Ratgeber

Unsere Tochter wird gemobbt, soll sie die Schule wechseln?

Unsere Tochter geht in die 3. Klasse. Seitdem eine neue Mitschülerin in die Klasse kam, berichtet unsere Tochter regelmäßig, geärgert und ausgegrenzt zu werden, und zwar auch von Mädchen, mit denen sie zuvor befreundet war. Vor den Ferien kam unsere Tochter mit einer Bisswunde und kaputter Jacke nach Hause. Sollen wir sie von der Schule nehmen?

Antje M. aus Tempelhof

Liebe Familie M., Ihre Tochter erlebt eine Form der Ausgrenzung und sogar körperliche Attacken, die leider in vielen Schulen und in allen Schulformen vorkommen. Deshalb wurden in den vergangenen Jahren auch an Berliner Schulen Mechanismen eingeführt, die bei Mobbing und Bullying - so nennt man regelmäßige und systematische körperliche Angriffe - wirksam werden: Seit 2005 gibt es Notfallpläne, nach denen gehandelt werden soll und die allen Schulleitungen vertraut sind. Zudem arbeiten an vielen Schulen Krisenteams; Unterstützung bietet in schwierigen Situationen auch der schulpsychologische Dienst. Kinder brauchen die Erfahrung, dass sie geschützt werden, wenn das Ausmaß der Angriffe auf sie ihre Fähigkeit übersteigt, sich selbst durchzusetzen. Werden Sie demnach ohne Zögern aktiv, wenn Sie mit Ihrer Tochter zu dem Ergebnis gekommen sind, dass sie Hilfe braucht: Wenden Sie sich umgehend an die Klassenleitung und stellen Sie die Lage möglichst ruhig und besonnen dar. Das ist oft nicht leicht, weil sich Eltern selbst betroffen fühlen, wenn ihre Kinder ausgegrenzt werden. Die Initiatoren dieser Ausgrenzung müssen ausfindig gemacht und dazu veranlasst werden, ihr Verhalten gegenüber Ihrer Tochter zu ändern. Das ist Aufgabe der Schule. Idealerweise entschuldigen sich die entsprechenden Kinder bei Ihrer Tochter, um ihr zu signalisieren, dass sie das Unrecht ihres Handelns eingesehen haben und Ihre Tochter sich vor weiteren Angriffen nicht zu fürchten braucht. Erwägen Sie einen Schulwechsel erst dann, wenn in der Schule nicht angemessen auf die Situation reagiert wird. Wenden Sie sich darüber hinaus direkt an die Eltern jener Mädchen, mit denen Ihre Tochter bisher befreundet war. Vielleicht gelingt es gemeinsam, die Freundschaft zu erneuern und die Mitschülerinnen dafür zu gewinnen, sich auf die Seite Ihrer Tochter zu stellen.

Bei allem Engagement der Erwachsenen: Ermuntern Sie Ihre Tochter auch, sich mit der ihr selbst zur Verfügung stehenden Energie und Klugheit zur Wehr zu setzen. Nehmen Sie sich dafür Zeit und sprechen Sie mit Ihrer Tochter intensiv über ihre Erfahrungen. Stehen Sie ihr mit Rat und Tat zur Seite.

Dr. Hans Willner ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychosomatik und -psychotherapie im St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof