Kreativ-Workshops

Kraft von der Bühne

Theater, Trickfilm, Zeichnen, Literatur: In Kreativ-Workshops entdecken Kinder Kunst - und ihr eigenes Potenzial

- 54 Sekunden und 634 Bilder. Mehr hat Laura nicht gebraucht, um ein ganzes Leben auf Film zu bannen. "Leben": So lautet der Arbeitstitel des Trickfilms, den die 14-Jährige an der Kinderkunstakademie eigenständig gefertigt hat. Sie hat sich dafür mit einer Webcam selbst fotografiert, während sie zeichnet: Erst ein Auge, dann einen Körper, schließlich immer mehr abstrakte Elemente, Formen und Farben. Am Ende des Films wischt ihre Hand den Körper von der weißen Tafel; es bleibt ein Knäuel aus farbigen Linien. Laura lehnt sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück. "Schade, dass ich im nächsten Jahr für die Akademie zu alt bin", sagt sie. "Ich hätte zu gern noch einmal mitgemacht."

Laura gehört zu den Hunderten von Berliner Kindern und Jugendlichen, die in der letzten Ferienwoche eines der zahlreichen Bildungs- und Kreativangebote in der Hauptstadt genutzt haben. Die "Kinderkunstakademie", initiiert von Kulturkind e.V. und unterstützt von der Aktion Mensch, fand in diesem Jahr zum zweiten Mal statt. 55 Kinder zwischen neun und 14 Jahren nahmen an den vier Workshops an der Bertha-von-Suttner-Schule in Reinickendorf teil, angeleitet von professionellen Künstlern. "An der Akademie können die Kinder ganz frei ihre Talente entdecken - und nicht zuletzt sich selbst", sagt Initiatorin Ulrike Nickel von Kulturkind.

Fantasie statt Klischees

Während Laura im Trickfilm-Kurs ihre zeichnerische Begabung auslebt und feststellt, wie viel Geduld es braucht, um die Bilder in Bewegung zu bringen, feilt Jonas ein paar Räume weiter an einer Kurzgeschichte über die 17-jährige Fabienne. Spannend soll sie werden - schließlich ist der Schriftsteller Stephen King sein Vorbild. Der 13-Jährige hat den Workshop "Kreatives Schreiben" belegt, der von der Potsdamer Autorin Antje Wagner geleitet wird. Ihr geht es vor allem darum, dass die Kinder lernen, Figuren zu entwickeln. "Es ist leicht, sich eine Geschichte auszudenken", sagt sie. "Aber gern werden die Figuren um den Plot herumgebogen und wirken dann glatt und klischeehaft."

Um dem entgegenzuwirken, verteilte die Autorin Fotos unterschiedlicher Personen und forderte die Kinder auf, sich in die Charaktere hineinzuversetzen und sich eine Identität für sie auszudenken: von Name, Alter, Aussehen, Stimme und Gestik über Wohnung und Familie bis hin zu Träumen, Ängsten und Geheimnissen. Dann gab sie jedem Teilnehmer die ersten drei Sätze der Kurzgeschichte vor: "Ich schreckte hoch. Was war das gewesen? Irgendetwas hatte mich geweckt." Im Verlauf der fünf Workshop-Tage sollten die Kinder zudem bestimmte Szenen und Reizwörter verarbeiten. "Alle haben die gleiche Geschichte. Aber sie sind völlig unterschiedlich geworden, weil die Figuren es erzwingen", sagt Antje Wagner.

Jonas, der zu Hause schon mehrere Geschichten verfasst hat, ist für die Anleitung dankbar. "So ein Charakterbogen ist gut für längere Erzählungen, damit auch alles zueinanderpasst", hat der 13-Jährige erkannt. Die elfjährige Sophie tut sich schwer, die Vorgaben in ihre Geschichte einzubauen. "Andererseits leiten sie einen aber auch", sagt sie. Ob ihre Erzählung über das kleine Mädchen Kira rechtzeitig fertig wird, daran zweifelt sie allerdings. "Mir fehlen noch drei Szenen", sagt sie.

Zum Abschluss der Workshop-Woche dürfen die Kinder ihre Werke in einer Präsentation ihren Eltern vorstellen. Neben mehreren Trickfilmen und Kurzgeschichten erwartet das Publikum eine Inszenierung des "Rattenfänger von Hameln" aus dem Theaterkurs und die Vorstellung eines Bilderbuchs, das im Illustrations-Workshop realisiert wurde. Allerdings geht es allen künstlerischen Leitern weniger um ein perfektes Endergebnis als um die Entwicklung, die die Akademie ermöglicht. "Ich habe in meinem Kurs Talente entdeckt - und Kinder kennengelernt, die zwar kein ausgeprägtes Talent haben, aber über sich selbst hinausgewachsen sind", sagt Dagmar Nellissen, Lehrerin für Darstellendes Spiel, mit Stolz in der Stimme. Trickfilmerin Antje Heyn schwärmt vom technischen Sachverstand ihrer Nachwuchsfilmer, Autorin Antje Wagner von der Energie ihrer Jungautoren. "Am liebsten würden sie gar keine Pause machen", sagt sie. "Und wenn ich merke, dass sich beim einen oder anderen durch das Schreiben auch das Selbstwertgefühl verbessert, dann sind das für mich richtige Glücksmomente."

85 Euro hat die Eltern die Teilnahme ihrer Kinder an der Akademie gekostet. Die Erfahrungen, die der Nachwuchs gemacht hat, dürften indes noch viel wertvoller sein. Bereits die Jüngsten, die sich im Bilderbuch-Projekt versammelt haben, spüren die besondere Atmosphäre der Ferienakademie. Gemeinsam erstellen sie ein lustig-gruseliges "Monsterlexikon", das Fantasiewesen von A bis Z vereint.

Vorschriften gibt es keine

"Hier macht es mehr Spaß als in der Schule", sagt Viola (9). "In der Schule muss man alles so malen, wie der Lehrer es mag, sonst gibt es schlechte Noten. Eigentlich kann man in Kunst gar keine Noten geben, finde ich. Jeder mag doch etwas anderes." Milena (11) nickt. Ihren Kursleiter Tobias Krejtschi finden die Mädchen "nett und cool". Er gibt Tipps und zeichnet auch mal etwas vor. Vorschriften macht er jedoch keine. "Ich finde es gerade toll, dass die Kinder so unvoreingenommen an die Sache rangehen und auf diese Weise ganz neue, oft verrückte Sachen entstehen", sagt der 31-jährige Kinderbuchillustrator aus Hamburg.

Er sieht seine Aufgabe darin, den Kindern ihre gelegentliche Verunsicherung zu nehmen und ihren Spaß am Zeichnen zu festigen.

"Gut sieht das aus, Philine", kommentiert Krejtschi eine Zeichnung. "Aber schau mal, wenn du jetzt hier, an dieser Stelle, mit dem Buntstift etwas doller aufdrückst, genau da, wo der Schatten hinfällt, dann..." Noch während der Illustrator die Kolorierung behutsam nacharbeitet, fällt ihm die Zehnjährige ins Wort: "Oh, jetzt sieht es viel echter aus!" Begeistert schaut sie ihn an, er schaut genauso begeistert zurück. "Es ist toll, mal direkt von meinem Publikum ein Feedback zu bekommen", sagt Krejtschi. "Und die Lust steckt an. Hier kann man selbst wieder Kind sein."