Gesundheit

Mit Poesie Demenzkranke erreichen

Mit Reimen, Sinnsprüchen oder Liedern lassen sich Erinnerungsprozesse in Gang setzen

- Welche Macht Worte besitzen, wird einem dann bewusst, wenn sie fehlen. Viele Demenzpatienten erreichen diesen Zustand mit zunehmender Schwere ihrer Erkrankung. Selbst Gespräche über einfache Dinge wie das Wetter oder Essen scheinen unmöglich. Während alltägliche Themen durch das Raster fallen, dringen einige Worte noch durch - zum Beispiel in Form von Gedichten und Liedtexten. Worte können Demenzkranke wach machen, aufwecken. Ein deutsches Projekt, das dieses Konzept verfolgt, heißt deshalb "Weckworte".

Lars Ruppel ist von Beruf Poet. Über eine Freundin in New York wurde er auf Gary Glazner und dessen "Alzheimer's Poetry Project" aufmerksam. Dabei werden gemeinsam mit Alzheimerpatienten Gedichte gesprochen und rhythmisch Texte aufgesagt. Ruppel war fasziniert. 2009 holte er Glazner für einen Workshop nach Deutschland. Seitdem tingelt Ruppel durchs Land, schult Pflegekräfte in Heimen und besucht mit Jugendlichen Demenzpatienten. In seinen "Sessions" geht es darum, ohne viel Vorwissen den älteren Menschen Gedichte so lebendig wie möglich vorzutragen. Voraussetzung ist ein positiver Inhalt und eine gewisse Bekanntheit. Viele der Texte kennen Demenzpatienten noch aus ihrer Schulzeit. Deshalb steigen sie oft völlig unvermittelt ein, sprechen mit. "Es geht um Momente, darum, den Betroffenen ein schönes Gefühl zu vermitteln", erklärt Ruppel. Das könne man sehen und spüren: "Die Alten werden aufgeweckt, zeigen Emotionen, setzen sich auf einmal aufrecht hin."

Mit dem Einfluss von Sprache in der Altenpflege beschäftigt sich die Kommunikationstrainerin Svenja Sachweh, die auch Mitglied in der Deutschen Alzheimer Gesellschaft ist. Entscheidend in der Kommunikation mit Demenzerkrankten sei es, den Bestand im Langzeitgedächtnis anzusprechen. Denn dieser ist im Unterschied zum Kurzzeitgedächtnis noch intakt. Besonders gut klappe das mit Musik und Rhythmus, Sprichwörtern und Reimen: "Die Erkrankten erleben sich als kompetent und merken, sie können noch etwas. Das ist sehr befriedigend und befreiend für sie."

Lars Ruppel hat bislang etwa 50 Einrichtungen besucht. Er will die Pfleger so schulen, dass die selbst mit den Erkrankten reimen können. "Es reicht, das in den Alltag einzustreuen, zum Beispiel beim Waschen, Essen oder vor dem Schlafengehen." Es bestehe kein Zweifel daran, dass Poesie Demenzkranke sehr stark berühren könne, sagt Ruppel. "Man kann aber nicht immer das gleiche Feedback erwarten." Klar sei auch, dass die Personen nichts Neues mehr lernen können. Nach dem Erfinder Gary Glazner geht es darum aber auch gar nicht. Er sagte mal: "Wenn durch Alzheimer soviel vom Geist verloren gegangen ist, ist Poesie ein kraftvolles Mittel, um eine Verbindung zu diesem Menschen zu finden."