgesten zu entwickeln.