Partnerschaft

Wer bekommt das Sorgerecht für Bello?

Wenn sich Frauchen und Herrchen trennen, gibt es nicht selten Streit um das gemeinsame Haustier. Dabei ist auch der Verbleib von Hund oder Katze gesetzlich geregelt

- Nichts ist mehr wie vorher. Früher ist Sandra Kiefer (34) nach der Arbeit jeden Tag raus aus Berlin gefahren, raus aufs Land, um ihr Pferd zu reiten. Jetzt ist es aus, vorbei. Sandra Kiefer hat sich von ihrem Lebensgefährten getrennt. Mit der Trennung hat sie auch ihr Pferd verloren, "für immer", sagt sie.

Sandra Kiefer reitet seit ihrem achten Lebensjahr. Im vergangenen Jahr wollte sie sich mit ihrem Lebensgefährten zusammen einen Hengst kaufen. Doch das Tier war krank, es musste zunächst operiert werden. Sandra Kiefer bezahlte die OP und man einigte sich darauf, danach zu entscheiden, ob der Kauf zustande kommt oder nicht - je nach Gesundheitszustand des Tieres. Der Kaufpreis sollte dann abzüglich der OP-Kosten gezahlt werden. Doch es kam anders.

Sandra Kiefer fand später heraus, dass der verlassene Exfreund zum Züchter ging und das Tier bezahlte. "Ich habe mein Pferd abgeholt", schickte er per SMS. Er ließ Ersatzpapiere auf seinen Namen ausstellen und wurde somit rechtmäßiger Pferdeeigentümer, ohne in seinem Leben je zuvor geritten zu sein. Der Streit um das Pferd eskalierte. Ihr Exfreund habe ihr gedroht, das Pferd einzuschläfern, wenn sie ihm nicht die Originalpapiere aushändigt und den Stallmietvertrag auf ihn überschreibt. Sandra Kiefer gab ihm also die Papiere - und beging damit einen großen Fehler. Der Anwalt, den sie konsultierte, nahm ihr alle Hoffnungen: Mit den Original-Papieren habe sie ihrem Ex die Eigentümerschaft des Pferdes gleich mit in die Hand gedrückt. Dass Reiten nie sein Hobby war, ihres aber schon, interessiert die Richter wenig.

Der Hund als Familienersatz

Sowohl die Zahl der Scheidungen als auch die der Haustiere in Deutschland haben im vergangenen Jahr eine neue Rekordmarke erreicht. Es gibt 22,3 Millionen Haustiere in Deutschland, Fische nicht mitgezählt. Ein Viertel von ihnen lebt in Single-Haushalten. Haustiere, egal ob Pferd oder Zierfink, sind für viele Menschen ein Familienmitglied. Hund oder Katze sind für ihre Besitzer oft wichtige Wegbegleiter - manchmal wichtiger als Freunde oder Bekannte. Beziehungen zu Menschen können problematisch sein oder sogar zerbrechen - das Haustier bleibt ein Leben lang treu.

Und so wird bei Trennungen und Scheidungen immer härter auch um sie gekämpft. Wenn es keine gemeinsamen Kinder gibt, dann dreht sich der Streit um die Vierbeiner. Deutsche Gerichte brechen die emotional aufgeladene Situation auf eine einzige nüchterne Frage herunter: Wem gehört das Haustier? Dafür gibt es klare gesetzliche Regelungen.

Zwar bezeichnet das deutsche Rechtssystem Tiere seit 1990 offiziell nicht mehr als "Sachen", Juristen behandeln die vierbeinigen Mitbewohner dennoch als Gegenstände. "Das entspricht nicht dem Rechtsgefühl vieler Menschen", sagt der Berliner Fachanwalt für Familienrecht und Spezialist für Pferderecht, Robert Herwig. Wenn sich ein Ehepaar ein Haustier kauft und dieses "der gemeinsamen Nutzung dient", zählt es im Fall einer Scheidung zu den Haushaltsgegenständen. Die Frage, wer es behalten darf, müssen die Scheidenden unter sich ausmachen. Können sie sich nicht einigen, bestimmt laut Robert Herwig das Gericht das künftige Herrchen oder Frauchen. Streiten sich unverheiratete Paare nach der Trennung um Hund oder Katze, entscheiden die Richter ähnlich wie beim Espresso-Vollautomaten oder der Stereo-Anlage: Wer nachweisen kann, dass er der Eigentümer ist, bekommt den Zuschlag. Solch ein Beweis kann eine Quittung sein oder, zum Beispiel bei Zuchttieren, ein namentlicher Eintrag in den Papieren. Doch so einfach ist es selten. Der eine Partner kann den Hund zwar bezahlt haben, aber wenn der andere Partner das Tier abgeholt und vom Verkäufer übereignet bekommen hat, ist er rechtmäßiger Eigentümer.

Vor Gericht zu ziehen, kostet mitunter viel Geld und Nerven. Deshalb ist es ratsam, alle anderen Möglichkeiten zunächst auszuschöpfen, um sich zu einigen. Rechtsanwalt Robert Herwig etwa lehnte mal den Fall eines unverheirateten Paares ab, das den Streit um den gemeinsamen Hund gerne vor Gericht ausgetragen hätte. Der Hund gehorchte beiden Besitzerinnen aufs Wort, erinnert sich Robert Herwig. Das nutzten die zwei Frauen aus und entführten ihn abwechselnd beim Spaziergang im Park. "Ich habe ihnen geraten, sich außergerichtlich zu einigen, weil völlig offen war, wem der Richter das Tier zusprechen würde", sagt Herwig. Für Anwälte lohnt sich ein solches Mandat kaum: Als Wertgegenstände sind Hunde vergleichsweise wertlos, weshalb Haustier-Fälle in den Kanzleien eher ungern gesehen sind. "Ich empfehle den Leuten, die Zuteilung des Haustieres unter sich zu regeln. Ich fördere diese Einigungsbereitschaft", sagt Herwig.

Schweizer Recht tierfreundlicher

Anders ist es in der Schweiz: In dem Land mit dem strengsten Tierschutzgesetz der Welt achten die Gerichte penibel darauf, dass im Scheidungsfall die tierischen Rechte gewahrt bleiben. Gibt es Zank um den Hund, prüfen eidgenössische Richter, wo er besser aufgehoben ist - egal, wem er nach dem Gesetz eigentlich gehört. Das Tierwohl steht über allem. Dass die "Würde der Kreatur" inzwischen im Grundrecht festgeschrieben ist und Tiere vor Schweizer Gerichten inzwischen nicht mehr dem Hausrat zugeschlagen werden, verdanken sie maßgeblich dem Juristen Antoine F. Goetschel und der "Stiftung für das Tier im Recht". Der Rechtsanwalt aus Zürich hat sich weltweit als amtlicher "Tieranwalt" einen Namen gemacht.

"Es entspricht einer unglaublichen Kaltschnäuzigkeit, wenn Parteien sich vor deutschen Gerichten sagen müssen 'ach wir regeln die Aufteilung des Tieres nach den Regeln des Hausrats'", sagt Goetschel. Für ihn ist es unverständlich, dass das Haustier bei der Scheidung wie ein Dampfkochtopf verteilt wird, je nachdem, wem es mehr nützt. "Das entspricht einer hartherzigen Haltung dem Tier gegenüber, das im Grundgesetz als Mitgeschöpf bezeichnet wird und das wir als Familienmitglied empfinden", sagt Goetschel. Er findet, das deutsche Recht müsste da dringend angepasst werden. Immerhin seien "Kampfscheidungen" seit einer Novellierung des Scheidungsrechts und dem verschärften Tierschutz-Gesetz in der Schweiz seltener geworden. Zwar gebe es keine offiziellen Statistiken, aber er beobachte zunehmend, dass zumindest in der Schweiz Paare den Streit um den Hund vermeiden und es ihnen wichtiger ist, dass es dem Scheidungshund nach der Trennung gut geht.

Einen richtigen "Rosenkrieg" um ihren Hund hat Christine Mönch hinter sich. Nachdem die Beziehung zu ihrem Freund in die Brüche ging, verließ er die gemeinsame Wohnung - und ließ seinen Yorkshire-Terrier zurück. "Er war mein Baby und hat mir über die Enttäuschung extrem hinweg geholfen", sagt sie. Christine Mönch und der Hund seien unzertrennlich geworden, sie habe ihn mit zur Arbeit genommen, zum Sport und in den Urlaub. Nach einem halben Jahr meldete sich plötzlich der Ex. Und wollte den Hund zurück. "Ich bin aus allen Wolken gefallen", sagt Mönch. Erst die vierte Anwältin übernahm ihren Fall und zog vor Gericht. Sie verlor, der Mann durfte den Hund abholen. Ein Schock für Christine Mönch. Bis heute habe sie den Park, wo sie immer mit dem Hund spazieren ging, nicht wieder betreten. Den Terrier hat sie nie wieder gesehen. Den Mann auch nicht.