Privatinsolvenzen

Mutter, Vater, Kind - kein Geld

Fast 6300 Berliner Haushalte gingen 2011 in die Privatinsolvenz. Eine Mutter erzählt vom Weg ihrer Familie in die Schuldenfalle

- Mira Ischwitz (Name geändert) schaut auf den schlanken Ordner vor sich auf dem Tisch. Die 40 Seiten dokumentieren die Schuldengeschichte der 36-jährigen Arzthelferin. Angefangen hat sie 1995 mit einem Fehler: "Der Mann war meine erste große Liebe. Als er mich bat, einen Kredit über 30.000 DM für ein Geschäft aufzunehmen, habe ich das gemacht." In einer Spandauer Bankfiliale setzt sie ihre Unterschrift unter den Vertrag. Ihr Einkommen reicht der Bank als Sicherheit.

Auf der anderen Seite von Tisch und Akte sitzt Elke Schumacher von der Steglitzer Schuldnerberatung des Deutschen Familienverbandes: "Das ist ein typisches Verhalten von Banken. Und Kredite für den Partner aufzunehmen oder für ihn zu bürgen, ist typisch für Schulden von Frauen", sagt die Sozialarbeiterin.

Das Geschäft zerschlägt sich. Mira Ischwitz zahlt allein die Raten ab, bis sie im Jahr 2000 zwei Kinder bekommt. Kurz darauf zerbricht die Beziehung. Was bleibt, ist eine alleinerziehende Mutter, die wegen der kleinen Kinder nicht arbeiten kann und die Raten nicht mehr bedient. Zunächst hält die Bank still. Nach drei Jahren folgen Zahlungsaufforderungen, Mahnungen und weitere unangenehme Überraschungen. Der Ex hat unter ihrem Namen Autos gemietet, die Rechungen aber nicht bezahlt. Mira Ischwitz arbeitet jetzt halbtags, bezieht weiter Hartz-IV-Leistungen und stottert in Kleinstraten die Schulden ab. "Das war die Zeit der Angstbriefe", sagt sie. "Ich konnte nicht mal die Zinsen zahlen, die Schulden wurden größer statt kleiner."

"Die Kinder sollen nichts merken"

Die Briefe der Banken, Inkassounternehmen, Gerichte wandern ungelesen in die Schublade. "Ein verbreiteter Schutzmechanismus, wenn man mit der Lage nicht mehr fertig wird", kommentiert Schumacher. Neue Schulden kommen hinzu, denn ihre gelegentlichen Katalogkäufe bezahlt Ischwitz auch nicht. "Heute kann ich wegen des Schufa-Eintrags nichts bestellen und kaufe mir nichts Neues in Geschäften", sagt die schlicht gekleidete und frisierte Frau. "Anfangs habe ich auch für die Kinder Second Hand gekauft. Aber die sollen von meiner Lage nichts merken."

2011 galten gut 12 Prozent der Berliner Haushalte als überschuldet. Im Schnitt leben sie mit rund 30 000 Euro im Soll. Wann Überschuldung beginnt, ist nur vage definiert. Das Bundesfamilienministerium spricht von Überschuldung, wenn das "Einkommen über einen längeren Zeitraum nach Abzug der Lebenshaltungskosten trotz Reduzierung des Lebensunterhalts nicht zur fristgerechten Schuldentilgung ausreicht."

Sparen und Verzicht lautet das Regierungsmotto. Gerade das setzen Eltern bei ihren Kindern nicht um, denn die sollen von den Sorgen nichts erfahren. Die Motive der Verschleierung liegen zwischen Scham und dem Bedürfnis, die Kinder in einem sicheren Gefühl aufwachsen zu sehen. Dabei wirtschaften Familien nach den Zahlen des Familienverbandes eigentlich sorgfältig. Nur in 34 Prozent der 2011 beratenen Haushalte lebten Kinder.

Mira Ischwitz Schuldenkarriere entwickelt ein Eigenleben. Es gelingt nicht, die aufgelaufenen Summen zu tilgen. 2007 heiratet sie. Zwei Jahre später wird Sohn Castro geboren. Wieder fällt ein Einkommen in der Familie aus. Im Winter wird ihr auf dem Bau arbeitender Ehemann regelmäßig arbeitslos. Immer wieder stockt das Jobcenter das Familieneinkommen auf. Die Ansprüche der älteren Kinder steigen. Die Familie nutzt zwar das Bildungspaket Ursula von der Leyens, aber der monatliche Zuschuss von zehn Euro je Kind zum Fußballverein deckt die Kosten von Schuhen, Trikots und Spielerfahrten bei weitem nicht. "Große Ansprüche stellen meine Teenager nicht. Wenn ich das Taschengeld mal nicht mehr habe, sagen sie: Lass mal, gib's mir nächste Woche." Die Kinder wissen, dass Geld knapp ist. Ein Auto, Urlaub im Süden? Geht nicht. Am Wochenende bestimmen die Sonderangebote der Supermärkte den Einkaufszettel. Die Kinder fragen, warum die Schule die Bücher für sie stellt. Da fallen Erklärungen schwer.

Ansprüche der Kinder wachsen

Sohn Castro ist erst vier. Er erkundet das schlichte Büro der Beratungsstelle und ahnt von all dem noch nichts. Aber auch seine Ansprüche werden steigen. Der Familienverband plant Kinder und deren Wünsche daher in die Schuldnerberatung mit ein. "Taschengeld ist ein fester Posten im Haushaltsplan, den wir mit Familien aufstellen", sagt Elke Schumacher und zählt auf, was Eltern beherzigen müssen. "Die Eltern sollten Vorbild sein - und keine neuen Schulden machen, die sie mit ihrem Einkommen nicht decken können. Kinder müssen früh lernen, ihr Taschengeld selbst einzuteilen. Da müssen auch Fehlentscheidungen möglich sein." Bei älteren Kindern sei es wichtig, sie auf Kostenfallen im Internet wie Abos oder illegale Downloads vorzubereiten. "Jugendliche sollten von ihren Eltern Grundsätzliches über Geld lernen. Was ist ein Girokonto, was ein Dispo-Kredit?"

Um ihrer Familie eine Perspektive zu bieten, entscheidet sich Ischwitz 2011 für den Gang in die Schuldnerbratung. Denn die Inkasso-Firmen drängen. Aus dem Kredit von umgerechnet 15.000 Euro sind trotz jahrelanger Tilgungen 20.425 Euro geworden. Unwillkürlich streicht Mira Ischwitz Elke Schumacher über beide Hände: "Sie haben mir so geholfen", sagt sie. Über Schulden zu reden, ist hoch emotional. "Wir haben immer Taschentücher hier", sagt Elke Schumacher.

Mit Hilfe der Schuldnerberatung beantragt Familie Ischwitz die Privatinsolvenz. Sie zählt zu 6274 Haushalten der Stadt, die diesen Weg 2011 beschreiten dürfen. Das Schuldenbarometer der Hauptstadthaushalte steigt damit gegen den Bundestrend um 5,2 Prozent an. Nicht, weil Berliner prassen. Der "Überschuldungsreport 2011" des Instituts für Finanzdienstleistungen in Hamburg ermittelt falsches Konsumverhalten nur bei jedem zehnten Überschuldeten. Das entspricht den Zahlen des Statistischen Bundesamts, nach denen bundesweit ebenfalls bei zehn Prozent der Beratenen "unwirtschaftliche Haushaltsführung" Hauptauslöser der Überschuldung war. In Berlin zählen die hohe und lange Arbeitslosigkeit sowie niedrige Löhne zu den Ursachen. Trennung, Scheidung, Tod des Partners bilden eine zweite Gruppe von Gründen. Gescheiterte Existenzgründungen, lange Krankheiten, Sucht sind ebenfalls Schuldenfallen.

Familie Ischwitz wird es über das Insolvenzverfahren noch sechs Jahre "Wohlverhalten" kosten, bis sie aus dem Schuldenlabyrinth des Jahres 1995 heraus ist. "Aber bis dahin sind zwei meiner drei Kinder arm aufgewachsen", sagt Mira Ischwitz.