Interview

"Auf einmal isst man allein"

Wenn alte Menschen ihren Appetit verlieren, sind Angehörige oft hilflos. Eine Expertin erklärt, woran es liegt - und was man tun kann

In Deutschland leiden viele Senioren unter Mangelernährung. Nach Einschätzung der Krankenkassen essen etwa 1,6 Millionen der Über-60-Jährigen zu wenig oder sie ernähren sich falsch. Viele alte Menschen haben einfach keine Lust mehr, sich um ihren Speiseplan Gedanken zu machen, andere haben Beschwerden, die ihnen das Essen zur Last machen. Doch es gibt immer einen Weg, die Menschen zu motivieren, ist Claudia Menebröcker überzeugt. Die Diätassistentin und Gründerin des Beratungsunternehmens CM Verpflegungskonzepte für Senioren hat ein Kochbuch für alte Menschen ("Mir schmeckt's wieder") herausgebracht. Mit ihr sprach Annette Kuhn.

Berliner Morgenpost:

Wieso verlieren ältere Menschen ihren Appetit?

Claudia Menebröcker:

Wenn im Alter die Sinne aber nicht mehr so funktionieren, dann verliert das Essen an Attraktivität. Außerdem hat Essen etwas mit Geselligkeit zu tun. Zunächst hat man mit der ganzen Familie gegessen, dann mit dem Partner und auf einmal isst man allein. Da sehen viele keinen Sinn mehr zu kochen. Und es gibt physiologische Gründe: Der Magen lässt sich nicht mehr so stark dehnen, durch eine veränderte Hormonausschüttung stellt sich schneller ein Sättigungsgefühl ein, und die Finger sind beim Kochen auch nicht mehr so geschickt.

Viele 80-Jährige sehen nicht mehr die Notwendigkeit sich gesund zu ernähren. Das lohnt sich doch nicht mehr, sagen sie.

Das ist falsch. Gerade weil sie kaum mehr Möglichkeiten haben, Defizite zu kompensieren, kommt es darauf an, den Gesundheitsstatus aufrechtzuerhalten, und dabei spielt die Ernährung eine wichtige Rolle.

Worauf sollten die alten Menschen und ihre Angehörigen achten?

Mehrere kleine Mahlzeiten sind immer besser als drei große. Außerdem braucht ein älterer Mensch nicht mehr so viel Energie wie ein jüngerer. Ansonsten gibt es kaum Unterschiede. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt am Tag vier Portionen Getreide, drei bis vier Portionen Milchprodukte, fünf Mal Obst oder Gemüse und etwa anderthalb Liter Flüssigkeit.

Was muss bei der Ernährung alter Menschen noch beachtet werden?

Wichtig ist, dass sie ausreichend Vitamin D bekommen. Ernährungswissenschaftler empfehlen eine Menge von 20 Mikrogramm pro Tag. Aber Vitamin D lässt sich nicht ausreichend durch die Nahrung aufnehmen, der Körper braucht zusätzlich Licht. Das Vitamin wird bei Sonnenbestrahlung in der Haut gebildet. Und sie brauchen unbedingt Kalzium. Das lässt sich durch Milchprodukte aufnehmen, bei einer Milchunverträglichkeit auch durch laktosefreie Produkte, oder durch Mineralwasser mit hohem Kalziumgehalt.

Trinken ältere Menschen überhaupt genug?

Meist nicht. Auch das hat verschiedene Ursachen. Erst einmal lässt das Durstgefühl im hohen Alter nach, und dann vergessen viele Menschen zu trinken. Außerdem entwickeln manche Senioren Schluckstörungen. Es ist für sie so unangenehm sich zu verschlucken, dass sie lieber wenig trinken. Es gibt in Apotheken aber ein besonderes Pulver, das ins Getränk gegeben werden kann, um des dickflüssiger zu machen. Eine weitere Trinkbremse kann auch Inkontinenz sein. Ein Thema, das den alten Menschen so peinlich ist, dass sie es nicht ansprechen. Sie trinken lieber weniger, als dass sie Gefahr laufen, dass ihnen ein Malheur passiert.

Woran zeigt es sich, wenn ein alter Mensch zu wenig trinkt oder schlecht isst?

Zu wenig Flüssigkeit macht sich schnell bemerkbar: Die Betroffenen klagen über Kopfschmerzen, sie sind plötzlich verwirrt oder sie haben sehr trockene Schleimhäute. Das zeigt sich zum Beispiel beim Sprechen. Eine unzureichende Nahrungsaufnahme lässt sich nicht so schnell erkennen.

Was können Angehörige tun, um alte Menschen zum Trinken zu bewegen?

Es gibt kein Patentrezept. Man kann zum Beispiel in der Wohnung griffbereit zwei Flaschen Wasser hinstellen. Der eine fühlt sich dadurch vielleicht motiviert mehr zu trinken. Und man sollte Verschiedenes anbieten. Viele Senioren mögen kein Mineralwasser, sie wollen etwas mit Geschmack. Das ist in Ordnung. Besser sie trinken Limonade als gar nichts. Auch Kaffee ist - in Maßen - sinnvoll. Lange ist man davon ausgegangen, dass Kaffee dem Körper zusätzlich Wasser entzieht. Inzwischen weiß man aber, dass die Flüssigkeit nur schneller wieder ausgeschieden wird.

Was motiviert zum Essen?

Auf jeden Fall sollte das Essen ansprechend angerichtet werden. Außerdem sollten die Portionen auf dem Teller nicht so groß sein, sonst kapitulieren manche Menschen gleich und rühren nichts an. Ein schön gedeckter Tisch fördert ebenfalls die Lust aufs Essen.

Wieso ist es so schwer, alte Menschen an einen neuen Geschmack heranzuführen?

Jeder Mensch hat seine Essgewohnheiten, die geben Sicherheit und Orientierung. Und sie gehören zu der jeweiligen Lebensgeschichte. Aber da steckt noch mehr dahinter. Ich denke das ist ein soziologisches Thema. Während wir heute gewohnt sind, möglichst flexibel auf jede Veränderung zu reagieren, blicken heute 80-Jährige auf ein weniger variantenreiches Leben zurück. Ein Beruf reichte für ein ganzes Arbeitsleben, man trennte sich weniger schnell von Partner oder Wohnort und blieb auch seinem Kleidungsstil länger treu. Das spiegelt sich im Essen wider.

Was ist bei Menschen mit Demenz zu beachten?

Viele demente Menschen haben Schwierigkeiten, Speisen zu erkennen. Sie brauchen klare Farben, klare Abgrenzungen zwischen Teller und Essen, eine klare Übersicht. Man sollte auch auf Servietten zum Beispiel mit Erdbeermotiv verzichten, weil Demenzkranke das Zweidimensionale nicht erkennen, kann es passieren, dass sie in die Serviette beißen. Man sollte auch nicht zu viel experimentieren, sondern ihnen bekannte Gerichte, die sie vielleicht schon in der Kindheit mochten, anbieten. Und vor allem sollte man an Dementen nicht herumerziehen. Wenn ein Demenzkranker zum Beispiel mit den Händen ins Essen greift, dann hält er es in diesem Moment für korrekt, sonst würde er es nicht machen. Angehörige und Pflegende sollten hier eine große Toleranz aufbringen.