Sugardaddies

Tausche Jugend gegen Geld

Spezielle Websites vermitteln attraktive Frauen an wohlhabende Männer. Ist das Prostitution oder Emanzipation? Das meinen Nutzer

Die Website unterscheidet sich optisch kaum von einem üblichen Datingportal: Eine hübsche Brünette und ein braun gebrannter Grauhaariger, Typ George Clooney, sitzen lächelnd auf einer Yacht und stoßen mit Champagner an. Der dazugehörige Slogan allerdings macht deutlich, worum es auf My-Sugardaddy.eu geht: "Hier finden reiche Männer junge attraktive Frauen." Sugardaddys nennt man Männer, die Affären zu deutlich jüngeren Frauen unterhalten, den "Sugarbabes". Die "Babes" verlangen dafür materielle Gegenleistungen. Was steckt dahinter, wenn sich Frauen und Männer auf diesem Weg einander nähern? Was unterscheidet die Arrangements von Prostitution? Verspricht diese Form des Zusammenseins eine besondere Art von Erotik?

In den USA ist diese Art Dating seit 2005 organisiert. Hierzulande ist MySugardaddy.eu seit einem Jahr online und verzeichnet 40.000 aktive Mitglieder. Hier treffen "Papamädchen", 18, "RedDiamond", 22, oder "Sexbabe", 26, auf "Business Man", 40, "YourGentleman", 54, und "Monatsgehalt", 42. Männer zeigen sich gern mit Auto, auf einer Yacht oder am Strand eines exotischen Sehnsuchtsortes, während die Frauen ihre körperlichen Reize hervorheben. In den Profilen stehen die üblichen Angaben, also Alter, Beruf, Wohnort und Vorstellungen darüber, wie ein gelungener Abend aussieht. Aber eine Information fällt auf: bei den Sugarbabes ein Betrag, dessen Höhe von "Verhandlungssache" bis zu 5000 Euro reicht und den sie monatlich von ihren Sugardaddys erwarten. Diese wiederum geben ihr Einkommen und ihr Privatvermögen von "ausreichend" bis zu Summen von zehn Millionen an. Die Seite verdeutlicht, welche Rolle wirtschaftliches Denken im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen heute spielt.

Jan G., Unternehmensberater aus der Nähe von München, ist seit Anfang dieses Jahres auf der Seite aktiv. Sein jährliches Einkommen beziffert er mit bis zu 250.000 Euro, sein Privatvermögen beträgt mindestens eine Million. Seine Fotos zeigen einen durchaus attraktiven, schlanken Mann im Anzug, der mit seinem offenen Lächeln jünger wirkt als 42. Seine Ehe, erzählt er, sei unter anderem daran gescheitert, dass er wegen seines Berufs meist in ganz Europa auf Reisen sei. Auf der Suche "nach entspanntem Spaß neben der Arbeit" meldete er sich auf der Seite an und bekam sofort Kontaktanfragen. Anders als im echten Leben, in Discos oder Swingerklubs, wo sowohl Betreiber als auch männliche Gäste den wenigen Singlefrauen mit freiem Eintritt und Gratisdrinks den Hof machen, ist Männern auf den Sugardaddy-Seiten die Aufmerksamkeit von einer Vielzahl von Frauen sicher - ohne dafür gut aussehend oder besonders charmant sein zu müssen. Denn hier buhlen 90 Prozent weibliche Nutzer um die Gunst der zehn Prozent Männer. Jan G. unterhält mittlerweile Verhältnisse mit drei jungen Frauen im Alter zwischen 22 und 25. Er führt sie zum Essen aus, ins Theater oder auf Konzerte, macht ihnen Geschenke und lässt sie, wenn er sich auf mehrtägigen Geschäftsterminen befindet, einfliegen. Es gilt die unausgesprochene Übereinkunft, dass er für alles aufkommt. Neben dem Körperlichen besteht für ihn der Reiz dieser Treffen darin, sich neben einer jungen Frau in seine eigene Studentenzeit zurückzuversetzen. Obwohl er die Frauen, wie er sagt, "sorgfältig auswählt", nach dem Äußeren, ihrem intellektuellen Niveau und ihrer Begeisterungsfähigkeit, bleibt es bei recht oberflächlichen Verhältnissen, aus denen keine intensiven Gespräche erwachsen. "Aber für mich ist es sehr wichtig, dass ich Bestätigung bekomme. Gerade von einer attraktiven, jungen Frau."

Alles sieht danach aus, als sei das Modell "Sugardaddy trifft Sugarbabe" mit den einfachsten Gleichungen zu erklären. Männer stehen auf Statussymbole - schnelle Autos, teure Uhren, schöne Frauen. Das in der zweiten Lebenshälfte verdiente Geld verschafft ihnen die nötige Attraktivität. Frauen suchen einen Ernährer, der ihnen eine sichere Zukunft ermöglicht. "Die Emanzipationsbewegung hat diese Tendenz verstärkt", sagt Seitenbetreiber Cappelletti. "Seitdem können Frauen offen artikulieren, was sie wollen." Und das tun sie: Eine Userin, 24, antwortet in ihrem Profil auf die Frage nach ihren Träumen: "Größere Brüste". Eine 19-Jährige, die in einer Berliner Disco arbeitet, sucht jemanden, der "sehr viel Zeit und Geld in mich reinsteckt". Statt H&M-Unterwäsche möchte sie Calvin Klein, zudem ein eigenes Pferd und ein Apartment. Katharina M., 20, steht auf Business-Outfits. "Kannst du mich, wenn wir uns sehen, im Anzug überraschen?", fragt sie in ihrem Profil. Die Auszubildende trifft sich mit Sugardaddys, um zu lernen, wie sie ihre eigene Karriere voranbringen kann. "Ich will nicht von einem Mann abhängig sein. Deswegen muss ich auch Unternehmer werden." Dabei sollen ihr die "zeitbegrenzten Freunde mit Vorteilen", wie sie ihre Bekanntschaften nennt, helfen.

Auch Nick Rosings Erzählungen (er ist der Einzige in dieser Geschichte, der mit seinem vollen Namen auftaucht) haben mehr mit Emanzipation zu tun, als es auf den ersten Blick scheint. Der 52-jährige Internist meldete sich auf der Sugardaddy-Website an, um Frauen zu finden, die dasselbe suchen wie er: eine romantische exklusive Partnerschaft mit großem Altersunterschied. Den gab es bereits in seiner ersten Ehe, aus der er zwei Kinder hat. Er empfindet den Altersunterschied als "Kick". "Ich mag es, wenn Frauen sich mir anvertrauen und gar nicht erst den Anspruch haben zu sagen: 'Ich bin in jeder Hinsicht gleichberechtigt mit meinem Partner.'" Das heiße nicht, dass er über die Seite eine Frau gesucht habe, die ihm unterlegen sei, es gebe schließlich andere Bereiche, in denen seine neue Freundin, eine 28 Jahre alte Krankenschwester, Vorteile habe: ihre Jugendlichkeit, ihre Energie, ihr gutes Aussehen. Dass er sie finanziell unterstützt, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Seine Freundin ist in seine Wohnung eingezogen, kauft mit seiner Kreditkarte ein, er bezahlt den Urlaub. "Es ist völlig klar, dass ich für die Kosten aufkomme, wenn ich mit einer Frau, die halb so alt ist wie ich, auf die Malediven fahre."

In einer Gesellschaft, in der Gleichheit und Symmetrie als grundlegende Prinzipien einer Beziehung gelten, reaktivieren diese Arrangements eine alte, in der westlichen patriarchalischen Kultur entwickelte Form der Erotik. Die Frage, was ihre Art des Arrangements von Prostitution unterscheide, beantworten alle ungefragt. Jan G. etwa zieht die Grenze dadurch, dass er kein Geld für seine Dates zahlt: "Ein gewisses Gefühl muss für mich dahinter sein. Alles andere würde zu sehr einem Arbeitsverhältnis ähneln." Für Katharina M. ist es die Freiheit, selbst entscheiden zu können, mit welchem Mann sie schläft. Romantisch veranlagte Gemüter mögen sich über die Transaktionen wundern, gar davor ekeln. Und verkennen dabei, dass auch in Liebesbeziehungen gerechnet und der Status des anderen taxiert wird.