Interview

"Die meisten Kleinkinder vertragen es gut, Sand zu essen"

Stadtkinder haben häufiger Allergien und Asthma als Landkinder. Prof. Susanne Lau, Kinderärztin und Allergologin an der Berliner Charité, über die Frage, ob das Landleben gesünder ist.

Berliner Morgenpost:

Wachsen Landkinder gesünder auf?

Susanne Lau:

So pauschal kann man das nicht sagen. Ein Kind, das jeden Tag selbstgekochtes Essen mit Gemüse vom eigenen Beet bekommt, den ganzen Tag draußen spielt und fast nie fernsieht, wächst natürlich gesünder auf als ein Kind, das an einer vierspurigen Straße wohnt, den ganzen Tag am Computer spielt und nur Fertiggerichte isst. Das sind Klischees, die mit der Realität oft wenig zu tun haben. Viele Stadtkinder leben sehr gesund, weil sie gesund ernährt werden und sich viel bewegen.

Aber allein die Luft ist doch auf dem Land viel sauberer!

Ach, im Vergleich mit vielen anderen Großstädten auf der Welt ist die Luft in Berlin doch gar nicht so schlecht - wenn man nicht gerade an einer der Straßen mit hoher Feinstaub-Belastung wohnt.

Studien beweisen, dass Landkinder weniger Allergien haben.

Das gilt aber nicht für jedweden Bewohner auf dem Land, sondern nur für diejenigen, die Viehwirtschaft betreiben. Wenn das Ungeborene mit Bakterien aus dem Stallmist in Berührung kommt, weil die Mutter ausmistet oder die Kühe melkt, wird das Immunsystem stimuliert. Solche Kinder haben später seltener Allergien. Aber das hat nichts mit dem Landleben zu tun, sondern damit, dass die Eltern Kühe, Schafe oder Schweine haben.

Sie haben an der Charité eine Studie geleitet, bei der allergiegefährdete Neugeborene abgetötete Bakterien bekamen. Schützt diese Dreck-Impfung vor Allergien?

Das ist eine Lösung mit abgetöteten Darmbakterien, wie es sie rezeptfrei in der Apotheke zu kaufen gibt. Wir haben Neugeborenen dreimal täglich eine solche Tropfenlösung verabreicht und mit einer Kontrollgruppe verglichen, die Placebos bekam. Bei Kindern mit nur einem allergischen Elternteil haben wir eine gute Wirkung festgestellt. Das galt besonders, wenn der Vater Heuschnupfen hat. Waren beide Eltern allergisch, waren die Erfolge eher nicht so groß, ebenso wenn die Mutter ein Ekzem hatte. Die genetische Vorbelastung spielt bei Allergien eine sehr große Rolle.

Sollen Eltern ihre Kinder zum Schutz vor Allergien im Dreck spielen lassen?

Übertriebene Hygiene ist verkehrt, auch wenn gewisse Hygienestandards schon eingehalten werden sollten. Stadtkinder zum Beispiel sollten keine Rohmilch trinken, weil ihr Immunsystem nicht daran gewöhnt ist. Aber ein bisschen im Dreck zu spielen, schadet nicht. Die meisten Kleinkinder vertragen es gut, mal am Teppich zu lutschen oder Sand zu essen.