Dinge des Lebens

Vaters rote Hose als Kraftspender

Silvia Kellner, 51 Jahre, Bürokauffrau aus Mariendorf: Ich brauche nicht auf den Friedhof zu gehen, um an jemanden zu denken

Wenn Silvia Kellner an ihren Vater denkt, dann sieht sie Rot. Tagein, tagaus trug er seine rote Arbeitshose, auf der vorn über der Brust "Porsche" stand. 40 Jahre hatte ihr Vater bei Eduard Winter in Halensee in der Werkstatt gearbeitet. Als gelernter Autosattler war er dort erst für VW, in blauer Hose, und dann später für Porsche zuständig - in roter Hose.

Heinz hieß ihr Vater eigentlich. Genannt haben ihn aber alle Heiner. HEI-NER, das ließ sich besser rufen. Und gerufen wurde er oft. Heiner, schaust du mal, der Motor stottert. Heiner, da ist was am Licht. Heiner, hier klemmt's. Seine rote Werkstatthose zog der Vater daher auch nach Feierabend nicht aus. Ein Zubrot konnte er auch gut gebrauchen, immerhin hatte er vier Kinder durchzufüttern.

Meist ging es nach der Arbeit also gleich weiter, auf die Straße, unter die Autos aus der Nachbarschaft. Heinz oder Heiner in der roten Hose gehörte zum Straßenbild wie die spielenden Kinder. Und die hatten ihren Spaß mit dem Mann in Rot. Er beantwortete ihre Fragen, wenn sie ihm neugierig über die Schulter, in die Motorhaube schauten. Und sie lachten gemeinsam, als es einmal krachte. Nicht am Auto, nein, Heinz verstand sein Geschäft. Gekracht hat es hinten an der Hose. Die Naht war aufgerissen, der Allerwerteste des Vaters war nur noch von der Unterhose bedeckt. Aber das Auto so halbfertig stehenlassen, wollte er nicht. Erst wurde fertig repariert, dann ging der Vater nach oben und zog für den Nachmittag ausnahmsweise mal eine Jeans an. Die Mutter nähte indessen seine zweite Haut wieder zusammen.

Auch als ihr Vater schon in Rente war, sah Silvia Kellner ihn oft noch in seiner roten Hose. Griffbereit hing sie an einem Haken an der Tür und immer, wenn es etwas zu tun gab, schlüpfte Heinz hinein. Als ihr Vater vor einem Jahr starb und Silvia Kellner die Wohnung auflöste, warf sie die Hose erst einmal in den Müllsack. Aber dort blieb sie nur wenige Minuten, dann zog die 51-Jährige sie wieder heraus. "Das war doch das Leben meines Vaters", sagt sie. Jetzt hängt sie bei ihr im Kleiderschrank.

Silvia Kellner umgibt sich gern mit Dingen, die Menschen gehörten, die ihr lieb waren. Im Wohnzimmer steht das alte Buffet ihrer Großeltern, aus dem sie als kleines Kind immer die Knopfsammlung holen und damit spielen durfte, und von ihrer Oma hat sie auch einen mobilen Handtaschenhalter, damit das Täschchen nicht auf dem Boden abgestellt werden muss. "Ich brauche nicht auf den Friedhof zu gehen, um an jemanden zu denken, das hier sind doch viel schönere Erinnerungen", sagt sie und zeigt auf die Hose.

Neulich hat sie die Arbeitskluft ihres Vaters sogar selbst angezogen. Oder ist wohl eher darin versunken. "Mein Vater war nicht groß, aber er hatte ein Bäuchlein", drückt sie es liebevoll aus. Größe 58. Angezogen hat sie die Hose, als sie ihre Wohnung renoviert hat. "Mein Mann war in Hamburg, ich musste allein ran", erzählt sie. Schnell wurde das anstrengend, da hat sie sich die Kraft ihres Vaters gewünscht. Ein richtiger Anpacker sei er gewesen. Also schlüpfte sie in seine Hose - und tatsächlich löste sich die Tapete plötzlich leichter von der Wand. Zumindest erschien es ihr so.

Seit 1958 arbeitete Silvia Kellners Vater bei Eduard Winter. Jeden Morgen fuhr er mit der S-Bahn von Britz nach Halensee. Ein Auto hatte die Familie erst später, Anfang der 70er-Jahre, einen Käfer. Ein Unfallwagen war das, den der Vater wieder flottgemacht hatte. "Zu sechst reingequetscht - da war was los", erzählt Silvia Kellner lachend. Später hatten sie dann mehr Platz in einem VW-Bus. Für einen Porsche reichte das Geld natürlich nie. Porsche blieb ein Traum, der ihm auf die Brust geschrieben stand.

Aber am schönsten fand Silvia Kellner doch die Zeit, als sie den Vater am Nachmittag noch mit der S-Bahn abgeholt hatten. Etwa einmal im Monat fuhr die Mutter mit ihr in die Werkstatt. Für die kleine Silvia waren das wie ein Paradies: "Ich habe diesen Geruch von Öl und Metall geliebt", schwärmt sie noch heute. Als sie 19 Jahre alt war, wollte sie selbst Automechanikerin werden, aber der Vater wiegelte gleich ab: Nein, ein Mädchen mit schmutzigen Händen, das kam für ihn nicht in Frage. Also lernte sie Bürokauffrau und ist dabei geblieben. Heute arbeitet Silvia Kellner in der Personalabrechnung eines Berliner Unternehmens. Trotzdem freute es den Vater, dass seine Tochter mit ihm die Auto-Leidenschaft teilte. Er nahm Silvia mit zum Autorennen an die Avus - ausnahmsweise trug er da mal Jeans und Hemd. Und er war stolz, als sie für ein Referat über den Automotor eine Eins nach Hause brachte.

Es ist kein Wunder, dass sich die Schülerin Silvia darin so gut auskannte. Immerhin kam es auch mal vor, dass der Vater tagelang den Esstisch blockierte, weil er dort einen Motor auseinandernehmen musste. Die Mutter hatte geflucht - immerhin wohnten sie zu sechst in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung, aber die Kinder fanden es aufregend, dass die Familie als Notbehelf zum Essen für ein paar Tage ins Kinderzimmer ausweichen musste.

Die rote Hose des Vaters - sie hält die Erinnerung an ihn lebendig. Immer neue Geschichten fallen Silvia Keller zu der roten Hose ein. In den Müll wird das heißgeliebte Kleidungsstück des Vaters jedenfalls nicht noch einmal wandern, da ist sich die Tochter sicher. Zumal bald das nächste Zimmer renoviert werden muss. Klar, dass Silvia Kellner dann wieder die Hose als Kraftspender braucht.

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