Zweites Leben

Früher war ich eine Frau

Haben es Männer tatsächlich leichter im Beruf? Leon Strauß kann vergleichen - er hat seinen Job auch schon als Frau gemacht

Einparken ist Leons Stärke nicht. Hinter dem Lenkrad seines dunkelblauen Fords dreht er sich nach hinten, dann wieder nach vorn, schaut in den Rückspiegel, gibt Gas und fährt rückwärts in die Parklücke hinein. Doch, ups, wieder den Bürgersteig erwischt. "Ich kann das Klischee widerlegen, dass Frauen schlechter einparken", sagt er. "Als ich noch eine Frau war, hat's besser funktioniert. Vielleicht lag es daran, dass ich damals ein kleineres Auto hatte, aber trotzdem." Leon lacht, seine hellen Augen strahlen grün und grau, ein attraktiver Mann Mitte 40.

Er steigt aus dem Auto und geht zum vierstöckigen Gebäude der Assa Abloy Sicherheitstechnik GmbH. Hier hat der Berliner Industriekaufmann Leon Strauß bereits 17 Jahre beruflichen Alltag hinter sich gebracht. Die ersten zehn Jahre als Frau, die letzten sieben als Mann.

"Guten Morgen, Herr Strauß", begrüßt die Personalleiterin Frau Niggeling Leon im Flur. Nur 300 Meter von seinem Büro entfernt ist Leon groß geworden. Hier, im tiefsten Zehlendorf, in einem rosafarbenen Einfamilienhaus, wusste er schon vor mehr als dreißig Jahren, dass er gern ein Junge gewesen wäre. Doch in der Geburtsurkunde stand: weiblich. Die Eltern haben ihre Tochter Evelyn genannt. Diesen Namen spricht Leon in Bezug auf sich nicht gern aus.

Frau Niggeling kann sich sehr gut an die Zeit vor sieben Jahren erinnern. Damals kam Frau Strauß zu ihr und sagte, man müsste ihr Geschlecht in den Personalakten ändern. Der Chef hätte bereits zugestimmt. Zuerst war Frau Niggeling überrascht, verschiedene Emotionen - von Mitleid bis Respekt - überströmten sie. Noch vor der offiziellen Zustimmung über die Namensänderung wurde ein Schreiben an die Kunden und Kollegen vorbereitet. Es hieß dort: "... aus Frau Evelyn Strauß wird Herr Leon Strauß, bitte in den Stammdaten ändern ..." Und fertig. Die Visitenkarten wurden neu bestellt, die Daten im Computer geändert.

Nicht jede Transition verläuft so reibungslos. Vor allem Transfrauen sind häufig von Diskriminierung betroffen - ohnehin schon als Frau und noch einmal mehr als Transperson. Arn Sauer vom Verein TransInterQueer erläutert: "Viele sehr gut ausgebildete Transfrauen, die in ihrem früheren männlichen Status noch gut bezahlte Positionen hatten, standen nach der Geschlechtsangleichung als Frauen plötzlich auf der Straße." Einige Transmenschen kündigen freiwillig, um einen neuen Lebensabschnitt anzufangen, anderen wird gekündigt, oder sie müssen in eine andere Abteilung wechseln.

Als Mann im Alltag

Um den Namen zu ändern, musste Leon zwei ärztliche Gutachten einreichen. "Die wesentliche Fragestellung ist dabei", erklärt Psychotherapeut Wolfgang Weig, "ob die betreffende Person tatsächlich in einer abweichenden Geschlechtsidentität lebt, also innerlich davon überzeugt ist, dem anderen als dem biologischen Geschlecht anzugehören." Außerdem müssten die Transsexuellen einen "Alltagstest" machen. "Das heißt, mindestens ein Jahr lang die ,gewünschte' Geschlechtsrolle ausprobieren, indem sie sich entsprechend kleidet, ein für das jeweilige Geschlecht typisches Rollenverhalten übernimmt und sich in ihrer sozialen Umgebung entsprechend outet", so Weig.

Dies führt allerdings oft zu Missverständnissen - so auch bei Leon. "In der ersten Zeit hatte ich immer noch meine weibliche Stimme, aber ans Telefon gegangen ist Herr Strauß. Ich musste immer wieder die Situation erklären", erinnert er sich. Am Anfang ist es für viele Betroffene kompliziert, ohne eine Hormontherapie und andere geschlechtsangleichende Maßnahmen überzeugend männlich oder weiblich aufzutreten.

Heute ist Leons Stimme sicher, heiser, tief. Hat dies Auswirkungen auf die Arbeit? "Ja", sagt Leon ohne Zweifel. Er habe den Eindruck, dass eine männliche Stimme einen kompetenteren Eindruck verleiht. Auch im Privaten ist Leon härter geworden: "Heute kann ich mit Worten argumentieren. Als Mann kann ich sagen: Das ist so!" Und die Leute akzeptieren es.

Andererseits: Zu einer Weihnachtsfeier vor fünf Jahren hatte Leon Kekse mitgebracht, zwölf Sorten, selbst gebacken. Eine Kollegin erstaunt: "Sie? Sie haben die gebacken?" Leon musste lachen: "Wer sonst?" - "Ich dachte, Ihre Frau vielleicht!", war die Antwort. Denn wenn es um zwölf Sorten Gebäck geht, muss wohl doch eine Frau im Spiel sein.

Leon hat keine Angst vor seiner Vergangenheit. Wenn die Eltern über seine Kindheit sprechen, sagen sie "sie", und das sei auch gut. "Ich will ihnen die Erinnerungen an ihre Tochter nicht nehmen." Und auch ihm sind seine Vergangenheit und Erfahrungen als Frau viel wert. In seiner männlichen Rolle musste sich Leon auch daran gewöhnen, dass es völlig in Ordnung ist, "meine Freundin" in der Öffentlichkeit zu sagen. Früher wurde er als lesbisch gesehen, heute ist er ein heterosexueller Mann. Leon lebt in einer Wohngemeinschaft in Schöneberg. Zwei Mitbewohnerinnen und zwei blauäugige Thaikatzen - das ist Leons Gesellschaft zu Hause. Es gibt aber noch eine Katzenart, die für Leon eine besondere Bedeutung hat: der Löwe. Eine Löwenskulptur auf dem Balkon, ein Plüschtier auf dem Sofa. Löwe ist Leons Sternzeichen, sein Glücksbringer und sein größter erfüllter Wunsch - der männlicher Vorname im Personalausweis.

Kräftig, stark, mutig. Männlich. "Ich bin jetzt entspannter und ruhiger geworden. Ich habe meinen Körper so angepasst, wie ich ihn brauche." Manchmal fragen seine Freunde, ob er etwas im Laufe der Verwandlung verloren habe? "Meine Sensibilität", sagt Leon. Früher konnte er schneller verstehen, was seine Freundin wollte, oder warum es ihr schlecht ging. "Jetzt bin ich manchmal wie ein Trampeltier." Auch der Sex ist anders geworden. "Als ich noch eine Frau war, musste immer das Gefühl stimmen, und heute kann ich sagen: ,Sex, und dann ist gut'."

Aber was das Autofahren betrifft, da ist Leon noch immer ziemlich mädchenhaft. "Aber warum nicht, ich habe doch beides in mir", sagt er. Und man glaubt Leon gern, dass das möglich ist. Denn es gibt auf dieser Welt Männer, Frauen - und solche, die etwas mehr darüber wissen.