Interview

"Manche Angehörige kümmern sich bis zur Erschöpfung"

Mit den Bedürfnissen Demenzkranker und ihrer Angehöriger kennt sich Markus Rohner aus.

- Als Geschäftsführer des Gerontopsychiatrischen Verbundes Charlottenburg-Wilmersdorf hat er vor zwei Jahren die Kampagne "Demenzfreundliche Kommune" gestartet. Inwiefern Partner und Verwandte sich verantwortlich für die Pflege ihrer Angehörigen fühlen sollten und wann die Belastung einfach zu groß ist, darüber sprach er mit Antje Hildebrandt.

Berliner Morgenpost:

Herr Rohner, 65 Prozent der 1,1 Millionen Demenzkranken in Deutschland werden von Angehörigen betreut. Welche Rolle spielt Verantwortungsbewusstsein bei der Pflege?

Markus Rohner:

Das Thema Verantwortung ist vielschichtig. Das Positive an der Verantwortung ist, dass sich die Menschen ihrer Angehörigen annehmen. Auf der anderen Seite steht die Verantwortung auch schnell in Verbindung mit einem schlechten Gewissen. Was dazu führen kann, dass sich Angehörige überfordern und Hilfsangebote nicht wahrnehmen können oder wollen. Hier werden ethische Fragen berührt.

Ist Verantwortung immer gleich Verantwortung?

Nein, der Begriff trifft es auch nicht in jedem Fall. Es geht um Erinnerungen, gewohnte Verhaltens- und Entscheidungsmuster und vor allem auch um Liebe.

Was bedeutet es für eine Beziehung, wenn der eigene Partner plötzlich zum Pflegefall wird?

Typisch für eine solche Situation ist, dass sich die Rollen innerhalb einer Beziehung verändern. Diese Diffusität macht es beiden Seiten nicht leicht. Schwierig wird es besonders dann, wenn der zärtliche Partner infolge der Demenz plötzlich aggressiv wird oder seinen Partner nicht mehr wiedererkennt. Der pflegende Angehörige fühlt sich dann oft alleingelassen. Er kann nicht mehr.

Bis zu welchem Punkt können sie die Verantwortung überhaupt übernehmen?

Es ist leider so, dass einige Angehörige gar nicht erkennen, dass sie sich um sich selber kümmern müssen. Manche Angehörige kümmern sich bis zur totalen Erschöpfung. Sie erkranken an den seelischen und körperlichen Belastungen. Dabei gibt es in Berlin ein eigenes Sorgentelefon für Angehörige: "Pflege in Not" (Tel. 69 59 89 89).

Hieße Verantwortung zu übernehmen in einem solchen Fall nicht auch, Verantwortung abzugeben?

Natürlich. Pflegende Angehörige haben auch eine Verantwortung für sich selbst. Zum Glück gibt es inzwischen viele Angebote, die sie entlasten - zum Beispiel Tagespflegeeinrichtungen für Menschen mit Demenz. In Berlin ist diese Infrastruktur besonders gut ausgeprägt. Trotzdem tun sich pflegende Angehörige schwer damit, den Partner in die Hände professioneller Pfleger zu übergeben. Es ist ein Abschied. Deshalb ist das Loslassen so schwer.