Technik

Leben im Kraftwerk

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Nicole Dolif

Eine vierköpfige Familie aus Prenzlauer Berg testet das "Energieeffizienzhaus Plus" ein Jahr lang auf Alltagstauglichkeit. Nicht nur Katze Susi gefällt es dort

- Eingekeilt zwischen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben und einem Hochhaus neueren Datums steht der anthrazitfarbene Kubus. Mitten in Charlottenburg, an der Fasanenstraße, unweit des "Gürteltieres" und des Kudamms. Aus den geöffneten Fenstern der gegenüberliegenden Universität der Künste schallt Klaviergeklimper herüber, in der Einfahrt stehen zwei Elektroautos zum Aufladen. So also sieht die Zukunft aus. Zumindest für das Bundesbauministerium. Sie stellten dort das 1,75 Millionen Euro teure Vorzeigeprojekt "Effizienzhaus Plus" auf. Das Haus produziert mehr Energie, als es verbraucht. Ob es auch alltagstauglich ist, sollen Jörg Welke (42), seine Frau Simone Wiechers (42), die beiden Kinder Freyja (12) und Lenz (8) und Katze Susi nun herausfinden. Die Familie hat für ein Jahr ihre Altbau-Wohnung in Prenzlauer Berg gegen das High-Tech-Haus in Charlottenburg getauscht.

Dauernd Gruppenführungen

Katze Susi streckt sich auf dem Gartenstuhl und schnurrt. Die alte Katzendame fühlt sich offensichtlich wohl. "Am Anfang hat ihr der Umzug aber gar nicht gefallen", sagt Freyja, "da saß sie nur unter dem Bett und wollte sich nicht mehr anfassen lassen." Zum einen war sie sicher gestresst durch das neue Umfeld, aber noch heftiger war für Susi der Rummel. Jeden Tag liefen Gruppen von Menschen durch das Haus. Journalisten, Studenten, Wissenschaftler. Freyja führte Reporter der Kinder-Nachrichtensendung "Logo" durch das Haus, erklärte Displays und Schalter. "Dass das Interesse so groß sein würde, haben wir nicht gedacht", sagt Jörg Welke. "Das ist schon ziemlich anstrengend. Aber auch schön. Wir sind hier jetzt so ein bisschen zu Energiebotschaftern geworden."

Jörg Welke steht an der Espressomaschine in der Küche und schäumt Milch auf. Die offene Wohnküche ist der Hauptaufenthaltsraum des Hauses. Er ist groß und schön hell. Am Esstisch wird gespielt und abends auf dem riesigen Flachbildschirm in der Sofaecke ferngesehen. "Der Fernseher ist super", sagt Freyja. "Da hat man auch gleichzeitig immer Internet und kann Emails lesen. Das kann unser Fernseher zu Hause nicht." Im ersten Stock befinden sich ein großes Schlafzimmer und zwei Kinderzimmer. Dieser Bereich ist für Besucher tabu. "Ein bisschen Privatsphäre muss sein", sagt Jörg Welke. In seinem Zimmer spielt Lenz gern Gitarre oder baut seine Eisenbahn auf. Manchmal muss er die Schienen bis unter das Bett verlegen, weil der Platz nicht reicht. "Die Kinderzimmer könnten etwas größer sein", sagt der Achtjährige. "Es ist ein bisschen ungerecht, dass meine Eltern ein riesiges Schlafzimmer haben und unsere Zimmer kleiner sind." Auch Freyja könnte gut ein paar Quadratmeter mehr gebrauchen. Sie spielt Cello und hat auch oft Freundinnen zu Besuch. "Da wird es manchmal ein bisschen eng", sagt sie. "Aber sie kommen trotzdem alle gern her, weil sie das interessant finden, wie wir hier wohnen."

Auf den 130 Quadratmetern Wohnfläche sind die neuesten technischen Errungenschaften auf dem Gebiet der Energieeffizienz verbaut. Dank Wärmepumpe und modernster Fotovoltaik-Anlage auf Dach- und Fassadenflächen produziert das Haus mehr Strom, als es verbraucht. Die Energie wird in einer Hochleistungsbatterie gespeichert und unter anderem dazu genutzt, die Elektrofahrzeuge - zwei Autos und zwei Räder - zu betanken. Das Einfamilienhaus ist somit ein eigenständiges kleines Kraftwerk, das seinen Überschuss an Strom in das öffentliche Netz einspeisen kann.

Gesteuert wird diese Technik von Familie Welke-Wiechers über zwei Touchpanels im Haus sowie über Smartphones. So kann Jörg Welke zum Beispiel schon am Tag vor einem geplanten Ausflug vorgeben, wann er ein Fahrzeug nutzen und welche Strecke er nehmen möchte. Ein Regelungssystem ermittelt dann eine optimale Ladestrategie für die Autos. Auch die Jalousien des Hauses lassen sich über die Smartphones steuern. "Das ist ganz praktisch, aber nicht unbedingt notwendig", sagt der Historiker, der für die Öffentlichkeitsarbeit eines Umweltinstituts arbeitet. "Zum Teil ist das auch viel technische Spielerei, die im Alltag nicht unbedingt sein muss", findet er. Sein Sohn Lenz sieht das ganz anders und lässt gerne per Smartphone die Außenjalousie des Hauses rauf- und runterfahren. "Das geht alles total einfach", sagt der Grundschüler begeistert.

Technik regeln per Smartphone

Und nicht nur das: Einige technische Raffinessen sind wirklich gut durchdacht. Im Moment hat es Jörg Welke zum Beispiel die Funktion angetan, mit der man eine "Szenerie" herstellen kann. "Wenn wir zum Beispiel die Szene "Abend" einrichten möchten, brauchen wir nur alle Lampen, die abends leuchten sollen, anschalten, die entsprechenden Jalousien hoch- oder runterfahren oder in einem bestimmten Winkel ankippen. Dazu werden noch die steuerbaren Steckdosen mit Lava- und Stehlampe geschaltet und dem System gesagt, dass es diese Szene 'lernen' soll. Zusätzlich können wir diese Szene automatisieren, das heißt, sie stellt sich immer dann ein, wenn, sagen wir mal, die Sonne untergeht plus 15 Minuten." Die Szene "Nacht" wiederum mache alles duster, fahre die wenigen noch nicht geschlossenen Jalousien herunter und schalte die Bewegungsmelder aus, erklärt der Familienvater, der bislang in seinem Leben eigentlich nicht besonders technikaffin war, aber mittlerweile zum Experten für innovative Haustechnik geworden ist. Enthusiastisch fährt er fort: "Das ganze funktioniert natürlich auch morgens. Wir brauchen keinen Wecker, sondern bestimmen einfach vorab, wann es im Haus hell werden soll. Dann wachen alle auf. Das ist sehr angenehm."

Dass sich das Haus dem Leben der Familie anpasst, wird sicher zu den Dingen gehören, die den Welke-Wiechers fehlen werden, wenn sie nach den 15 Testmonaten wieder in ihren alten Kiez nach Prenzlauer Berg ziehen. "Und die Elektroautos auch", sagt Freyja. "Ich habe mich schon sehr daran gewöhnt, dass ich jetzt immer mit dem Auto zur Schule und zum Musikunterricht gebracht werde. Vorher bin ich eigentlich immer Rad gefahren." Denn bis zu ihrem Einzug in das Energieeffizienzhaus hatte die Familie gar kein Auto. "In der Stadt kommt man mit öffentlichen Verkehrsmitteln und dem Fahrrad gut klar", sagt Vater Jörg Welke. "Und wenn wir einen größeren Ausflug machen wollten, haben wir uns eben ein Auto geliehen."

Doch auch er muss zugeben, dass er sich an die Bequemlichkeit mit dem eigenen Auto vor der Tür schon ziemlich gewöhnt hat. "Vor allem, weil man ja kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man die Kinder damit durch die Gegend kutschiert." Schließlich produziert den Strom, den das Auto verbraucht, ihr Haus selbst. "Man muss nur aufpassen, dass man dadurch nicht anfängt, mehr Energie zu verbrauchen", sagt er. Das Ziel müsse weiterhin sein, Energie zu sparen. "Und wenn mehr produziert als verbraucht wird, sollte man die Energie ins Netz einspeisen und sich bezahlen lassen können. So bleibt der Anreiz, Energie zu sparen und nicht zu verschwenden", findet Jörg Welke.

Das hat der Vater auch von Anfang an versucht, seinen Kindern zu vermitteln. "Umweltbewusstsein hat in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt", sagt Jörg Welke. "Da ist es spannend für uns, mal eine Weile in einem Haus zu leben, das unter Energiegesichtspunkten alle im Moment verfügbaren Techniken ausschöpft." In einem Jahr ziehen sie wieder in ihre Altbau-Wohnung mit Gärtchen im Hof. Unter Energiespar-Gesichtspunkten natürlich ein Rückschritt. "Aber wir werden genau wie vorher auf unseren Energieverbrauch achten. Und trotz aller Bequemlichkeit werden wir auch kein Auto anschaffen", sagt Jörg Welke. Ein regelmäßigeres Carsharing mit Elektroautos könne er sich aber schon vorstellen.

Freyja und Lenz freuen sich aber auch schon wieder auf Zuhause. Auf kurze Wege zu den Freunden, der Musikschule, zum Sport und zur Schule. "Aber vor allen Dingen auf unseren Garten", sagt Freyja. "Der ist zwar kleiner als der hier im Effizienzhaus, aber dafür wächst da ganz viel. Im Moment zum Beispiel richtig leckere Erdbeeren."