Ursula von der Leyen

Experimente mit der Ministerin

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen besuchte Kinder in sozialen Lernprojekten in der Weddinger Gartenstadt Atlantic

- Immer wieder steckt Ibrahim die Magneten auf seinem kleinen Spielzeugauto neu, damit sein getunter Wagen auch richtig abgehen kann. Es klappt nicht. Vielleicht ist der Fünfjährige zu aufgeregt, um die Pole richtig zu postieren. Schließlich ist es schon etwas Besonderes, wenn einen die Bundesarbeitsministerin im Kiez besucht. Ursula von der Leyen (CDU) macht sich am Montagabend ein Bild von den Lernwerkstätten im Lichtburg-Forum der Gartenstadt Atlantic in Wedding.

1200 Menschen leben in der denkmalgeschützten Wohnanlage zwischen Behm-, Bellermann- und Heidebrinker Straße, "etwa 40 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund", weiß der Projektkoordinator der Lichtburg-Stiftung, Yavuz Yer. Kulturelles Zentrum der Gartenstadt ist das Lichtburg-Forum, zu dem auch die vier Lernwerkstätten gehören. Sie bieten den Kindern im Kiez eine Möglichkeit Bildungsangebote wahrzunehmen. Im "Klingenden Museum" können sie Instrumente ausprobieren, in der Werkstatt "Zauberhafte Physik" Experimente durchführen, wie Ibrahim es an diesem Tag tut. Andere Kinder setzen sich in der "Lernwerkstatt Museum" mit Kunst auseinander und speziell für Jugendliche aus dem Wedding gibt es außerdem eine Theaterwerkstatt. "Wir sind umgeben von sozialen Brennpunkten, daher ist es wichtig für die Kinder, spielerisch die Welt erobern und sich so schon früh mit physikalischen Phänomenen beschäftigen zu können", sagt die Projektleiterin der Lernwerkstatt Physik, Elisabeth Korb. Dabei spiele es zunächst keine Rolle, welche Sprache die Kinder gut sprechen können. Über die spielerische Beschäftigung verbesserten sie ganz nebenbei ihre Deutsch-Kenntnisse.

Die Pädagogen wissen, wie wichtig es ist, dass Kinder auch außerhalb der Schule Bildungsangebote wie die Lernwerkstätten wahrnehmen können. Besonders für Kinder mit Migrationshintergrund, von denen viele Sprachprobleme haben, weniger höhere Schulabschlüsse ablegen und später mehr Schwierigkeiten auf dem Ausbildungsmarkt haben, sei solch eine Förderung wichtig. "Insofern sind die Lernwerkstätten auch ein wichtiger Beitrag zur Integration", sagt Yavuz Yer.

Auch Ursula von der Leyen ist beeindruckt von der Arbeit der Lernwerkstätten: "Das ist aktiv gelebte Sozialarbeit und genau der Ort, an den die Gelder des Bildungspaketes fließen sollten. Hier wartet man nicht darauf, bis die Dinge aus dem Ruder laufen, sondern sie werden mit Eigeninitiative schon früh auf den Weg gebracht." Geduldig lässt sich die Bundesarbeitsministerin am Montag von den Kindern die Experimente mit den Magneten erklären und schlägt Ibrahim auch gleich ein kleines Autorennen vor.

Der Besuch der Ministerin eröffnet eine gemeinsame Veranstaltungsreihe der Lichtburg-Stiftung und der Vodafone Stiftung Deutschland. Unter dem Motto "Gesellschaft und Zukunft - Was hält Deutschland zusammen?" sollen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur mit Menschen vor Ort über Probleme und bessere Wege des Zusammenlebens sprechen. Das Prinzip, über Einbeziehung Zusammenhalt zu fördern, hat sich die Gartenstadt Atlantic zum Thema gemacht.

Kooperation mit Schulen

Erbaut wurde das Areal in den 20er-Jahren nach Plänen des Architekten Rudolf Fränkel. Als Reaktion auf enge Mietskasernen bot die Gartenstadt helle Wohnungen und breite Grünstreifen. Im Zentrum der Anlage stand der Lichtburg-Komplex mit einem reichen Kulturangebot und einem der größten Kinosäle der Stadt. Die Gartenstadt gehörte damals zum Besitz des deutsch-jüdischen Filmpioniers Karl Wolffsohn. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Familie zwölf Jahre darum kämpfen, die Wohnanlage zurück zu bekommen. Heute gehört sie dem Enkel Michael Wolffsohn und dessen Frau Rita. Von 2001 bis 2005 steckte der Historiker und Publizist große Teile seines Privatvermögens in die Modernisierung der Wohnanlage mit dem Ziel ein deutsch-jüdisch-türkisch-interkulturelles Wohnprojekt zu schaffen.

"Es reicht nicht, nur Fassaden zu lackieren", sagt Yavuz Yer. Auch die Lebens- und Bildungsbedingungen müssten stimmen. Deshalb wurden mit der Modernisierung der Gartenstadt auch die Lernwerkstätten als ein die Integration fördernder Bestandteil entwickelt. Heute ist die Gartenstadt wieder eine gefragte Wohnadresse, die auch immer mehr Familien aus der Mittelschicht anzieht, die vorher den Kiez verlassen hatten. Für Yavuz Yer ein Beweis dafür, dass das Projekt den Praxistest bestanden hat. Trotz des Erfolgs bekommt die Stiftung kaum finanzielle Unterstützung. Die Angebote laufen nur dank des ehrenamtlichen Engagements und der stetigen Suche nach Sponsoren. Aufhören wollen die Initiatoren dennoch nicht. Yavuz Yer versucht gerade, die Kooperation mit Schulen auszubauen - um die Bildungsangebote miteinander zu vernetzen. Wie wichtig das ist, hat sich gerade in einer am Montag veröffentlichten Untersuchung gezeigt, nach der die Erstklässler in Gesundbrunnen die meisten Sprachdefizite innerhalb Berlins aufweisen. Und Yavuz Yer weiß: "Nur wenn der Kiez gute Schulen bietet, kommen auch die bildungsorientierten Familien".

Auch für Jugendliche sind weitere Projekte geplant: Yavuz Yer hat bereits Kontakt zu großen deutschen Unternehmen aufgenommen, um denen in der Gartenstadt Raum für Lehrgänge zu geben. Das hätte für beide Seiten Vorteile: Die Jugendlichen bekommen einen Einblick in die Arbeit der Unternehmen, die Manager können potenzielle Auszubildende kennenlernen.

Für Ibrahim ist das aber noch Zukunftsmusik. Er freut sich jetzt erst einmal, dass er eine echte Ministerin beim Autorennen abgehängt hat. Das Lob, das er dafür von Ursula von der Leyen bekommen hat, wird ihn noch lange mit Stolz erfüllen. Und dies wiederum ist vielleicht der schönste Zuspruch für die Gartenstadt Atlantic und die Lichtburg-Stiftung: Die Begeisterung der Kinder aus dem Kiez wirkt wie eine Aufforderung, weiterzugehen auf diesem Weg zur Integration.