Tischregeln

Essen - nicht spielen

Dass Kinder beim Essen Spuren hinterlassen, ist kein Drama. Tischregeln können sie aber trotzdem lernen

- Karlotta, 20 Monate alt, liebt es, Erbsen über den Tisch zu kullern. Ihr Freund Nick findet es witzig, mit dem Löffel Soßenkreise neben den Teller zu malen. Ihre Eltern sind davon wenig begeistert. Das müssen sie auch nicht sein. Denn die Regel "Mit Essen spielt man nicht" können auch schon kleine Kinder lernen. Dabei hilft vor allem das gute Vorbild. Außerdem sollten Eltern motivieren, viel loben und erklären. So schaffen sie es, Essensregeln einzuführen, ohne die gemeinsame Mahlzeit zum Kampf werden zu lassen.

Bekommen Babys den ersten Brei, langen sie mit den Fingern hinein, rühren herum, lutschen die Finger ab. "Die Kinder spielen nicht, sie sammeln mit der Hand Informationen über die Konsistenz der Nahrung. Sie nutzen die Finger zum Essen", erklärt Ursula Viereck, Leiterin der Kita Otto-Brenner-Straße in Hamburg, die einen Schwerpunkt auf Ernährungserziehung gelegt hat. Auch bei Zweijährigen ist es noch völlig in Ordnung, wenn sie mit den Händen essen - sie sind ihre Werkzeuge. Wollen Eltern ihren Nachwuchs an Gabel und Löffel heranführen, sollten sie vor allem motivieren, rät Heidemarie Arnhold, Vorsitzende des Arbeitskreises Neue Erziehung in Berlin. Landen zum Beispiel Dreiviertel der Erbsen neben dem Teller statt im Mund, helfe ein "Das schaffst du schon, nimm ein paar weniger Erbsen" mehr als elterliches Schimpfen und Stöhnen.

Essen als etwas Besonderes

Testet der Nachwuchs, wie schnell Möhren vom Teller auf den Fußboden fallen, müssen Eltern das nicht hinnehmen. Ein Grund zum Ärgern ist das aber auch nicht. Ihr Kind will sie nicht provozieren. Für kleine Kinder ist es logisch, mit Essen zu spielen. Schließlich machen sie das mit allen anderen Dingen auch, erklärt Gudrun Wündrich, Leiterin der Kita "Haus der Kinder" in Dresden. Deshalb müssten Eltern immer und immer wieder geduldig erklären, warum Essen etwas ganz Besonderes ist: Weil es dem Körper gut tut, satt macht und schmeckt.

Welche Tischregeln Eltern durchsetzen, hängt von ihren eigenen Gewohnheiten ab. "Sie können dem Kind nicht etwas aufdrücken, was Sie selbst nicht leben", sagt Arnhold. Wer beim Essen Zeitung liest, darf sich nicht wundern, wenn das Kind auf sein Bilderbuch besteht. Und stehen die Eltern auf, sobald ihr Teller leer ist, können sie schlecht vom Nachwuchs verlangen, dass er sitzen bleibt, bis alle fertig gegessen haben.

Möchten Eltern ihren Kindern Essensregeln beibringen, müssen sie vor allem eines tun: gemeinsam essen, statt ihnen einen Teller vorzusetzen. "Versuchen Sie, mindestens eine Mahlzeit am Tag zusammen mit dem Kind einzunehmen", rät Erziehungsexpertin Arnhold. "So können Sie ihm die Regeln vorleben."

"Vorleben ist das A und O", sagt auch Gudrun Wündrich. Sie und ihre Kolleginnen essen jeden Tag gemeinsam mit den Kindern in einem Kinderrestaurant: Die Mädchen und Jungen helfen, den Tisch zu decken, nehmen sich die Speisen selbst von einem Buffet, essen von Porzellangeschirr. "Wir wollen eine ästhetische Atmosphäre beim Essen schaffen."

Die Erzieherinnen führen Tischgespräche mit den Kindern, um die Sprachfähigkeit zu fördern. Sie zeigen, wie man mit Besteck isst und motivieren sie, auch mal etwas Neues zu probieren. "Die sagen zum Beispiel: 'Mmmmh, ist das lecker' oder 'Das mochte ich früher nicht, aber ich habe es oft probiert, und jetzt schmeckt es mir gut'", erzählt Wündrich. Gezwungen, Speisen zu probieren, wird aber kein Kind. Und niemand muss hier seinen Teller leer essen. Die Erzieher leiten die Kinder eher an, sich erst einmal eine kleine Portion zu nehmen. "Für Kleinkinder ist das Auffüllen interessant", sagt Ursula Viereck. So wie sie Sand hin- und herschaufeln, machen sie es auch mit Essen. Durch die Begleitung der Erwachsenen lernten sie, dass man sich vom Essen nur so viel nimmt, wie man aufessen kann. Mit der Zeit entwickelten sie ein Gefühl dafür, wie viel sie essen können, bis sie satt sind.

Regeln brauchen Zeit

"Wenn Sie Kinder beobachten, sehen Sie, dass die mit hoher Ernsthaftigkeit beim Essen sind, solange sie Hunger haben", sagt Viereck. Fangen die Mädchen und Jungen dann aber mit dem Spielen an, sind sie meistens einfach satt. Dann sollten Eltern sagen: "Du bist jetzt satt", damit das Kind lernt, das Wort mit einem Gefühl zu verbinden.

Ist das Kind satt, sollte es dann auch aufstehen dürfen. Denn für kleine Kinder ist es schwierig, geduldig zu warten, bis die Eltern mit ihrem Essen fertig sind. Statt zu verlangen, dass sie so lange sitzen bleiben, könnten Eltern die Regel einführen: "Wir fangen gemeinsam an. Wenn du satt bist, darfst du aufstehen. Aber dann ist das Essen fertig", rät Wündrich. So erfährt das Kind, dass Mahlzeiten einen Anfang und ein Ende haben und nicht zwischendurch aufgestanden und gespielt wird.

Fakt ist: Kinder lernen Tischregeln nicht von heute auf morgen. Sie müssen sie immer und immer wieder vorgelebt bekommen und üben. Das bedeutet aber nicht, dass Eltern sich immer sklavisch an sie halten müssen. Gilt normalerweise: "Wir essen am Tisch", kann die Familie natürlich trotzdem guten Gewissens auch mal vor dem Fernseher eine Pizza knabbern. Es sollte nur klar sein, dass es eine Ausnahme ist.