Hotel Mama

"Mutti wusste immer, wann ich raus muss"

Es fällt Jugendlichen oft schwer, Hotel Mama zu verlassen. In einer WG finden viele Studenten aber eine Ersatzfamilie

- Frauen wissen mehr über Fußball als Männer. Zumindest ist das in der Wohngemeinschaft von Miriam, Karolin und Sandro so. Die beiden Studentinnen schauen sich oft im Fernsehen Spiele an und wissen, wer wo steht in der Bundesliga. Sandro bleibt da außen vor. "Wir haben ihm letztens Abseits erklärt", sagt Miriam (21) und lacht. Sandro darf fast nie mitgucken, "weil er alles kommentiert und dauernd nachfragt", erzählt Karolin, die in ihrer Freizeit im Verein kickt. Sandro schüttelt den Kopf und fängt auch an zu lachen. So schlimm wär's doch gar nicht, meint der 22-jährige Neuberliner, der gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus absolviert.

Vor fünf Monaten sind die Freunde vom behüteten Zuhause in Königs Wusterhausen nach Neukölln gezogen.

Karolin holt frische Erdbeeren aus dem Kühlschrank und Sandro gießt Sahne darüber. Schnell machen es sich die drei auf dem großen weißen Sofa damit gemütlich. "Die Couch ist von einer Freundin meiner Mutter", erzählt Miriam, "sie wollte die wegschmeißen und jetzt ist es unser größter Schatz in der Wohnung." Und der wird behütet. Fast alle Möbel in der Studenten-WG sind Geschenke von Verwandten. Bügeleisen, Staubsauger und Besteck gehörten einst Freunden. "Wir haben kein Problem damit, dass das schon mal benutzt wurde. Hauptsache, es funktioniert", sagt Sandro. Die Waschmaschine braucht für einen Waschgang mehr als drei Stunden, das Schleudern muss danach per Hand eingestellt werden. Auch das ist kein Problem, meint Karolin: "Wir sind froh, überhaupt eine Waschmaschine zu haben."

Ketchup an der Wand

Bis alle Möbel und Haushaltsgeräte in der Wohnung standen, dauerte es vier Wochen. Wenn es zwischen Uni und Arbeit passte, brachten die Studenten immer mal wieder ein paar Sachen vorbei. Nach dem Einzug auf Raten war dafür die Einweihungsparty ein impulsives Ereignis. 40 Freunde sollten vorbeikommen, am Ende waren es mehr als doppelt so viele. Am Morgen danach war der Entschluss schnell da, dass das die erste und letzte Party in der Wohnung war: kaputte Gläser, Ketchup auf den frisch gestrichenen Wänden und hängende Stühle über der Satellitenschüssel auf dem Balkon.

Das tut weh, wenn es die eigene Wohnung ist. "Wir standen hier im Dreck und mussten alle Konsequenzen selber tragen", sagt Karolin. Da kam zum ersten Mal die Erkenntnis, was sich mit dem Auszug von Zuhause alles ändert. "Man muss jetzt alles selber machen", gibt die 21-jährige BWL-Studentin zu. Auch für Sandro hat sich nicht nur die finanzielle Lage verändert. Seit dem Auszug hat er schon mehrmals verschlafen. "Mutti wusste halt immer, wann ich am nächsten Tag raus muss und hat darauf geachtet", erzählt er.

Hotel Mama fehlt den Studenten an jeder Ecke. Doch der Schritt zur Selbstständigkeit hat auch viele Vorteile. Wer länger wegbleibt oder zu viel trinkt, muss sich nicht mehr rechtfertigen. Aufgaben im Haushalt können sich die Studenten selbst einteilen. Eine Gemeinschaftskasse gibt es nicht, auch keinen großen Einkaufszettel am Kühlschrank, auf dem jeder vermerkt, was wann gebraucht wird. "Wir sagen einfach in die Runde, was wir gern hätten. Aber es passiert oft, dass wir zwei Säcke Kartoffeln und fünf Stücke Butter haben", berichtet Miriam.

Beim Putzen wissen sie meist von allein, wer gerade dran ist. "Wir springen aber auch gegenseitig ein. Und wer den Wäscheständer sofort braucht, muss halt die Wäsche des Anderen zusammenlegen", sagt Karolin. Einen großen Streit hatten die drei Freunde noch nie.

In Berlin lebt mehr als ein Viertel der Studenten in Wohngemeinschaften. Dass die Zahl in den vergangenen 20 Jahren kontinuierlich gestiegen ist, hat das Deutsche Studentenwerk in einer regelmäßigen Studie herausgefunden. Um als WG zu gelten, müssen mindestens drei Erwachsene einen gemeinsamen Haushalt führen. Viele Wohngemeinschaften sind sogenannte Zweck-WGs, die vor allem aus Gründen der Kostenersparnis entstehen und in denen das Gemeinschaftsleben eher eine untergeordnete Rolle spielt. Wenn Freunde zusammenziehen, stehen gemeinsame Unternehmungen im Vordergrund.

Miriam und Karolin halten seit der siebten Klasse wie Pech und Schwefel zusammen. Sie sind typische beste Freundinnen, die alles voneinander wissen und sich deswegen auch mal in die Haare kriegen. Auf einer Gartenparty lernten sie Sandro kennen. Als er im letzten Herbst auch eine Wohnung suchte, war die Entscheidung einfach. "Wir wollten nicht zu zweit zusammenziehen", sagt Miriam, "man hört ja so oft: Beste Freundinnen zusammen, das kann nicht gut gehen. Sandro war da unsere Rettung." In der Zwei-Etagen-Wohnung hat Sandro freiwillig das kleinste Zimmer genommen und den beiden Studentinnen oben ihren eigenen Bereich mit Bad und Dusche überlassen. Die Privatsphäre der beiden respektiert er: "Ich frage immer vorsichtshalber, ob ich hochkommen darf und duschen kann." Alle lachen.

Jeden Tag ein Anruf daheim

Sandros Handy klingelt: "Oh, das ist Mutti, ist wichtig." Jeden Tag telefonieren die beiden, einmal in der Woche fährt er in sein ehemaliges Zuhause und bleibt über Nacht. Sandro fängt an zu schwärmen: "Weil ich so leckeres Frühstück bekomme". Auch Karolin und Miriam sind oft bei ihren Eltern. "Das ist das Highlight der Woche", erzählt Miriam begeistert, "es gibt Mamas gekochtes Essen und ich kann mich richtig entspannen". Aber wenn sie wieder in ihre eigenen vier Wände zurückkehren, sind die Studenten auf sich allein gestellt.

"Einmal war Karolin sehr krank und da haben Sandro und ich uns abgesprochen, dass immer jemand zu Hause ist und guckt, ob alles in Ordnung ist", erzählt Miriam. Gerade in solchen Situationen passen sie auf sich auf und wollen keine Zweck-WG sein. "Ich würde mir Sorgen machen, wenn eine der beiden nicht nach Hause kommt. Wir sagen uns schon immer Bescheid, wo wir sind", sagt Sandro und Miriam ergänzt: "Aber da steht nichts dahinter, wir können machen, was wir möchten, ohne dass wir uns schief angucken."

Nur ganz selten gibt es Schwierigkeiten. "Wenn jemand die Nutella leer isst, dann ist das bitter", gibt Karolin zu. Doch auch darüber können alle drei lachen.