Liebesleben

Mehr Lust ins Leben

Bei Erotik-Seminaren tauschen sich Frauen über intime Wünsche aus und bekommen Tipps

- Wenn sich Iris etwas Gutes tun will, geht sie mit ihrem Mann auf Entdeckungstour. Meist sind sich die beiden einig, wo: in einem Dessousladen mit reizvoller Wäsche. Einem Erotikshop mit großem Spielzeugangebot. Oder sie buchen, für den Urlaub zwischendurch, ein romantisches Liebeshotel. "Erotik und Sex waren von Anfang an wichtig in unserer Beziehung", sagt Iris und wirft ihre langen Haare zurück. "Das gehört einfach dazu, und neugierig sind wir beide auch."

Das, was Iris kürzlich vorhatte, war allerdings auch für die genussfreudige Unternehmerin Neuland. Die 45-Jährige besuchte in Berlin ein Erotik-Seminar für Frauen. Titel: "Lust auf Lust". Angeboten wird das Seminar von drei Frauen, die vor Kurzem "Mit allen Sinnen EWA - Institut für erotisches Selbstbewusstsein" gegründet haben. Zielsetzung ist es, anderen Frauen zu helfen, ihre Erotik zu entdecken oder wieder zu beleben - indem sie sich mit anderen Teilnehmerinnen austauschen und Anregungen bekommen.

Sagen, was gefällt

Das Angebot tut Studien zufolge Not. Eine Umfrage unter Federführung der Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) hat ergeben, dass sich die Hälfte aller Frauen in Deutschland öfter Geschlechtsverkehr wünscht. Bei den Männern sind es sogar 61 Prozent. Derzeit lieben sich die Deutschen im Durchschnitt zwei- bis dreimal pro Woche. Doch geht es nicht nur um die Häufigkeit, sondern auch um die Qualität des Liebeslebens. Männer, so die Erhebung, haben Lust auf Experimente. So träumen etwa 34,7 Prozent von Sex mit mehreren Partnern (Frauen: 16,1 Prozent). Für die Frauen ist das Gefühl, geliebt zu werden und vertraut miteinander zu sein, besonders wichtig. So stimmten in der "Durex Global Sex Studie 2012" sechs von zehn Frauen der Aussage zu, dass für Frauen die emotionalen Aspekte beim Sex wichtiger sind als für Männer. Unter den Männern bejahte etwa die Hälfte die Aussage.

Aber wie lassen sich die Wünsche und Bedürfnisse in Einklang bringen? Wie lässt sich eine laue erotische Beziehung mit neuem Leben füllen?

"Oft mangelt es vor allem daran, dass es den Partnern schwer fällt zu sagen, was sie wollen - vor allem den Frauen", weiß Wiebke Pantos. Sie ist eine der Institutsgründerinnen und hauptberuflich als Psychotherapeutin tätig. "Früher oder später berichten mir die Frauen immer, dass in sexueller Hinsicht nicht viel oder etwas nicht richtig läuft", erzählt sie. "Dabei hapert es aber nicht an der Lust oder körperlichen Voraussetzungen. Die Frauen empfinden Scham oder haben Angst, ihre Männer zu beleidigen, wenn sie ihre Wünsche äußern." Oft müssten sie ihre Fantasien auch erst herausfinden.

Ähnlich ging es Iris. Ihre geheimen Wünsche hatte sie nie ergründet. "Mein Mann und ich sind seit 17 Jahren zusammen, da hat man seine Rituale und macht sich kaum mehr Gedanken", sagt sie. "Es ist nicht langweilig mit uns, aber eben immer das Gleiche." Ihr Mann war es, der sie auf die Seminar-Idee brachte. "In einer Beziehung lässt nach einer Weile die Erotik nach, Sex wird zur Gewohnheit", findet er. "Ich habe mir gewünscht, dass wir neue Ideen bekommen und auch, dass meine Frau lockerer ihre Wünsche äußert."

Sich mehr trauen

Neue Ideen brachte Iris dann auch jede Menge mit nach Hause. Es sind keine verwegenen Dinge, die sie sich wünscht: eine Auszeit unter Palmen am Strand und ein ansprechendes, weniger funktionales Ambiente im Schlafzimmer zum Beispiel. Umso leichter sind sie zu verwirklichen. Vor allem aber lernte Iris, wie sie es schafft, sich begehrenswert zu fühlen und in die passende Stimmung zu bringen. "Bei Rollenspielen sollten wir herausfinden, wie wir uns sexy fühlen, und ich stellte fest, dass ich mir in High Heels und Corsage am besten gefalle", erzählt sie. Stolz zeigt Iris ihre neue weiße Corsage und berichtet von dem Burlesque-Kurs, den sie gerade gebucht hat. "Bei allen Frauen auf dem Seminar war vor allem Thema, dass wir uns mehr trauen wollen."

Das Erotik-Seminar ist in mehrere Teile gegliedert. Zunächst geht es um die Entwicklung des Körpergefühls. Eine Burlesque-Tänzerin zeigt Bewegungen, Posen und Accessoires wie Boas und Fächer und ermutigt zum Ausprobieren. Danach sollen die Teilnehmerinnen herausfinden, welche Wünsche sie haben und wie sie diese dem Partner am besten kommunizieren. Schließlich ist die Technik Thema. In einem Erotik-Laden können sich die Frauen über stimulierende Spielzeuge, erotische Spiele oder andere Lustmacher informieren. Zudem steht eine Prostituierte für Fragen aller Art zur Verfügung. Sie erklärt, was Männern besonders gut gefällt, und zeigt auf Wunsch auch ganz praktisch anhand einer Gurke, wie man dem Partner Lust verschafft. "Das ist bei unseren Teilnehmerinnen auf besonders großes Interesse gestoßen", sagt Wiebke Pantos und lacht. "Unser Gackern konnte man noch drei Häuser weiter hören", ergänzt Teilnehmerin Iris grinsend.

Acht Frauen nahmen an dem ersten Wochenendseminar des Instituts teil, zwischen 25 und 63 Jahre alt. "Ich war selbst überrascht, dass innerhalb kürzester Zeit zwischen so verschiedenen Frauen eine dermaßen intime Atmosphäre entstanden ist", sagt Wiebke Pantos. "Vielleicht liegt es gerade an der Fremdheit: Freundinnen gegenüber hätten die Frauen wohl größere Schamgefühle gehabt."

Den Gründerinnen von "EWA" ist es wichtig, sich von esoterischen Angeboten oder Schmuddelofferten abzuheben - und eine Alternative zu sexualmedizinischen Angeboten zu schaffen, bei denen sexuelle Störungen im Vordergrund stehen. Weder gibt es ein erotisches Patentrezept noch eine Erfolgsgarantie. "Nicht in jeder Beziehung ist es möglich, die Erotik zu beleben", sagt Psychotherapeutin Wiebke Pantos. Wenn das Sexleben völlig tot sei, sei es schwierig, es mit neuer Energie zu füllen. "Man muss schauen, ob die Bereitschaft da ist. Zudem erfordert es Zeit, Mut - und viel Spielfreude."

Die nächsten Seminare finden am 18./19.8. sowie 15./16.9. statt. Kosten: 290 Euro. Mehr Infos: www.lust-auf-lust.net