Gesundheit

Liebe ohne Vergangenheit - und ohne Zukunft

Gerhard Bräuer hat Alzheimer. Seine Frau hält zu ihm und will ihn pflegen, solange sie kann. Die beiden versuchen nun, jeden Tag zu genießen

- Nichts ist mehr, wie es einmal war. Gestern ist heute und heute ist morgen. Erst neulich hat er seine Frau gefragt 'Birgit, haben wir wirklich schon 2020?'

Die Zeit ist unberechenbar geworden, seit Gerhard Bräuer vor zwei Jahren diese Diagnose bekommen hat: Alzheimer. Kollegen aus seiner Zahnarztpraxis verstummten, als er ihnen erklärte, warum er seinen weißen Kittel sofort an den Nagel hängen werde, mit 58 Jahren.

Komisch sei das gewesen, sagt er heute. Menschen, die ihn schon lange kannten, sahen ihn an, wie man jemanden ansieht, der plötzlich nicht mehr er selber ist.

Langjährige Patienten schrieben ihm Briefe, in denen stand, wie traurig sie seien. Freunde von früher riefen plötzlich nicht mehr an. Er schaut einen staunend an, während er das erzählt, eine beinahe heitere Gelassenheit im Blick.

So kennt ihn seine Familie: Gerhard, genannt Geg, der lebenslustige Onkel aus Berlin, der seine Neffen damit beeindruckte, dass er im Porsche vorfuhr und jeden sportlichen Trend mitmachte: Reiten, Tennis, Golf und Skilaufen, ja, sogar Kickboarden.

Auf seine Art ist er immer noch derselbe - und irgendwie auch nicht. Birgit Hohnecker, seine Frau, konstatiert das so nüchtern wie nur irgend möglich.

Leicht fällt ihr das nicht. Sie sind zwar erst seit fünf Jahren ein Paar, sie kennt ihn aber schon aus den 80er-Jahren, als sie noch in einer Studenten-WG in Schöneberg wohnten, mit ihrem späteren Mann, seinem besten Kumpel. Er zwinkert ihr zu. "Latent war schon damals etwas zwischen uns."

Gegenseitige Verantwortung

Gerhard Bräuer und die Frauen, das ist ein Kapitel für sich. "Die Weiber sind dir hinterhergelaufen", sagt Birgit Hohnecker augenzwinkernd. "Quatsch", entfährt es ihm empört, "das waren alles nette Mädchen." Sie sagt, sie habe sich schon damals zu ihm hingezogen gefühlt, zart und aufmerksam, wie er sei, und dann dieser Humor, so feinsinnig. Es sind ungewohnte Worte aus ihrem Mund. Sie ist der Typ Frau, der sofort merkt, wenn sein Mantel schief zugeknöpft ist, und statt ihn darauf hinzuweisen, schiebt sie die Knöpfe gleich in die richtigen Löcher. Verstohlen schaut sie ihren Mann jetzt von der Seite an. Er ist still und hat blassblaue Augen, der graue Sweater passt gut zu seinen gewellten Haaren. Er ist etwas voller geworden, seit er kaum noch Sport treibt, nur noch Tennis, und auch das meistens im Doppel mit Kameraden aus dem Verein, vier Augen sehen mehr als zwei.

Sie macht keinen Hehl daraus, dass ihn die Krankheit verändert hat. Die ersten Symptome sind auch für Dritte kaum zu übersehen.

Er traut sich zum Beispiel nicht mehr ans Steuer seines Autos, seit er rechts und links verwechselt und überhaupt so seine Schwierigkeiten damit hat, räumlich zu sehen. Wenn er die Wohnung noch alleine verlässt, dann nur noch mit Handy, darauf legt er Wert.

Neulich zum Beispiel hat er sich verlaufen, als er mit Lolle, dem Terrier, im Grunewald spazieren ging. Irgendwie hat er den Weg dann doch wieder alleine zurück nach Hause gefunden, aber er kam eine halbe Stunde später als sonst zurück. Seiner Frau kam es vor wie eine halbe Ewigkeit. Und deshalb, sagt er, müsse das Handy immer mit.

So gesehen hat Gerhard Bräuer Glück gehabt. Er sagt: "Wenn ich Birgit nicht hätte, müsste ich in ein Heim." Man könnte auf die Idee kommen, die Verantwortung für ihn laste jetzt allein auf den Schultern der Frau, die ihn unterstützt, so gut sie das eben kann, mit einem kaputten Rücken. Doch so einfach ist das eben nicht.

Auftritt in TV-Shows

Noch ist der Vater von drei Kindern Herr seiner Sinne. Noch schafft er es sogar, sich dazu aufzuraffen, an ihrer Seite in TV-Talkshows aufzutreten. Sie: ernst und gefasst, er: gelassen und heiter. Das sei ihnen wichtig, versichern sie unisono. Zu demonstrieren, dass Alzheimer keine Krankheit ist, wegen der man sich schämen oder gar umbringen müsste. "Das Leben geht doch weiter", hat Gerhard Bräuer nach dem Suizid von Gunther Sachs in der Talkshow von Günther Jauch gesagt. Es war ein bewegender Moment.

Die Augen seiner Frau schimmerten feucht, als Bräuer erzählte, was er seinen 14 und 15 Jahre alten Töchter aus zweiter Ehe entgegnet, wenn sie ihn daran erinnern, dass er immer mehr vergisst, manchmal sogar, wo er wohnt. "Ach, Kinder", seufzt er dann, "damit dürft ihr doch nicht einem Alzi kommen."

Jetzt sitzt er am Esstisch in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung im Grünen in Nikolassee und kräuselt sorgenvoll die Stirn, während seine Frau laut darüber nachdenkt, was sie für ihn erledigt, seit er nicht mehr alles selber machen kann - Autofahren, Geld überweisen oder den Schriftkram mit Behörden erledigen.

Spontan fällt ihr gar nicht so viel ein. Sie sagt: "Wir lassen das immer so auf uns zukommen." Sogar den Ernstfall. Eine Patientenverfügung haben sie noch nicht unterschrieben. Aber die Formulare liegen schon bereit.

Sein Blick hängt an ihren Lippen. Man wird das Gefühl nicht los, dass er sich beinahe noch größere Sorgen um sie macht als umgekehrt. Als Birgit Hohnecker von ihrem kaputten Rücken erzählt und davon, dass sie gerade in der Reha war, nicht stationär, sondern ambulant, sie könne ihn schließlich nicht mehr alleine lassen, verschränkt er die Arme vor der Brust.

"Du musst Bescheid sagen, wenn es dir zuviel wird", sagt er, und für seine Verhältnisse klingt das beinahe autoritär. Einer seiner Freunde betreibt ein Pflegeheim für Demenzkranke, vis-à-vis des Supermarktes um die Ecke. Er sagt: "Wenn es nicht mehr geht, ziehe ich eben um. Du kannst mich dann jedes Mal nach dem Einkaufen besuchen."

Verantwortung, lernt man da, ist keine Einbahnstraße. Es gehören immer zwei dazu. Ein schwieriges Thema. Birgit Hohnecker sagt, sie sei noch nie auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen gewesen, aber eines wisse sie genau: "Mein Mann würde dasselbe für mich tun." Verantwortung, nein, so würde sie das jedoch nicht nennen. Sie sagt, das klinge so aufgesetzt. Verantwortung, das sei, wenn sich Kinder nach langem Hin- und Her bereiterklärten, sich um ihre pflegebedürftigen Eltern zu kümmern, weniger aus Liebe oder Dankbarkeit, mehr aus Pflichtgefühl.

Ihr Blick trifft auf den Mann, von dem sie sagt, mit ihm habe sie alt werden wollen. Sie sagt, in seinem Fall sei das natürlich etwas anderes. Bei ihm stelle sich die Frage erst gar nicht. "Es ist selbstverständlich, dass ich bei ihm bleibe." Ein Bedürfnis, das von Herzen komme.

Sie weiß, worauf sie sich da einlässt. Sie sagt, sie habe das alles schon einmal erlebt, mit Lydia, ihrer besten Freundin. Eine Frau, von der sie sagt, kein anderer Mensch habe ihr so tief in die Seele geschaut. "Sie hat das Beste aus mir herausgekitzelt." Wie zum Beweis kramt sie Lydias Todesanzeige hervor. Freunde haben sie selbstgebastelt. Sie zeigt das Foto einer burschikosen Frau in Gummistiefeln und Parka. Sie steht neben einem Pferd, den rechten Arm um den Kopf des Tieres gelegt. Sie lacht.

Mitte der neunziger Jahre erfuhr Lydia, dass sie an Lungenkrebs erkrankt war. Es war ein Abschied auf Raten. Eine kräftezehrende Zeit. Birgit Hohnecker betrieb damals in Stuttgart ein Restaurant mit ihrem Ex-Mann. Sie sei Tag und Nacht "stand-by" gewesen, um bei der Freundin zu sein, wenn sie sie brauchte.

Schon eine Freundin verloren

Birgit Hohnecker schluckt, wenn sie von dieser Zeit erzählt. Von dem Moment, als die Freundin im Krankenhaus starb. "Sie hat einfach aufgehört zu atmen." Sie klappt die Todesanzeige auf. Auf der linken Seite steht ein Zitat aus dem Roman "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry. Es klingt wie eine Antwort auf die Frage, warum Birgit Hohnecker keine Sekunde lang daran gedacht hat, ihren Mann zu verlassen, als er erfuhr, dass sein Gedächtnis immer löcheriger wird. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

An den Tag, an dem die Diagnose in ihr Leben platzte, erinnern sie sich beide noch genau. "Du solltest die Zahlen von eins bis zwölf auf dem leeren Ziffernblatt einer Uhr eintragen", sagt sie. "Oh Gott", stöhnt er. Irgendwie schaffte er es, alle Zahlen auf die ersten drei Viertel zu verteilen. Das letzte Viertel blieb leer. Warum, konnte er sich selber nicht erklären. Sein Arzt klärte ihn auf.

Alzheimer, murmelte er vor sich hin, als ihn seine Frau abholte. Ich habe Alzheimer. Sie sagt, auf dem Weg nach Hause habe er geweint. Er sagt, er habe gewusst, dass er jetzt seinen Beruf aufgeben muss. Ein herber Verlust. Er war gerne Arzt. Ein Mann mit ruhiger Hand. Ein aufmerksamer Zuhörer. Es erfüllte ihn mit Zufriedenheit, anderen zu helfen.

Jetzt saß er plötzlich auf der anderen Seite und fühlte sich schrecklich hilflos. Wie würde es erst sein, wenn die Krankheit weiter fortschritt und es ihm eines Tages so ging wie seinem demenzkanken Vater, dem es immer schwerer fiel, sich zu artikulieren, bis er eines Tages ganz verstummte? Er sagt: "Ich dachte, jetzt bist du nicht mehr brauchbar." Heute weiß er es besser. Seine Frau braucht ihn.

Verantwortung für seine Patienten zu übernehmen, das hieß für ihn auch, die Verantwortung abzugeben. Früher oder später wird das auch seine Frau lernen müssen - spätestens dann, wenn seine Krankheit sie überfordert.

Eigene Bedürfnisse zurückstellen

Birgit Hohnecker ist jetzt 56, eine selbstbewusste Frau, die schon als Kind gelernt hat, eigene Bedürfnisse für ihre drei jüngeren Geschwister zurückzustellen. Noch ist sie wegen ihres Rückenleidens krankgeschrieben. Noch schiebt sie den Gedanken an ein Pflegeheim weit weg. Sie sagt: "Wir wollten uns Nordic-Walking-Sticks kaufen. Wir sollten es jetzt machen, solange es noch geht." Sie hat es nicht immer leicht mit ihm, daraus macht sie keinen Hehl.

Sie sagt, es komme jetzt vor, dass er innerhalb von einer Stunde gefühlte 99 Mal fragt: "Was gibt es heute zum Mittagessen?" Die Zeit, sie eilt ihm davon und lässt ihn zurück mit seinen Erinnerungen. Oft merkt er das erst, wenn sie ihn darauf anspricht. Neulich zum Beispiel hat sie in der Küche die Besteckschublade geöffnet, und fand dort ein Paar Socken. "Immerhin waren es saubere Socken", bemerkt sie lakonisch. "Ich habe sie extra hineingelegt", kontert er. Und dann prusten beide vor Lachen los wie zwei frisch verliebte Teenager.

Es ist ihre Art, mit dieser Krankheit umzugehen, die anderen die Sprache verschlägt. Birgit Hohnecker sagt, sie lasse nicht zu, dass die Angst ihren Alltag regiert. "Wir lachen sie einfach weg."