Sprechstunde

Wie finde ich heraus, ob ich von meinem Vater erbe?

Die Ehe meiner Eltern ist geschieden worden, als ich noch sehr klein war. Mein Vater hat wieder geheiratet. Zu der neuen Familie und zu meinen Halbgeschwistern gab es niemals Kontakt. Seine Witwe hat mir jetzt eine Todesanzeige von meinem Vater geschickt, aber so spät, dass ich nicht mehr zu seiner Beerdigung gehen konnte. Mein Vater hat mit seiner Familie in einem Haus gelebt. Deshalb hat er sicher etwas vererbt. Wie kann ich erfahren, was mir zusteht, wenn ich keinen Kontakt mit seiner Familie habe?

Klaus M., aus Strausberg

Ob Sie Ihren Vater beerbt haben, hängt in erster Linie davon ab, ob er ein Testament hinterlassen hat. Gibt es kein Testament, dann ist der Vater gemeinschaftlich von seiner neuen Familie und von Ihnen beerbt werden. Ihr Erbteil und das Ihrer Halbgeschwister sind dann gleich groß. Es kann aber natürlich auch sein, dass Ihr Vater vor seinem Tod ein Testament gemacht und die Erbfolge dadurch anders geregelt hat. Möglicherweise hat er zum Beispiel mit seiner neuen Ehefrau ein Berliner Testament gemacht, wonach seine Frau dann alles geerbt hat.

Wenn Ihnen die Witwe Ihres Vaters darüber keine Mitteilung machen möchte, dann können Sie ganz einfach beim Nachlassgericht anfragen, ob es von ihrem Vater ein Testament gibt. Das zuständige Nachlassgericht ist das Amtsgericht am letzten Wohnort Ihres Vaters. Von dort wird man Ihnen mitteilen, ob ein Testament vorliegt oder nicht.

Wenn Sie tatsächlich zugunsten der neuen Familie enterbt worden sind, dann steht Ihnen aber jedenfalls ein Pflichtteilsanspruch zu. Das ist ein Zahlungsanspruch, den diejenige Person oder Personengruppe erfüllen muss, die aufgrund eines Testamentes zum Erben bestimmt ist. Die Höhe des Pflichtteilsanspruches richtet sich nach dem Wert dessen, was Sie geerbt hätten, wenn es kein Testament gegeben hätte. Der Pflichtteilsanspruch ist die Hälfte dieses Wertes.

Sie wissen natürlich nicht, welchen Wert das Vermögen hatte, das Ihr Vater hinterlassen hat. Das von Ihnen angesprochene Problem ist ganz typisch für denjenigen, der enterbt worden ist. Das Gesetz gibt Ihnen deshalb auch einen Anspruch auf umfassende Auskunft. Diese Auskunft müssen die Erben erteilen. Sie müssen Ihnen ein vollständiges Nachlassverzeichnis erstellen. Damit das Nachlassverzeichnis eine verlässliche Grundlage ist, um den Pflichtteilsanspruch zu berechnen, müssen die Erben eine bestimmte Form einhalten. Vor allem können Sie verlangen, dass die Erben das Verzeichnis nicht selbst aufstellen, sondern damit einen Notar beauftragen. Die Erben müssen dem Notar alle Unterlagen zur Verfügung stellen, die erforderlich sind, um einen vollständigen Überblick über den Nachlass zu bekommen. Insbesondere müssen sie ihm vollständige Bankbelege zur Verfügung stellen. Der Notar muss aber auch Gelegenheit bekommen, die sonstigen Gegenstände selbst zu besichtigen, insbesondere die Wohnungseinrichtung. Über das alles gibt der Notar dann einen schriftlichen Bericht und fertigt ein Verzeichnis. Das wird Ihnen zur Verfügung gestellt.

Aus diesem Verzeichnis wird sich in vielen Fällen noch nicht ergeben, welchen Wert die einzelnen Gegenstände haben. Besonders bei Immobilien kann der Wert erheblich sein, aber auch bei Schmuck oder Antiquitäten. Der Wert ist meist nicht einfach zu ermitteln. Sie haben deshalb gegenüber den Erben einen Anspruch, dass diese einen vereidigten Sachverständigen mit der Wertermittlung beauftragen. Die Kosten des Notars und des Sachverständigen müssen die Erben bezahlen. Wenn Ihnen erst mal das notarielle Verzeichnis vorliegt und auch die Sachverständigengutachten erstellt sind, dann wird es sicher nicht mehr schwer sein, Ihren Pflichtteilsanspruch zu berechnen.

Max Braeuer ist Rechtsanwalt und Experte für Familienrecht