Partnerschaft

Mein Freund hat EM

Fußballfieber ist eine ebenso schwere wie rätselhafte Krankheit - findet unsere Autorin

- Natürlich könnte es schlimmer sein. Zum Beispiel, wenn ich mich in einen Fanatiker wie John Westwood verliebt hätte. Das Fußballheft "11 Freunde" hat dem Anhänger des englischen Vereins FC Portsmouth gerade in einer Fan-Sonderausgabe sechs Seiten mit vielen Fotos gewidmet. Eins zeigt Westwood in seinem freizügigen, blau-weiß karierten Stadion-Outfit: Zylinder, Weste, Boxershorts und Clownsschuhe. Auf einem anderen Bild entblößt er seinen Zahnschmelz, auf dem der Vereinsname steht. In dem Artikel heißt es: "Westwoods Ex-Frau hat den Wahnsinn nicht mehr mitgemacht."

Nein, mein Freund ist kein halb nackter Fußballclown. Er besitzt nicht mal einen Schal seines Lieblingsvereins. Aber auch ihn plagt ein blau-weißes Problem: Er hat Hertha, und zwar im fortgeschrittenen Stadium. Heißt: Dauerkarte, Abo des Pay-TV-Angebots mit dem Furcht einflößenden Namen "Liga Total" (ich spreche das gern mit Diktatorenstimme) - und Abstiegsschmerzen in allen Facetten. Wut, Ratlosigkeit, Hoffnung, Resignation. Wenn ich Freunde traf, fragten sie stets besorgt: "Und wie geht es ihm?" Als plage ihn eine echte Krankheit.

Die Diagnose Fußballfieber kennen auch Fußball-Analphabeten wie ich, spätestens seit Nick Hornby das Fanbuch "Fever Pitch" schrieb. Darin bekennt er, "während alarmierend großer Abschnitte eines durchschnittlichen Tages ein Schwachsinniger" zu sein. Doch leider grassiert diese Epidemie gerade in halb Europa. Und natürlich sieht auch mein Freund alle 31 Spiele und macht mich drei Wochen lang zur Fußballwitwe. Und selbst meine schwulen Freunde und blonden Freundinnen haben sich mit einer harmloseren Mutation des Virus infiziert.

Leben und Tod

Aber egal in welcher Variante: Ich bin eine schlechte Krankenschwester. Eine, die zwar die Symptome kennt, aber trotz Hornby-Lektüre nicht weiß, was den Patienten fehlt. Vielmehr betrachte ich seit Jahrzehnten Spieltag für Spieltag, WM für WM und EM für EM all diese Fans so verständnisfrei, als handelte es sich um Migränepatienten, die sich regelmäßig zum Komasaufen treffen. Es ist höchste Zeit, das Rätsel dieses künstlichen Lebens mit den echten Schmerzen zu ergründen. Und meinem Freund mal andere Fragen zu stellen als jene, wann er endlich Dortmund-Fan wird und das Hertha-Elend ein Ende nimmt. Fangen wir also an. Am besten mit der laut Fanforen allerblödesten Fußballdeppen-Frage. Nein, nicht wie Abseits geht. Das weiß ich, ich habe als Kind selbst viel Fußball gespielt und in Bayern-Bettwäsche geschlafen. Aber heute bin ich groß. Und frage mich: "Fußball ist doch nur ein Spiel. Wieso regen Erwachsene sich darüber so auf?"

Darauf gibt es sehr, sehr viele, durchaus überraschende Antworten. "Manche glauben, Fußball ist eine Frage von Leben und Tod. Ich finde diese Einstellung nicht richtig. Ich versichere, Fußball ist viel, viel wichtiger", sagt mein Freund - und schiebt hinterher: "Die Antwort ist leider nicht von mir." Vielmehr ist sie einer dieser Fußball-Aphorismen, mit denen er vollgestopft ist wie ein alter Teddy mit Holzwolle. Die Sache mit dem Leben und Tod stammt von einem schottischen Trainer. Ob der das ernst meinte? "Halb ernst, halb ironisch", sagt mein Freund. "Das ist Fußballdialektik, die kannst du nicht so leicht erklären." Sagt's und holt erst mal einen Stapel Bücher aus dem Regal. Puh! So aufwendig hatte ich mir die Hobby-Nachhilfe nicht vorgestellt. Es geht also um irgendeine komplizierte Verzahnung von Realität und Spiel. Gut, dass Fußballfans große Schlaumeier sind, wie jeder weiß, der ihnen mal beim Fernsehschauen zugehört hat. Kommentatoren, Moderatoren, Experten, Schiedsrichter, Trainer, Oliver Kahn - alles Trottel. Das wahre Wissen sitzt im Fan. Blättern wir uns halt kurz durch ein paar bedeutsame Werke zum Sujet. Eins davon trägt den sicher auch halb ernst, halb ironisch gemeinten Titel: "Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen." Autor Christoph Biermann liefert eine Antwort auf die Frage nach dem übergroßen Ernst des Spiels. "Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett", schreibt er. Mein Freund übersetzt die Erklärung in meine Hobbywelt: "Das ist wie Yoga. Versenkung pur."

Da hakt es wieder in meinem Kopf. So richtig will dort nicht hinein, dass mein heiliges Hobby etwas mit diesem Stadionkrach zu tun haben soll, der so oft aus dem XXL-Fernseher meines Freundes blökt. Und der mich derartig nervt, dass wir allein schon deshalb nicht zusammen, sondern in Wohnungen nebeneinander leben. "Im Yoga ist das doch auch so, dass man das Leben übt", sagt mein Freund. "Also ruhig atmen trotz Anstrengung." Guter Punkt. Ich kontere damit, dass ich während einer Yogastunde noch nie mit Bengalos beworfen wurde. Von Fan-Autor Biermann lerne ich, dass es noch einen dümmeren Satz gibt, als zu sagen, das sei nur ein Spiel. Und zwar: "Möge die bessere Mannschaft gewinnen." Wer so etwas von sich gebe, wolle "sich vernünftig verlieben, geschützt vor der Möglichkeit der Enttäuschung". Mir kommen allerdings Fußballfans so naiv vor wie Frauen, die versuchen, mit dem irren Schauspieler Charlie Sheen glücklich zu werden. Mein Freund wirft mir Gefühllosigkeit vor. "Du hältst die Spannung einfach nicht aus", sagt er. Vielleicht hat er recht. Ich kann wirklich nicht so gut blutige Thriller sehen. Aber ich mag Baseball, und das ist aufregend, ehrlich. Aber fragen wir vorsichtshalber eine Psychologin, ob mit mir etwas nicht in Ordnung ist.

Die Psychologin Dr. Wiebke Neberich arbeitet bei der Online-Singlebörse eDarling, die gerade 300 Mitglieder zum Thema Fußball befragte. Dabei kam heraus, dass nur jeder fünfte Mann wegen eines Fußballspiels auf ein Date verzichten würde. Ich stelle mir meinen Freund als Single vor. Nein, er würde kein für ihn wichtiges Spiel sausen lassen. Und das sind viele. Dass er neben mir nicht nur diese Hertha hat, wurde mir schmerzlich an dem Tag bewusst, als er das Afrika-Cup-Achtelfinale guckte, während er nebenbei versuchte, mir dabei zu helfen, eine Ikea-Abzugshaube an einen Schrank zu frickeln.

Statistik statt Emotion

Gibt es noch andere Fußballwitwen? Siehe da: Im Internet findet sich Fußballwitwe.com, eine Seite mit Informationen über Fußballwetten. Die Betreiberin hat es noch härter erwischt als mich. Die Deutsche ist mit einem Briten verheiratet, einem Manchester-Fan, der sich nach der Hochzeit als leidenschaftlicher Wetter entpuppte. Und als einer, der sich jedes Fußballmatch der Premier League anschaut. Bei einem Skype-Gespräch erzählt die "Fußballwitwe", die am liebsten auch nur mit diesem Namen zitiert wird: "Meinen Blog habe ich an Silvester 2010 nach seinem tagelangen Gekucke als Antifrustrationsprojekt gestartet." Und weil sie Mathematikerin ist, geht es darin vor allem um Wahrscheinlichkeiten, wie Fußballspiele ausgehen. "Ich wollte diesen Sport mal auf einen realistischen Boden stellen", sagt sie - und berichtet von großen Erfolgen. Inzwischen hat sie einige Tausend Leser, ihr Mann hilft dabei, Statistiken zu erstellen. "Und er hat begriffen, dass Fußballergebnisse Zufallsfolgen sind. Seitdem macht ihm die Sache weniger Spaß." Jetzt wettet er nur noch nach mathematisch-statistischen Kriterien. Und schaut nicht mal mehr jedes Manchester-Spiel. "Die Emotionen sind endlich raus", sagt seine Frau.

Ich weiß nicht, ob ich neidisch sein soll. Mein Freund ganz cool, fieberfrei? Ich stelle mir vor, wie er durch die Wohnung schleicht - und sich auf die noch lärmigere Formel 1 verlegt. Oder er versucht es mit echt gefährlichen Abenteuern, Klettern oder Gleitschirmfliegen zum Beispiel. Da lobe ich mir die EM. Da sind die Überlebenschancen ganz gut.