Ratgeber

Wie bringe ich meinen erwachsenen Sohn dazu, auszuziehen?

Mein Sohn (21) macht seit 1,5 Jahren eine Ausbildung und wohnt noch zu Hause. Seit er mit seiner Ausbildung angefangen hat, geht er seinen Pflichten im Haushalt nicht mehr nach. Er schmeißt mir die Wäsche einfach hin, beteiligt sich nur widerwillig am Haushaltsgeld, geht nicht einkaufen und zieht sich total vorn mir zurück. Ich wünsche mir schon länger, dass er sich eine eigene Wohnung sucht und auszieht, aber ich kann ihn ja nicht einfach vor die Türe setzen. Haben Sie einen Tipp was ich tun könnte?

Ulla S., per E-Mail

Ihr Wunsch ist mehr als verständlich: Ihr Sohn soll wie ein Erwachsener Pflichten übernehmen, er ist kein Kind mehr. Obwohl das selbstverständlich erscheint, sind immer mehr Familien vom sogenannten "Nesthockerphänomen" oder "Hotel-Mama-Syndrom" betroffen. Neuen Studien zur Folge ziehen junge Erwachsene immer später aus und werden später selbständig. Tatsächlich ist es Zeit für Ihren Sohn, sein eigenes Leben zu führen. Die Abnabelung von zu Hause ist jedoch für manche jungen Erwachsenen schwerer als für andere. Sie kann aber nicht nur von Ihrem Sohn ausgehen, sondern auch Sie müssen eine aktive Rolle übernehmen, anstatt den aktuellen Zustand passiv zu "erleiden".

Diskutieren Sie klare Regeln und Pflichten. Erklären Sie unmissverständlich Aufgaben und Bedingungen, die er unbedingt einhalten muss, etwa Zahlung des Haushaltsgeldes und bestimmte Haushaltsarbeiten. Schließen Sie dazu eine richtige Vereinbarung, eventuell auch schriftlich. Hören Sie auf jeden Fall auf, Ihren Sohn wie ein Kind zu behandeln, indem Sie ihn weiterhin bedienen. Erklären Sie ihm zum Beispiel, wie er die Waschmaschine anstellt. Seien Sie konsequent und hören Sie ab diesem Moment auf, für ihn zu waschen, auch wenn das schwer fällt und er seine gesamte Wäsche verfärbt. Kündigen Sie Konsequenzen vorher an. Seien Sie hart in der Sache und bleiben Sie dabei ruhig, freundlich und ohne Vorwurfshaltung. Sagen Sie Ihrem Sohn, dass Sie erwarten, dass er auszieht. Klären Sie ihn über ihre zeitlichen Vorstellungen auf. Wie lange kann er noch bei Ihnen wohnen, wenn er seine vereinbarten Pflichten einhält, ab wann sollte er ausgezogen sein?

Auch vor einem eventuellen Rausschmiss sollten Sie nicht zurückschrecken. Diesen sollten Sie ebenfalls vorher ankündigen. Bleiben Sie auf jeden Fall hart, aber versuchen Sie auch Verständnis zu zeigen. Sprechen Sie in einer ruhigen Minute mit ihrem Sohn: Warum zieht er nicht aus? Vielleicht finden Sie heraus, warum sich Ihr Sohn so sehr gegen einen Auszug sträubt. Hat er vielleicht gute Gründe oder Ängste? Es kann ein Bündel an Ursachen sein und nicht allein Bequemlichkeit. Junge Erwachsene, die ohne Vater aufwachsen, haben meist ein besonders hohes Verantwortungsgefühl gegenüber der Mutter. Behandeln Sie Ihren Sohn stets wie einen jungen Erwachsenen und nicht mehr wie Ihren "kleinen" Sohn. Das ist auch von Ihrer Seite der entscheidende Schritt zur Abnabelung.

Auf www.bpb.de/shop/lernen/themenblaetter/36779/hotel-mama finden Sie weitere Anregungen. Sie können auch eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle aufsuchen, die meistens bis zum 21. Lebensjahr des Kindes beraten.

Dr. Heidemarie Arnhold ist Pädagogin und Vorsitzende des Arbeitskreises neue Erziehung (Ane)