Pflege

Alt geworden in der zweiten Heimat

Die erste Generation der Gastarbeiter ist im Rentenalter. Doch die Pflegeeinrichtungen sind kaum auf ihre Bedürfnisse eingestellt

- Der wohl letzte Umzug ihres Lebens führte Saadet Roylaz (73) in eine WG. Seit September vergangenen Jahres lebt die alte Dame in einer betreuten Wohngemeinschaft für Pflegebedürftige im Böhmischen Viertel in Neukölln. Laut Betreiber, dem Pflegedienst Alia Care, die "türkische Alternative zum Heim". Für Saadet Roylaz ein Ort, an dem man sie versteht - in ihrer Krankheit, aber auch ihrer Herkunft, ihrer Kultur, ihrer Muttersprache.

Saadet Roylaz kam als sogenannte Gastarbeiterin 1970 aus Istanbul nach Berlin. Von ihrem Ehemann ließ sie sich scheiden, er ging zurück in die Türkei. Also zog sie ihre fünf Kinder allein groß, arbeitete 20 Jahre lang in einer Schokoladenfabrik, "zuletzt als Vorarbeiterin", erzählt sie stolz beim Tee in der gemütlichen WG-Wohnküche.

Ein Schlaganfall machte sie zur Frührentnerin. Mit Unterstützung der mittlerweile erwachsenen Kinder blieb sie trotzdem noch ein paar Jahre in ihrer Kreuzberger Wohnung. Doch 2011 stellte ein Arzt bei ihr eine Demenz fest. "Uns Kindern war klar: Eine 24-Stunden-Betreuung können wir nicht leisten", sagt die Tochter. Sie ist zum Nachmittagstee gekommen, wie so oft. Drei der fünf Kinder von Saadet Roylaz haben studiert, auch darauf ist sie stolz, alle sind im Berufsleben voll eingebunden. Sie sahen sich zusammen etliche Pflegeheime an, doch nichts gefiel ihnen.

Über Bekannte hörte die Familie schließlich von den zwei Berliner Wohngemeinschaften mit 24-Stunden-Betreuung, "den einzigen für türkischstämmige Menschen in Deutschland", sagt Alia Care-Geschäftsführerin Selviye Spriewald. 2010 eröffnete sie die erste im Böhmischen Viertel, 2011 die zweite am Kaiserdamm. Fünf Krankenpfleger und Helfer kümmern sich im Schichtbetrieb rund um die Uhr um die demenzkranken WG-Bewohner. Was sie leisten, wird "kultursensitive Pflege" genannt: Gekocht wird meist typisch türkisch, ohne Schweinefleisch, es wird Deutsch und Türkisch gesprochen, es gibt landestypische Musiknachmittage und Koranabende. Die Körperpflege ist "geschlechtsidentisch", vor allem Frauen ist es wichtig, von Frauen gewaschen zu werden. Während die Betreuten in anderen Pflegeeinrichtungen mit Waschlappen gewaschen werden, wird hier stets fließendes Wasser benutzt - für Muslime ist es anders nicht vorstellbar.

Der Begriff der kultursensitiven Pflege (auch transkulturelle bzw. interkulturelle Pflege) geht zurück auf die US-Pflegetheoretikerin Madeleine Leininger, die in den 60er-Jahren ihre Idee entwickelte. Danach wird der ganzheitlich zu betrachtende Mensch durch seine Kultur, Werte und Normen seines sozialen Umfeldes geprägt. Kultursensitive Pflege berücksichtigt diese Vorstellungen. In den beiden türkischen Demenz-WGs in Berlin wird nach diesem Prinzip gearbeitet - alles ist speziell auf die Bedürfnisse der Bewohner ausgerichtet.

200.000 pflegebedürftige Migranten

"Die kultursensitive Pflege wird in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen", sagt Derya Wrobel, Leiterin des Berliner Informationszentrums für demenziell und psychisch erkrankte Migranten. Sie berät Betroffene und Angehörige und wird oft nach Einrichtungen gefragt, die den muslimischen Glauben und die türkische oder arabische Kultur achten. Sie könnte Recht behalten, denn die erste Generation der Gastarbeiter ist alt geworden.

Saadet Roylaz ist eine der bis zu 750.000 Türken, die nach dem 1961 abgeschlossenen Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei hierher kamen. Ein paar Jahre arbeiten, dann wollte sie zurück. Saadet Roylaz blieb, warum hätte sie auch gehen sollen? "Hier sind meine Kinder, hier ist meine zweite Heimat", sagt sie. Wie vielen ist ihr die Türkei fremd geworden und eher das Land ihrer Kindheit. Das Land der Gegenwart aber ist Deutschland. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sind 20 Prozent der in Deutschland lebenden Bevölkerung zugewandert oder Nachkommen von Zugewanderten, etwa drei Millionen Menschen haben ihre Wurzeln in der Türkei.

Knapp 200.000 Menschen mit Migrationshintergrund gelten als pflegebedürftig. Das sind 8,2 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland. Vermutlich, weil sie oft unter schweren Bedingungen gearbeitet haben, werden sie im Durchschnitt früher pflegebedürftig als deutsche Senioren. Sind es jetzt noch 1,4 Millionen über 65-Jährige mit Migrationshintergrund, werden es laut der Berliner Stiftung "Zentrum für Qualität in der Pflege" im Jahr 2030 schon 2,8 Millionen sein. "Aber nur zwölf Prozent der stationären Einrichtungen und ambulanten Dienste in Deutschland gehen auf die speziellen Bedürfnisse dieser Menschen ein, indem sie kultursensitive Pflege anbieten", sagt der Stiftungsvorsitzende Ralf Suhr. "Die kultursensitive Pflege steckt in Deutschland nach wie vor in den Kinderschuhen." Letztlich gehe es dabei nicht ausschließlich um die Bedürfnisse von Migranten - sondern vielmehr allgemein um Bedürfnisse und Herausforderungen, "die kulturell, biografisch oder sozial geprägt sein können". Um den unterschiedlichen Lebensstilen in unserer Gesellschaft gerecht werden zu können, müsse auch die Ausbildung von Pflegekräften in puncto interkulturelle Kompetenz angepasst werden.

Die Stiftung hat eine Studie der Charité unterstützt, die die Alters- und Pflegevorstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund erforschen wollte (siehe Interview). Sie zeigt: Gerade in der ersten Gastarbeitergeneration gibt es viele Vorbehalte und Ängste gegen professionelle Pflege. Dabei sei die Tabuisierung von Demenz und Pflegebedürftigkeit ein Problem, das es zwar auch in der deutschen Bevölkerung gebe, sagt Derya Wrobel. "Bei türkischen und arabischstämmigen Familien ist dies aber noch viel ausgeprägter. Die professionelle Betreuung von Pflegebedürftigen wird oft mit Entmündigung gleichgesetzt."

Saadet Roylaz fühlt sich nicht entmündigt. Sie ist noch dabei, ihr WG-Zimmer einzurichten: ein Bett, einen Sessel, zwei Kommoden, einen Kleiderschrank hat sie schon. Im Regal stehen Bücher und Kosmetika, nun möchte sie noch Bilder aufhängen, die sie früher selbst mit Acrylfarben gemalt hat. Wobei sie in ihrem Zimmer eigentlich nur sei, wenn sie mal in Ruhe lesen möchte. Meistens sitzt sie mit den anderen sieben Bewohnern am großen Tisch im offenen Wohn- und Essbereich, hilft beim Kochen der gemeinsamen Mahlzeiten oder genießt die Sonne auf der kleinen Terrasse im Hof.

Oft ist Besuch da. "Verwandte bringen Kuchen vorbei, wir kochen Tee zusammen - eigentlich ist immer viel los", sagt Einrichtungsleiterin Selviye Spriewald. Das gefällt auch Saadet Roylaz. Sie habe sich von Anfang an wohl gefühlt, sagt sie, "wegen der familiären Atmosphäre." Auch ihre Kinder hätten gleich ein gutes Gefühl gehabt. "Das Essen schmeckt ihr, sie ist umgeben von Menschen, die Zeit für sie haben, bekommt viel Input - andernfalls würde die Demenz sicherlich schneller voranschreiten", sagt die Tochter. Und selbst wenn mal nicht so gute Stimmung ist, etwa weil ein Bewohner stirbt, wie gerade geschehen, ist zumindest immer jemand da.

Dieser Umstand sei erst für viele ungewohnt, sagt Selviye Spriewald. "Wohngemeinschaften sind in der Türkei nicht üblich." Dazu komme, dass viele Angehörige sich anfangs dafür schämten, überhaupt professionelle Hilfe bei der Betreuung ihrer Eltern zu benötigen - "wir versuchen, ihnen das schlechte Gewissen zu nehmen. Denn je früher die Betreuten hier einziehen, desto besser können sie sich eingewöhnen."

Rücksicht auf Gewohnheiten

In einer gerade erschienene Studie zur Pflegebedürftigkeit von Menschen mit Migrationshintergrund stellte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge außerdem fest, "dass nicht alle älteren Migranten Verwandte in Deutschland haben, die diese Aufgabe übernehmen können und auch wollen". Die vielen ambulanten und stationären Pflegeangebote seien aber kaum bekannt. So haben laut Bundesgesundheitsministerium in 53 Prozent der Heime nur bis zu neun Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund. In 27 Prozent der Einrichtungen lebt kein einziger Migrant.

Ein Kompromiss für Familien, die sich scheuen, die Verantwortung gänzlich abzugeben, scheint da die Tagespflege. Kamil Akgün leitet mit einer Kollegin zusammen die Deta-Med Tagespflege, die 2003 auf dem Gelände des Gesundheitszentrums Moabit eröffnet wurde und älteren und kranken Menschen tagsüber Unterkunft, Verpflegung, Betreuung und Pflege bietet. Seit 1999 gibt es bei Deta-Med schon die kulturspezifische Hauskrankenpflege. "Wir nehmen Rücksicht auf Gewohnheiten und Wünsche und auf die religiöse und kulturelle Orientierung", fasst Kamil Akgün das Konzept zusammen. Alle Angestellten sprechen Türkisch, viele Mitarbeiter haben selbst türkische Wurzeln, kennen also kulturelle Gepflogenheiten. Zehn Angestellte sind für 20 Betreute zuständig. "Da ist ein anderer Umgang als im Pflegeheim möglich, wo quasi im Minutentakt abgerechnet wird. Wir nehmen uns Zeit."

Für die Tagespflege werden die Betreuten morgens zu Hause abgeholt und werden abends heim gebracht. Eine von ihnen ist Meral Oguz. Die 52-Jährige ist die jüngste hier, sie kommt zwei Tage die Woche. Meral Oguz, eine zierliche Frau mit warmen braunen Augen, stammt aus Urfa, einer Stadt im Südosten der Türkei. 1978 war sie ihrem Mann nach Berlin gefolgt. In der ersten Zeit habe sie nur geweint, erinnert sie sich. Besser wurde es, als die Kinder kamen: zwei Söhne und eine Tochter hat Meral Oguz. Sie arbeitete als Tagesmutter, "mit dem Geld habe ich mir gekauft, was ich wollte." Sie lächelt scheu. In dieser Zeit muss sie sich frei gefühlt haben. Die Freiheit hielt nicht lange.

Meral Oguz sitzt im Rollstuhl zwischen Birken, die Enden ihres Kopftuchs wehen leicht im Wind. Die Sonne scheint, deshalb verbringen die Betreuten den Vormittag im Garten. Ein älterer Herr wirft sich mit einer Pflegerin Bälle zu, ein Grüppchen lässt sich auf einer Parkbank aus einer Atatürk-Biografie vorlesen. Meral Oguz hält sich am Rand. Nach dem Tod ihres Mannes 1993 wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Mittlerweile kann sie sich kaum noch bewegen. "Das Leben ist nicht schön so", sagt sie leise. Früher sei sie einmal im Jahr in den Türkei-Urlaub gefahren. Jetzt bleibe nur das Telefon, um mit ihren elf Geschwistern den Kontakt zu halten. Lichtblick sind für sie die Physiotherapie- und Massage-Termine. Und Spielnachmittage. "Bingo" mag sie, und "Mensch ärgere dich nicht".

Im sonnengelb gestrichenen Flur der Deta-Med Tagespflege hängen viele Fotos, Schnappschüsse von der Ankunft der ersten Gastarbeiter in Tempelhof, Familien im 70er-Jahre-Outfit in den Straßen West-Berlins. Sie halten die Erinnerungen lebendig. Die meisten Betreuten hier haben Demenz.

Mittagszeit. Durch den Flur zieht der Geruch von Gemüsesuppe. Jeden Tag gibt es Suppe, Hauptgericht und Nachtisch. Gekocht wird überwiegend Türkisch. Heute allerdings gibt es Fischstäbchen mit Gemüse und Salzkartoffeln. Meral Oguz plaudert mit den anderen Frauen, dann wird Bingo gespielt. Ein guter Tag.