Verkehr

Sicher auf den Straßen der Stadt

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Beatrix Fricke

Um Wege gut zu bewältigen, brauchen Kinder vor allem Übung. Polizisten trainieren daher schon mit Vorschulkindern

- Poldi ist ein Troll mit zerzausten schlohweißen Haaren und einer Hakennase. Seine blauen Augen schauen traurig, denn er kommt aus dem Wald und ist nun in einem Kaufhaus mitten in Berlin verloren gegangen. So zumindest geht die Geschichte von René Berkefeld, Verkehrssicherheitsberater der Polizei im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Heute ist er bei den Vorschulkindern in der Kita Ringbahnstraße zu Besuch. Nach den Ferien sollen die Kinder ihren Schulweg sicher meistern können, und dazu gehört auch, sich vor Fremden zu schützen.

"Was soll Poldi bloß machen?", fragt der Polizist die 26 Kinder im Stuhlkreis und gibt Handpuppe Poldi ein zerknirschtes Aussehen. "Soll er einen Fremden um Hilfe bitten?" "Nein!", rufen die Kinder. "Er könnte ein Dieb sein!" René Berkefeld schmunzelt, dann wird er wieder ernst. "Genau. Ihr sollt niemals Fremde ansprechen. Man kann ihnen nicht an der Nasenspitze ansehen, ob sie gut oder böse sind. Besser ist es, zur Kasse zu gehen und Mama oder Papa ausrufen zu lassen." Doch was ist, wenn Fremde ihrerseits Poldi oder ein Kind ansprechen? Auch hier wissen die Kinder die richtige Antwort: Sie sollen "Nein" sagen und "Lassen Sie mich in Ruhe!" Aber was die Kinder theoretisch gut beherrschen, funktioniert in der Praxis nicht immer: Als René Berkefeld sich Sweatshirt und Basecap anzieht, mit Ball und Kuscheltier ausstattet und die Kinder einzeln zu sich lockt, lassen sich einige überreden, ihm zu folgen.

Selbstständig entscheiden

Auf sich allein gestellt Entscheidungen treffen, selbstständig handeln, sich nicht beirren lassen: Genau dies sind die Ziele der Verkehrserziehung der Polizei. "Hier in der Kitagruppe verhalten sich die Kinder meistens richtig, aber allein funktioniert plötzlich nichts mehr", weiß René Berkefeld, der seit 1999 als Sicherheitsberater in Kitas, Schulen und Seniorenheimen unterwegs ist. Nicht nur im Rollenspiel drinnen, auch bei Übungen draußen im Straßenverkehr beobachtet er, dass es den Kindern an Sicherheit mangelt. "Das einzige, was hilft, ist das Trainieren. Hier sind die Eltern gefragt."

Das Ziel, die Bürger für mehr Sicherheit auf den Straßen zu sensibilisieren, verfolgt auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat mit seinem "Tag der Verkehrssicherheit". Er findet an diesem Sonnabend zum achten Mal statt. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) hat zu diesem Anlass eine Studie zur Verkehrssicherheit von Kindern und Jugendlichen in Auftrag gegeben. Das ernüchternde Ergebnis: 2011 sind die Zahlen verunglückter Kinder und Jugendlicher bundesweit nach jahrzehntelangem Rückgang erstmals wieder gestiegen. Und: In Deutschland verunglücken, verglichen mit der Mehrheit der europäischen Nachbarländer, immer noch überdurchschnittlich viele Kinder. "Aus Angst vor Unfällen werden Kinder häufig im Elterntaxi zur Schule, zum Sport oder zum besten Freund gefahren. Das Chauffieren verhindert jedoch, dass Kinder sich selbstständig und sicher im Straßenverkehr bewegen lernen", kritisieren die Experten. Laut Studie gingen 1970 noch 91 Prozent der Erstklässler ohne Begleitung zur Schule, im Jahr 2000 nur noch 17 Prozent. 60 Prozent der Kinder unter neun Jahren werden mit dem Auto zur Schule gebracht. Bei den Zehn- bis 13-Jährigen sind es sogar 80 Prozent. "Damit sich Kinder und Jugendliche sicher im Straßenverkehr bewegen können, brauchen sie vor allem Übung", erklärt der Verkehrsclub.

Polizist René Berkefeld, der auch als Moderator beim Programm "Kind und Verkehr" der Verkehrswacht tätig ist, kann dem nur zustimmen. Daher fordert er die Vorschulkinder der Kita Ringbahnstraße nun auf, in neongelbe Sicherheitswesten zu schlüpfen und ihm auf die Straße zu folgen. Aufgeregt hüpfen die Fünf- bis Sechsjährigen auf dem Gehweg herum. "Das macht Spaß", findet Sarah. Doch gleich an der ersten Einfahrt gibt es lange Gesichter. In einer Zweierreihe nähern sich die Kinder dem Gefahrenpunkt Einfahrt. Das erste Kinderpärchen schaut nach links und rechts, aber die anderen Kinder marschieren einfach hinterher. "Halt! Stopp!", ruft René Berkefeld. Unerbittlich übt er mit jedem Kind den Sicherheitsblick, bevor es zur nächsten Aufgabe geht, dem Überqueren einer Straße zwischen zwei Autos. "Sichert euch ab, dass kein Auto, Motorrad oder Fahrrad kommt, dann geht zügig auf die andere Seite", fordert Berkefeld. Nur zögerlich wagen sich die Kinder nach vorn. Und selbst als die Fahrbahn frei ist, gehen sie nicht los. Sie schauen zum Polizisten auf, teilen ihm mit: "Ist frei!" - und warten auf seine Ansage, gehen zu dürfen. René Berkefeld schüttelt den Kopf: "Ihr sollt nicht mir Bescheid sagen, sondern selbst entscheiden!"

Erzieherin Sabine Sachs beobachtet die Situation. "Kinder, den Weg kennt ihr doch! Hier geht es zur Bibliothek!", versucht sie zu ermutigen. Jeden Tag gingen die Erzieherinnen mit ihren Gruppen nach draußen und übten Verkehrsregeln, erzählt sie. Die Vorschulkinder nähmen sie besonders in die Pflicht, etwa indem sie vorne gehen und Wege für die jüngeren Kinder absperren. "Doch die Kinder machen noch viele Faxen. Und sie warten auf das Kommando einer Respektsperson."

Erkenntnisse dank Video

Eva Litzke, Mutter von Joël, hat genau dieses Verhalten mit ihrem Sohn eingeübt. "Wenn wir zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind, erkläre ich ihm, wo er Halt machen soll. Dort wartet er, bis ich ihm sage, dass wir rüberkönnen." Auf dem Elterntreffen, das René Berkefeld am Abend der Verkehrsübung in der Kita einberufen hat, kann Eva Litzke beobachten, zu welchem Ergebnis dies führt. Denn sämtliche Übungen mit den Kindern wurden von einer Erzieherin auf Video aufgezeichnet.

Auf dem Video sieht Eva Litzke, dass Joël beim Überqueren der Straße sehr unentschlossen ist - und auch, dass er seine Adresse nicht weiß. Ein Problem, sollte Joël - wie Troll Poldi - einmal die Orientierung verlieren. "Wir haben beides gleich geübt", sagt Eva Litzke. "Es dauert jetzt zwar länger, bis wir am Ziel sind, aber ich bin stolz, wenn Joël es gut macht."

Für René Berkefeld ist der Tag damit ein Erfolg. "Der Elternabend ist das Wichtigste für mich. Die Polizei kann die Probleme aufzeigen, aber trainieren müssen die Eltern mit ihren Kindern." Er rät: "Behüten Sie Ihre Kinder nicht zu sehr. Wer loslässt, tut ihnen einen Gefallen."