Landlust

Zurück zur Natur

Auf dem Weg zur Kita trifft Landkind Mika (2) Kühe und Hühner. Er winkt dem Bauern auf dem Trecker und isst am Nachmittag selbst geerntetes Obst. Charlotte und Rio (beide 3) wachsen in Kreuzberg auf. Den Kontakt zur Natur haben sie trotzdem: Ihre Eltern sind begeistert vom Konzept des "Urban Gardening".

- Anke hat es eilig. Mit ausladenden Schritten rennt sie über die saftig grüne Wiese und verschwindet in der Scheune. Selbst als Mika (2) mit der Körnermischung im Blechnapf rappelt und rasselt, lässt sie sich nicht herauslocken. Anne Athenstädt lacht. "Anke hat ihren eigenen Kopf. Wenn sie bessere Laune hat, kann man sie sogar auf den Arm nehmen und streicheln", sagt die 35-Jährige.

Anke ist ein gesperbertes Haushuhn. Sie ist eine der ersten Mitbewohnerinnen auf dem mehr als 100 Jahre alten Hof im Havelland, den Anne Athenstädt mit ihrer Familie seit Ende 2009 bewohnt. Außer ihrem Mann Dirk Schneider und Sohn Mika leben dort noch der Rhodesian-Richback-Mischling Rocky, das Katzenjunge Lilli, ein Hahn und mehr als 20 Hühner. Dem Nachwuchs des Federviehs Namen zu verleihen, hat Anne Athenstädt aufgegeben. Zu viele Tiere sind es mittlerweile. Außerdem sollen sie keine Schoßtiere sein, sondern möglichst natürlich leben - so, wie Anne Athenstädt es für sich selbst und ihre Familie erträumt. Die junge Frau strahlt: In wenigen Wochen wird sie erneut Mutter.

Ein Leben im Grünen, abseits von Lärm und Hektik der Großstadt. Ein Ort, an dem man seinen Kindern zeigen kann, dass Kartoffeln nicht im Plastiknetz wachsen und die Milch von der Kuh stammt. Viel Platz zum Toben für den Nachwuchs und die individuelle Entfaltung. Eine gute Nachbarschaft statt Anonymität. Mit dem, was sich Anne Athenstädt und Dirk Schneider im 300-Seelen-Dorf Vietznitz 70 Kilometer von Berlins Stadtmitte entfernt aufbauen, liegen sie im Trend. Lust auf Land. Das steigende Angebot an "grünen" Magazinen wie "Gartenidee" oder "Landlust" spiegelt die Sehnsüchte der Städter wider. Blumenwiesen, Sommerbeete, verwunschene Gärten, Dekoration und Kulinarisches. "Landlust" überschritt jüngst sogar die Auflage von einer Million. Damit gehört das Heft zu den zehn beliebtesten Publikumszeitschriften in Deutschland.

Ein Garten für alle

Städter, die sich nicht für einen Umzug aufs Land entscheiden, pflegen zumindest auf dem Balkon Tomatenpflanzen, beackern eine kleine Scholle im Hinterhof oder im Kleingartenverein. Ein etwas anderer Ansatz ist das so genannte Urban Gardening. Das Konzept ist einfach: Junge Städter trommeln die Nachbarschaft zusammen, um auf brachliegenden Flächen mitten in der Stadt Obst und Gemüse anzubauen. In Berlin lockt besonders das ehemalige Flughafengelände Tempelhofer Feld die Hobby-Bauern an. Das Allmende-Kontor stellt dort Grünflächen zum freien Anbau zur Verfügung, in Kisten und Töpfen wächst Gemüse, blühen Blumen. Zur Zeit bewirtschaften etwa 700 Gärtner die knapp über 300 Beete. Und die Warteliste ist lang. Zu den Pionieren der urbanen Gärtner gehören auch die Initiatoren des Kreuzberger Prinzessinnengartens am Moritzplatz. Sie nennen sich "Nomadisch Grün" und haben eine graue Brachfläche direkt hinter dem vielbefahrenen Kreisverkehr in ein dicht bewachsenes Paradies verwandelt.

Es war im Sommer 2009, als die Stadt-Farmer aus der Nachbarschaft kamen. Sie sammelten den Müll ein und setzten Pflänzchen in alte Milchtüten, Bäckerkisten und Reissäcke. Das muss so sein, damit es zur Not möglich ist, mit dem Garten umzuziehen. Denn das Gelände gehört der Stadt und wird immer nur für ein Jahr vermietet. Längst gehören die zwei Gartenarbeitstage pro Woche zum Kreuzberger Alltag. Familien, Nachbarn, Interessierte gießen und gärtnern gemeinsam. Der Lohn: Aus der grauen Brache ist ein grünes Idyll geworden. Ein Garten von allen für alle. Üppig wachsen hier Bohnen, Kartoffeln, Tomaten und Salat. Die Bechermalve blüht, die Kräuter duften. Ein paar Touristen stehen beeindruckt zwischen den Pflanzen, sie schauen und schnuppern, schlängeln sich ziellos zwischen den Büschen hindurch. Rio (3) hingegen weiß ganz genau, wo er heute hin will. "Zu den Kürbissen", sagt er energisch und zieht seine Mutter Nicole Degenhardt (38) hinter sich her. Erst an einem Metallcontainer bleibt er stehen und betrachtet staunend das leuchtend orangene Gemüse, das vom Dach herunterhängt.

Rio und seine Mutter sind oft im Prinzessinnengarten. Sie wohnen nicht weit entfernt "und es ist einfach mal etwas anderes, als immer nur auf dem Spielplatz zu sitzen". Hier, so erzählt die Künstlerin, kann sie ihren Sohn laufen lassen. Ihm zeigen, wie Salat gedeiht und wie gut Lavendel riecht. "Stadtkinder kennen das ja nur aus Büchern", sagt sie. Sie selbst ist auf dem Land aufgewachsen, "dort, wo jeder noch alles selber anbaut". Die Verbindung zur Natur hat sie in ihrer Kindheit ganz selbstverständlich erlebt. Und das möchte sie ihrem Sohn auch ermöglichen. "Weil es schön ist", sagt sie, "aber auch, weil Nahrungsmittel eine ganz andere Wertigkeit haben, wenn man einen Bezug zu ihnen hat."

Rio hat schon wieder etwas anderes entdeckt. Flink läuft er Richtung Kartoffeln. Er hat Charlotte (3) gesehen, seine Freundin aus der Kita. Zusammen sammeln sie Steinchen auf dem Weg und laufen vergnügt zwischen den Pflanzen umher. Charlottes Vater Philipp Horrichs (33) macht es sich im Schatten auf der Bierbank bequem und beobachtet seine Tochter. "Wir sind sehr regelmäßig hier", sagt er, "kaufen auch gern unser Gemüse und die Pflanzen hier."

Ein Stück Freiheit

Sein Bedürfnis nach Natur, nach Ruhe und einem geschützten Raum kam mit der Geburt seiner Tochter. "Ich bin so ganz klassisch aufgewachsen", sagt der Kunstwissenschaftler, der jetzt in Kreuzberg lebt. "Ein Vorort, ein Häuschen mit Garten. Das war sehr frei und das habe ich genossen. Kinder brauchen das, nicht immer überall beaufsichtigt zu sein." Das Thema "Kleingarten" stand deshalb mal im Raum. "Aber wir haben das wieder verworfen", sagt Philipp Horrichs. "Wenn, dann hätten wir so etwas nur zusammen mit mehreren Freunden gemacht, aber ganz allein irgendwo in einer Anlage weit draußen herumzugärtnern, das ist nichts für uns." Und ganz raus aus der Stadt? Philipp Horrichs blickt nachdenklich. "Eher nicht", sagt er dann.

Auch Nicole Degenhardt ist zögerlich. "Manchmal habe ich so Anflüge", sagt sie. Weil es so verlockend klingt, nach Freiheit und Ruhe. Und weil sie das auch aus ihrer eigenen Kindheit so kennt. Es gab schon mal Pläne, die etwas konkreter waren. Vielleicht ein Haus gemeinsam mit Freunden. "Aber wir haben uns dann dagegen entschieden und sind in Kreuzberg geblieben", sagt sie. Es gab zwar Gründe, die dafür sprachen, aber auch genügend dagegen. Die Zeitspanne, in der Kinder vom Landleben profitieren, sei kurz. "Mit spätestens 15, 16 Jahren ist die Stadt plötzlich wieder interesssanter", sagt Nicole Degenhardt. "Aber dann sitzt man da auf dem Dorf und es will keiner mehr auf Bäume klettern und herumtoben." Und schießlich gebe es auch in der Stadt genügend Möglichkeiten, Natur zu erleben. Der Prinzessinnengarten sei eine. Ihr Hinterhof soll auch noch eine werden. "Dort habe ich schon ein Hochbeet angelegt", sagt sie. "Und drum herum habe ich Stachelbeeren und Himbeeren gepflanzt. Die mag Rio so gern. Ich bin gespannt, wie das jetzt anwächst."

Im Garten von Anne Athenstädt sind bald die Äpfel reif. Daraus macht sie Apfel-Gelee. Auch ihr Mann hat zu tun. Aus der Scheune ertönt ein Poltern. Dirk Schneider schichtet in dem zehn Meter hohen Gebäude, das als Hühnerstall, Werkstatt und Lagerraum genutzt wird, Holzscheite auf. Im Winter heizt die Familie damit. Der kleine Mika stakst derweil durchs Heu und zupft einen Halm aus den Getreidebündeln, die seine Mutter an die Bretterwand gelehnt hat. Sie sollen trocknen und im Herbst den großen Erntekranz schmücken. Anne Athenstädt plant für November den 1. Vietznitzer Scheunenmarkt. Dort will sie mit Nachbarn selbstgefertigte Produkte verkaufen: Honig, Schnitzereien, Nähsachen, Keramik und die selbstgemachten Marmeladen, Gelees und Sirupe aus Annes "Dorflädchen Vietznitz". Seit Sommer 2010 vertreibt die gelernte Reiseverkehrskauffrau ihre Produkte im eigenen Onlineshop, in ein paar Monaten soll es sie auch im neuen Hofladen geben, den ihr Mann in die Scheune einbauen will.

Die Landlust kam bei Anne Athenstädt und Dirk Schneider wie bei den Kreuzberger Gärtnern mit dem Kinderwunsch. Das Paar kennt sich aus Schulzeiten; beide wuchsen in Potsdam auf und lebten dort bis zu ihrem Umzug nach Vietznitz. "Mit Kindern könnte ich mir ein Leben in der Stadt nicht mehr vorstellen, das wäre mir viel zu eng", sagt Anne Athenstädt. "Ich will, dass unsere Kinder sich frei bewegen und entwickeln können und die Natur kennenlernen." Das sei in dem beschaulichen Dorf zwischen Wiesen und Feldern sehr einfach. Ihr Mann Dirk schätzt die Weite des 1400 Quadratmeter großen Grundstücks, das mit einem Wohnhaus bebaut und von zwei großen Scheunen flankiert wird, auch für die eigenen Belange. "Hier kann ich rausgehen und mein Ding machen, muss nichts teilen und werde nicht von Nachbarn genervt", sagt er. Schon die Fahrt nach Hause empfindet der IT-Berater, der unter der Woche viel in Deutschland unterwegs ist, als Genuss: "Wenn ich mit dem Auto über die Bundesstraße rolle, an Mais- und Kornfeldern entlang, ist das so entspannend", schwärmt er. "Da wird man im Kopf ganz frei."

Zwischen Trecker und Yoga

Bei der Suche nach ihrem Traumort zog das Paar einen Kreis um Potsdam. Mehr als eine Stunde Fahrtzeit sollte die neue Heimat nicht von der städtischen Infrastruktur entfernt sein. Vietznitz lag genau auf der Markierung und bietet nach Ansicht der beiden mehr, als man bei einer Einwohnerzahl von 300 Menschen erwarten kann. Nur 50 Meter vom Dreiseitenhof entfernt liegt Mikas Kita mit 22 Plätzen und zwei Erziehern. Im benachbarten Friesack gibt es eine Schule, einen Bäcker, eine Drogerie, zwei Supermärkte "und sogar einen Dönerladen", lacht Anne Athenstädt. Nur ein schönes Restaurant, so eines wie die Tapas-Bar in Potsdam, vermisst sie. Dirk Schneider hingegen ist wunschlos glücklich. Er muss zwar nun, wenn er zum Flughafen Tegel will, mehrfach umsteigen: vom Auto in den Regionalexpress, dann in die U-Bahn und schließlich in den Bus. "Doch länger als eine knappe Stunde brauche ich nie", sagt er.

Auch viele andere junge Familien schätzen das Wohnen in Vietznitz, erzählt das Paar - nicht zuletzt wegen der günstigen Haus- und Grundstückspreise. Bauland kostet im Dorf fünf bis zehn Euro pro Quadratmeter. Die Arbeit auf dem großen Hof nehmen sie gern in Kauf. "Seit unserem Umzug kennen wir keine Langeweile", sagt Anne Athenstädt. Und schließlich kann Hilfe auch mal auf kurzem Weg organisiert werden. "Als ich Erde brauchte, sprach ich das beiläufig auf dem Dorffest an. Am nächsten Morgen kam Marco vom Nachbarhof mit seinem Trecker und einer Ladung Erde vorbei", sagt Dirk Schneider. "Man gibt - und bekommt viel zurück", findet auch seine Frau. Eine ganz neue Erfahrung sei das.

Auch Dirks Schwester hat mittlerweile in Vietznitz eine zweite Heimat gefunden - und Arbeit noch dazu. Die 40-Jährige ist Yogalehrerin und wohnt in Zehlendorf. Doch seit eineinhalb Jahren kommt sie an drei Wochenenden im Monat nach Brandenburg und gibt den Dorffrauen Yogastunden - immer freitags abends. Sei neuestem ist ein Kinderkurs am Samstag Vormittag hinzu gekommen. "Das ist ganz zufällig entstanden", sagt Anke Schneider. Eine tolle Atmosphäre finde sie in Vietznitz vor - und die Gelegenheit, ihr Patenkind Mika regelmäßig zu sehen. "Für mich ist das immer wie Kurzurlaub."