Mamas & Papas

Im Formtief nach den Sommerferien

Nach dem letzten Fußballtraining nahm mich der Trainer vorwurfsvoll zur Seite. "Dein Sohn steckt in einer Formkrise", sagte er.

Ob ich mir erklären könne, was mit ihm los sei - er sei doch eigentlich ein Mannschaftstyp. Nein, konnte ich nicht. Tatsächlich war ich kurz davor gewesen, ihn mir zu schnappen und das Training abzubrechen. Erst schoss der Sohn seinem Mitspieler mit Schmackes den Ball in die "privaten Teile", wie er das nennt. "Ein Versehen", behauptete er, aber so ganz wollte niemand auf dem Platz an das Versehen glauben. Er kriegte ordentlich Ärger vom Trainer und schmollte daraufhin minutenlang irgendwo in den Büschen. Zu guter Letzt lag seine Mannschaft im Testspiel hinten, das machte ihn wütend, und noch wütender machte ihn, dass ein Tor von ihm nicht gegeben wurde. Vor lauter Wut begann er erst zu meckern und dann zu heulen. Am Ende stand da nur noch ein heulendes, wütendes, gekränktes und sich schämendes Elend auf zwei Beinen. So sieht die Formkrise eines siebenjährigen Pokalsiegers aus.

Die Formkrisen der eigenen Kinder mitzuerleben, auszuhalten und sachte rettend gegenzusteuern - das gehört zu den Härten des Elterndaseins. Bestanden im Kindergarten die Krisen noch darin, dass der runde Kreis auf dem Papier nicht gelingen wollte, werden sie mit den Jahren komplexer, auch persönlicher. Mit dem Kreis kämpfen alle irgendwann. Mit dem Schulanfang nicht.

Denn unsere Tochter hat gerade ihre Ferienendkrise, wir kennen das jetzt schon - die Schule geht wieder los, doch sie braucht eine ganze Weile, um aus den großen Ferien wieder in Gang zu kommen. Offenbar ist sie der Typ Mensch, der wirklich gut loslassen kann - im Sommer wird die Schule einfach komplett vergessen. Fängt sie dann nach den Ferien wieder an, hat man das Gefühl, bei ihr habe jemand den Stöpsel gezogen: Alles Gelernte ist weg. "Wir ging noch mal schriftliche Subtraktion?", fragt sie verzweifelt. Augenrollen der Mutter: Mein Gott, fünfte Klasse! Die Erinnerung kehrt meist schnell zurück.

Doch dieses Jahr schüttelt es sie besonders. Ihre Klasse ist von 29 Kindern auf 19 geschrumpft, zehn Kinder sind nach der vierten Klasse auf die begehrten Berliner Gymnasien gewechselt, auch ihre beste Freundin. Unsere Tochter ist und bleibt ein Kann-Kind; die Bewerbung für so ein Gymnasium mit klangvollem Namen zogen wir am Ende zurück, weil wir uns nicht sicher waren, ob es für sie wirklich der richtige Weg ist: in einer Klasse von 30 Kindern zu sitzen, davon die Hälfte Überflieger. Würde sie mithalten können? Trotz ihres Superzeugnisses? Es drohte im schlimmsten Falle ein permanenter Nachrüstungswettlauf mit Nachhilfe. Jetzt also 19 Kinder in der Grundschule. Pädagogisch ist so eine kleine Klasse perfekt - trotzdem ist die momentane Situation irgendwie traurig. Es wird seine Zeit dauern, bis sich alle neu gefunden haben und sich nicht mehr als der ausgeflockte Rest fühlen. Unsere Tochter schmerzt das. Und weil ihr Kopf vermutlich randvoll mit solchen Emotionen ist, bleibt wenig Raum, sich die Hausaufgaben zu merken. Die Folge? Eine Mitteilung kam nach Hause. Keine Frage, auch sie - eigentlich eine gute Schülerin - steckt in der Formkrise.

Die Lösung? Geduld, Nachsicht und ein paar Trainingseinheiten extra. Das letzte Spiel des Sohnes lief einwandfrei. Und das Hausaufgabenheft der Tochter? Alles eingetragen. Wird schon.

Nächste Woche schreibt an dieser Stelle wieder Hajo Schumacher