Partnerschaft

Die Liebe festhalten

Schmetterlinge im Bauch nach 25 Jahren Ehe? Das geht. Vier Paare erzählen, wie ihre Gefühle füreinander sogar noch gewachsen sind und wie sie Schwierigkeiten meistern. Allen ist gemeinsam: Sie haben gelernt, miteinander zu reden, und suchen bewusst das Gespräch. In guten wie in schlechten Zeiten.

- Alles begann mit einem Partyspiel. Angela und Frank, damals 15 und 14 Jahre alt, bekamen beim Flaschendrehen die Aufgabe, einander zu küssen. Unter dem Gekicher ihrer Clique pressten sie für eine Zehntelsekunde ihre Münder aufeinander. Heimlich wischten sie danach ihre Lippen ab und behandelten sich für den Rest des Abends mit demonstrativer Coolness. Erst fünf Jahre und viele zufällige Treffen später kam es "zum Knall", wie Angela Firla es nennt. "Was hältst du davon, wenn du mich jetzt mal küsst", habe Frank sie eines Nachts auf dem Nachhauseweg gefragt, erinnert die heute 52-Jährige den entscheidenden Moment. Frank Firla dagegen sagt, er habe es einfach getan - mitten auf der Kreuzberger Yorckstraße.

Mit entwaffnendem Grinsen schaut der 51-jährige Malermeister seine "Mausi" an. Die Gastronomin blickt zurück - den Kopf leicht schräg geneigt, mit einem koketten Augenaufschlag und einem schelmischen Lächeln. "Und da waren die Schmetterlinge da...", sagt sie, "..sind immer noch da." Sie beugt sich nach vorn, greift nach Franks linkem Unterarm und drückt ihn fest. Im Juli haben die Firlas ihre Silberhochzeit gefeiert. Was sie aneinander schätzen? "Alles", sagt Frank schlicht. "Sie akzeptiert mich, so wie ich bin. Sie ist verständnisvoll und freundlich. Und was ich denke, hat sie oft schon ausgeführt." Angela lobt Franks Humor. "Sehr schlagfertig ist er", sagt sie und lacht. "Das schätze und bewundere ich." Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit und Toleranz seien die Grundpfeiler ihrer Ehe.

Das Ehepaar aus Marienfelde lebt, wie beide bestätigen, eine erfüllte, gleichberechtigte Partnerschaft. Ein Ende: nicht abzusehen. Damit haben sie geschafft, wovon die meisten Menschen träumen. Tatsächlich wird mehr als jede dritte Ehe in Deutschland geschieden, fast jeder Fünfte hat in seiner aktuellen Ehe zumindest schon einmal an Trennung oder Scheidung gedacht. Allein im Jahr 2011 wurden rund 188.000 Scheidungsurteile gesprochen. Die meisten Trennungen gab es dabei im "verflixten" siebten Jahr nach der Hochzeit. Adieu, ewige Liebe.

Der Psychologe Prof. Peter Walschburger hält die hohen Trennungs- und Scheidungsraten für ein neuzeitliches Problem. "Früher war es ehrenrührig, sich zu trennen. Heute geht man vielleicht zu schnell auseinander", merkt Walschburger kritisch an. "Ich finde, dass eine Partnerschaft es wert ist, dass man sich um sie bemüht." Das passiere vor allem durch Kommunikation.

Verbindende Rituale

Angela und Frank Firla haben den Wert des Redens im Laufe der Jahre erkannt. "Wenn es dicke Luft gibt, setzen wir uns hin und erzählen uns alles", sagt Angela Firla. "Da merken wir auch, wie viel Liebe im Spiel ist, weil uns der andere nicht gleichgültig lässt und die Auseinandersetzung weh tut." Das bedeute aber nicht, dass man immer alles ausdiskutieren müsse. "Jeder tickt anders. Man muss sich nicht über jede Kleinigkeit aufregen", sagt sie. "Genau", nickt Frank Firla. "Das bringt nicht weiter." Lieber besinnt sich das Paar auf Gemeinsamkeiten, etwa die Lust aufs Motorrad fahren. Angela Firla sorgt auch gern für außergewöhnliche Erlebnisse, etwa Helikopterflüge oder Überraschungsfahrten mit einer Stretchlimousine. Damit zelebrieren die beiden Geburtstage oder ihre Jahrestage.

Stefanie und Rico Möller haben sich erst vor einem Jahr das Jawort gegeben. Dennoch sind sich die Bundespolizistin und der Vertriebsleiter aus Buckow sicher, dass ihre Ehe ewig halten wird. "Wir haben eine ähnliche Vorstellung von Beziehung, teilen Leidenschaften etwa für Sport und die Ostsee und haben zudem die gleichen Lebensziele", sagt Stefanie Möller. Mit der Geburt ihrer Tochter Carla vor drei Wochen ging für beide ein großer Wunsch in Erfüllung. Das Zusammengehörigkeitsgefühl sei noch intensiver geworden, sagt die 31-Jährige. "Wenn ich Rico als Vater sehe, wie er mit Carla schmust, geht mir das Herz auf. Das ist so ein Hochgefühl, das lässt sich kaum mit Worten beschreiben."

Doch auch von der Verpflichtung und der Verantwortung, die ein Eheversprechen und eine Familiengründung mit sich bringen, sprechen die beiden. Und der Mühe, sich zusammenzuraufen. "Eine Beziehung lebt nicht von allein, man muss hart arbeiten", hat Rico Möller (34) bereits in den vier Jahren des Zusammenlebens vor der Hochzeit erkannt. "Weil nicht immer einer bestimmen und der andere Ja und Amen sagen soll, mussten wir lernen, uns Problemen zu stellen und miteinander zu streiten", erzählt Stefanie Möller. Geholfen hat ihnen ein "Beziehungstag" einmal pro Woche, an dem die beiden etwas unternehmen - etwa ins Kino oder essen gehen. Auch mit Nachwuchs wollen sie diesen Tag beibehalten. "Da kommt man ganz anders ins Gespräch", sagt die junge Mutter. Anfangs fanden die beiden das wöchentliche Date etwas künstlich. Doch das Durchhalten hat sich ausgezahlt: Die "ehrliche und offene Kommunikation" sei es, die sie zusammenschweiße, sagt Rico Möller heute. "Wir reden viel miteinander - über gute wie schlechte Dinge."

Was bei Stefanie und Rico Möller der "Beziehungstag" ist, ist bei Irmgard und Andreas Böttner etwas Kleines und doch sehr Großes: der Gute-Nacht-Kuss. Das Paar aus Potsdam, das seit 33 Jahren zusammen ist und zwei erwachsene Kinder hat, hat die liebevolle Verabschiedung am Ende des Tages als festes Ritual in seinen Alltag eingebaut. Es ist ihr Zeichen, dass sie zusammen gehören, sich schätzen und lieben. Und es ist ihre Art, im Gespräch zu bleiben. "Wenn es mal Probleme gibt, dann reden wir miteinander. Am Abend muss das Thema so weit geklärt sein, dass wir uns wieder einen Kuss geben können", sagt Andreas Böttner. Der 52-Jährige mag an seiner Frau besonders, dass sie seinen Sinn für das Schöne, für Romantik und Zärtlichkeit teilt. Die 51-Jährige schätzt an ihrem Mann, dass sie sich mit ihm austauschen kann und er sie in ihrer Meinung bestärkt. Das Gute-Nacht-Ritual führt dazu, dass beide Bedürfnisse gestillt werden. Wie wichtig der Kuss in ihrer Ehe geworden ist, gibt Irmgard Böttner lächelnd preis: "Wenn wir den Gute-Nacht-Kuss einmal vergessen haben, wache ich nach ein paar Minuten Schlaf wieder auf", sagt sie. "Dieses Zeichen ist mir so wichtig. Es sagt mir: Alles ist gut."

Sich mit dem Partner austauschen können, sich von ihm wahrgenommen und bei ihm aufgehoben fühlen: Das ist auch nach Ansicht des Klinischen Sexualpsychologen Christoph J. Ahlers die Basis einer gelingenden Beziehung. Er hat sich auf Paare spezialisiert, die unter mangelndem sexuellen Verlangen und sexuellen Störungen leiden. Laut Umfragen ist fehlender oder unbefriedigender Sex eines der häufigsten Beziehungsprobleme. "Zwei Drittel aller Menschen sind im Laufe ihres Lebens von sexuellen Funktionsstörungen betroffen, mindestens ebenso viele von partnerschaftlichen Problemen", so Ahlers. "Und beides spielt häufig ineinander." Er ist überzeugt, dass die Schwierigkeiten meist gelöst werden können, wenn die Paare miteinander reden lernen - über alltägliche Befindlichkeiten wie über sexuelle Wünsche.

Sich Hilfe suchen

Zu Ahlers' Klienten gehörten auch Monika* (31) und Marek* (34). Bei ihnen war das Gefühl von Nähe und Geborgenheit nach gut zehn Jahren Ehe verschwunden - und damit auch eine funktionierende Sexualität. "Wir hatten das Bedürfnis nach Nähe, aber wir wussten nicht, wie wir sie für uns herstellen können. Keiner von uns wollte oder konnte sich mehr annähern und sich dem anderen gegenüber öffnen", so Monika.

Im Rückblick kann die attraktive junge Frau das zentrale Problem benennen: Sie und Marek hätten beide möglichst schnell Karriere machen wollen - und sich im Termindruck und Freizeitstress als Menschen aus den Augen verloren. Eineinhalb Jahre lang ging das Paar bei Ahlers, der die Praxis für Paarberatung und Sexualtherapie am Institut für Sexualpsychologie Berlin leitet, in eine Verhaltenstherapie. "Eine der wichtigsten Übungen war, die Floskel: ,Wie geht es dir?' zu der Frage: ,Wie geht es dir mit mir?' zu ergänzen. Das beinhaltet viel mehr, das bedeutet: ,Fühlst du dich wohl mit mir? Bekommst du die Wärme, die du brauchst?'", so Monika. Der Therapeut sei vor allem Übersetzer gewesen. Nach den Gesprächsübungen lernten die beiden Wege, sich auch körperlich wieder anzunähern - ohne Zwang und Leistungsdruck. "Kein Mensch muss müssen - gerade im sexuellen Bereich nicht", betont Experte Ahlers. "Wenn beide Partner Sex als Kommunikationsmöglichkeit sehen, stellt sich durch das körperliche Zusammensein genau die Nähe her, die vor allem Frauen sich wünschen. Für viele Männer ist Sex wiederum eine prominente Möglichkeit, Gefühle zu kommunizieren, denn da kann man sich schwach und verletzlich zeigen", sagt er.

Einer aktuellen Umfrage zufolge haben nur vier Prozent der Deutschen in ihrer jetzigen Ehe schon einmal einen Paartherapeuten aufgesucht. Und das, obwohl laut Studien 70 Prozent der Paare nach einer Therapie zusammenbleiben. So auch Monika und Marek: Heute bezeichnen sie sich wieder als ein glückliches Paar. Monika sagt dankbar: "Wir haben geschafft, zusammen etwas aufzubauen, von dem ich und mein Mann zuvor nicht gewusst haben, dass es das überhaupt gibt: eine tiefe und innige Bindung."

* Namen geändert